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Vom Fischerdorf zum Mythos

Étretat, einst ein einfaches Fischerdorf an der normannischen Küste, zog im 19. Jahrhundert zahlreiche Künstler an und wurde zum Mythos, der bis heute nachwirkt. Die Kuratoren der Ausstellung „Monets Küste. Die Entdeckung von Étretat“ erklären im Interview, warum dieser Ort bis heute so faszinierend ist und welche kunsthistorische Bedeutung er hat.

Elisabeth Pallentin — 18. März 2026

Sie haben sich über zwei Jahre mit rund 170 faszinierenden Kunstwerken beschäftigt, die in Étretat entstanden sind. Was hat Sie an den Darstellungen ganz besonders gefesselt? 

Eva Mongi-Vollmer: Es hat uns immer wieder überrascht, wie unterschiedlich sich die Künstler im Laufe des 19. Jahrhunderts dem Motiv der Kreidefelsen angenähert haben. Das hängt natürlich immer auch mit dem jeweiligen zeitlichen Kontext und dem Medium zusammen, in dem gearbeitet wird. Romantische Maler – und übrigens auch Literaten – interpretierten den damals noch kaum erreichbaren Küstenabschnitt als Ort des Schauers angesichts der gewaltigen Natur. Die noch neue Technik der Fotografie kam seit 1850 auch in Étretat zum Einsatz und hatte hier mit der besonderen Herausforderung zu kämpfen, das bewegte Meer trotz langer Belichtungszeiten so scharf wie möglich aufzunehmen. 

Ausstellungsansicht „Monets Küste. Die Entdeckung von Étretat“,  Foto: Städel Museum – Norbert Miguletz

Eugène Le Poittevin, Seebad in Étretat, 1866, Foto © Carole Bell, Ville de Troyes

Alphonse Davanne, N° 12 – Étretat. Die Manneporte, um 1862, Foto © Bibliothèque nationale de France

Alexander Eiling (Sammlungsleiter Kunst der Moderne, Städel Museum), Eva Mongi-Vollmer (Kuratorin, Städel Museum)

Zur gleichen Zeit widmeten sich einige Maler ein wenig augenzwinkernd dem damals in Mode gekommenen Badeleben der angereisten Touristen. Claude Monet wiederum bemühte sich ab den 1860er Jahren darum, Étretat als Ort der scheinbar unberührten, menschenleeren Natur in unterschiedlichen Licht- und Wettersituationen auf die Leinwand zu bringen. Jeder stellte sich seinen selbstgewählten Herausforderungen – und entsprechend abwechslungsreich blieb unsere Arbeit.

Im Fokus der Ausstellung steht der heute weltberühmte impressionistische Maler Claude Monet. Hat Monet den Ort Étretat damals berühmt gemacht?

Alexander Eiling: Étretat gewann schon im frühen 19. Jahrhundert für Künstler an Bedeutung. Étretat-Motive waren spätesten seit den 1830er Jahren auf den wichtigen Pariser Salon-Ausstellungen zu sehen. Monet ist Teil einer langen Reihe von Künstlern, die in Étretat arbeiteten – er tritt dabei in so manch große Fußstapfen, beispielsweise derer Gustave Courbets, der 1870 mit zwei Bildern aus Étretat seinen größten Ausstellungserfolg überhaupt feierte. 

Gustave Courbet, Felsen von Étretat, um 1869/70, © bpk / Nationalgalerie, SMB / Jörg P. Anders

Ausstellungsansicht „Monets Küste. Die Entdeckung von Étretat“,  Foto: Städel Museum – Norbert Miguletz

Henri Matisse, Étretat. Die Wäscherinnen, 1920, The Fitzwilliam Museum, Cambridge, Foto © The Fitzwilliam Museum, University of Cambridge

Aber natürlich hinterließ Monet seinerseits ein imposantes Werk, mit dem sich nachfolgende Künstler wie Henri Matisse befassten. Mit zunehmender Berühmtheit und wachsendem Verkaufserfolg trug Monet gewiss schon zu seinen Lebzeiten dazu bei, dass Étretat auch international bei einem breiteren Publikum noch bekannter wurde. Zeitgenössische künstlerische Positionen wie die von Elger Esser zeugen in unserer Ausstellung davon, dass der Stück für Stück entstandene Mythos Étretat bis heute nachwirkt.

Die Ausstellung vereint Leihgaben aus internationalen Sammlungen. Kommen einige Exponate auch direkt aus Étretat?

Eva Mongi-Vollmer: In Étretat ist – mittlerweile aufgrund des Massentourismus stark eingeschränkt – die grandiose Naturkulisse zu bewundern. Die Kunst, die dort entstand, aber nicht. Die Leihgeber aus Fécamp liegen mit gut 16 Kilometern Entfernung Étretat am nächsten. Die Mehrzahl der Werke, die wir in Frankfurt – wie zuvor schon in Lyon – zeigen, kommen aus Sammlungen in Europa. Nicht wenige haben aber sogar noch weitere Strecken hinter sich – sie reisen aus den USA und Kanada zu uns. 

Claude Monet, Stürmisches Meer bei Étretat, 1883, Musée des Beaux-Arts de Lyon, Foto © Lyon MBA – Photo Martial Couderette

Ausstellungsansicht „Monets Küste. Die Entdeckung von Étretat“,  Foto: Städel Museum – Norbert Miguletz

Das Ausstellungsprojekt entstand gemeinsam mit dem Musée des Beaux-Arts in Lyon. Wie darf man sich eine solche Zusammenarbeit vorstellen? 

Alexander Eiling: Die Zusammenarbeit der französischen und deutschen Teams war ausgesprochen angenehm und ergiebig. Unser Austausch fand zum Glück nicht nur digital und telefonisch statt, sondern war gekrönt durch eine gemeinsame Reise in die Normandie. Vor Ort konnten wir nicht nur den Eindruck der Klippen auf die Künstler nachspüren, sondern auch ein wenig „Standortarchäologie“ betreiben: Von welchen Positionen aus entstanden die Bilder und welche Aspekte des vom jeweiligen Maler gewählten Ausschnittes wurden bewusst verändert oder getilgt? 

Ausstellungsansicht „Monets Küste. Die Entdeckung von Étretat“,  Foto: Städel Museum – Norbert Miguletz

Anonym, Maler am Strand von Étretat, um 1900, Sammlung Pascal Servain, Fécamp, Foto © Collection Pascal Servain

Ausstellungsansicht „Monets Küste. Die Entdeckung von Étretat“,  Foto: Städel Museum – Norbert Miguletz

Was erwartet die Besucher der Ausstellung?

Eva Mongi-Vollmer: Wir präsentieren einen vielfältigen Rundgang, der das künstlerische Potential von Étretat von seiner Entdeckung bis in die Gegenwart nachzeichnet. Étretat als Künstlerort ist in Deutschland noch viel zu wenig bekannt. Es steht von seiner Bedeutung her auf einer Stufe mit Barbizon und Pont-Aven. Mit dieser Ausstellung wollen wir den Besuchern dieses wichtige Kapitel der Kunstgeschichte nahebringen. 


Die Ausstellung „Monets Küste. Die Entdeckung von Étretat“ ist noch bis zum 5. Juli 2026 im Städel Museum zu sehen. 

Vielen Dank an Dr. Alexander Eiling (Sammlungsleiter Kunst der Moderne, Städel Museum) und Eva Mongi-Vollmer (Kuratorin, Städel Museum).

Die Fragen stellte Elisabeth Pallentin, Stellvertretende Leitung Presse und Onlinekommunikation im Städel Museum. 

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