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Nach 100 Jahren wieder vereint

Sie ist eine der bedeutendsten Skulpturenerwerbungen in der Geschichte des Städel Museums: Nach hundert Jahren thront die Altenberger Madonna wieder in der Mittelnische ihres Altars – eine echte Sternstunde für das Städel.

Jochen Sander — 26. Februar 2026

Finsteres Mittelalter? Von wegen, wir stehen vor einer der schönsten und am besten erhaltenen Marienfiguren des Spätmittelalters! Um 1320 wird sie in Köln aus Holz geschnitzt und anschließend „gefasst“, wie man schon im Spätmittelalter sagte: Die Figur bekam mit Blattgold und leuchtenden Farben ihre bis heute wie durch ein Wunder erhalten gebliebene Fassung. Diese lässt sie wie das kostbare Werk eines Goldschmieds erscheinen. Maria ist auf ihrem Thron als Himmelskönigin in Szene gesetzt: Die goldenen, an den Säumen mit imitierten Edelsteinen besetzten Gewänder haben ein gemaltes Innenfutter. Es gibt Hermelinpelz wieder, der Herrschern vorbehalten war. In der Hand hielt sie ursprünglich ein als Lilienzweig gestaltetes Zepter, ihren Kopf schmückte eine – heute verlorene – Krone. Der Christusknabe steht auf Mariens Knie und hält einen Vogel in der Hand. Er pickt dem Kind in die Hand und erinnert damit an dessen spätere Passion.

Rheinischer Meister um 1330, Verkündigung und Geburt Christi / Heimsuchung und Anbetung der Könige, 1325 – 1335

Altenberger Altar, ca. 1330 mit Thronender Muttergottes, Köln, um 1320/1330, Foto: Städel Museum – Norbert Miguletz

Thronende Muttergottes, Köln, um 1320/1330, Foto: Städel Museum – Norbert Miguletz

Eine „Multimedia-Story“

Wohin zeigt das Christuskind? Es hat die drei Könige entdeckt, die auf dem linken Altarflügel unten rechts dargestellt sind. Sie sind Teil der hier dargestellten Szenen aus der Jugendgeschichte Christi: Auf die Verkündigung der Geburt Jesu und das Treffen seiner schwangeren Mutter mit ihrer ebenfalls schwangeren Cousine Elisabeth folgt die Geburt Christi und die Anbetung des Neugeborenen durch die Heiligen Drei Könige. Doch die gemalte Szene der Königsanbetung ist unvollständig, die Könige beten und deuten auf den ersten Blick „ins Leere“. Hier lohnt es sich, ein zweites Mal hinzuschauen, und zwar in Blickrichtung der Könige: Sie wenden sich der zentral im Altarschrein thronenden Marienfigur mit dem Christuskind zu, das sie anscheinend bereits entdeckt hat.

Im Städel Museum ist immer Feiertag 

Die Marienfigur ist das Zentrum eines Altarbildes, das ursprünglich an Werktagen, an Sonntagen und an den höchsten Feiertagen des Kirchenjahres jeweils unterschiedlich aussah. Montag bis Samstag waren die Flügel geschlossen. Dann waren die heute leider bis zur Unkenntlichkeit beschädigten Darstellungen der Passion Christi zu sehen. 

Altenberger Altar, ca. 1330 mit Thronender Muttergottes, Köln, um 1320/1330, Ausstellungsansicht Sammlungsbereich Alte Meister, Foto: Städel Museum – Norbert Miguletz

Am Sonntag wurden die ursprünglich in sich faltbaren Flügel nur teilweise geöffnet, so dass rechts und links der Madonna je ein Schaufach sichtbar wurde. Nur für diesen Anlass wurde es mit einem Teil des Reliquienschatzes des Klosters gefüllt. So wie heute im Städel vollständig geöffnet – und dann mit allen Heiligenreliquien bestückt – sah man den Altar nur an hohen Feiertagen. 

Der Anfang eines riesigen Konjunkturprogramms

Zu Anfang des 14. Jahrhunderts verändert sich das Aussehen der Kirchen des westlichen Europas grundlegend. Denn erst jetzt wird es zur Regel, dass auf den Altartischen dauerhaft Altarbilder aufgestellt werden, deren Bildprogramm die Messfeier visuell bereichert. Eines der frühesten erhalten gebliebenen Altarbilder überhaupt ist das im Städel Museum. Es schmückte ursprünglich den Hochaltar des bedeutenden Frauenkloster Altenberg an der Lahn. Tausende und Abertausende von solchen Gemeinschaftsarbeiten von Malern, Bildhauern und Schreinern sollten ihm bis zur Reformation allein im deutschsprachigen Raum folgen und die Entwicklung von Malerei und Bildhauerkunst entscheidend beeinflussen. Doch die allermeisten frühen Altarbilder sind im Laufe der Zeit durch neuere Werke ersetzt worden, teils weil sie schlicht dem Zahn der Zeit zum Opfer gefallen sind, durch neuere, dem Zeitgeschmack besser entsprechende Altarbilder ersetzt oder in den Bilderstürmen der Reformation zerstört wurden. Der zur Gänze erhalten gebliebene Altenberger Altar ist daher eine kostbare Ausnahme.

Der Chor der Altenberger Klosterkirche mit dem barocken Hochaltar von 1734; ursprünglicher Aufstellungsort des Altenberger Altars

Altenberger Altar, ca. 1330 mit Thronender Muttergottes, Köln, um 1320/1330, Ausstellungsansicht Sammlungsbereich Alte Meister, Foto: Städel Museum – Norbert Miguletz

Bewegte Geschichte auf dem Weg in Städel

Um 1330 wurde das Bildwerk auf dem Hochaltar der Klosterkirche Altenberg aufgestellt. Hundert Jahre später musste es dort einem moderneren Altar weichen und wurde auf der Nonnenempore des Klosters untergebracht. Dort blieb es bis zum Anfang des 19. Jahrhunderts, als der Besitz des damals aufgelösten Klosters an die Fürsten im benachbarten Braunfels ging. Diese verkauften den Altar Anfang des frühen 20. Jahrhundert in Einzelteilen: Die Flügelbilder gingen ans Städel Museum, die Skulptur erwarb ein Münchner Kunsthändler, der Schrein blieb unverkauft auf Schloss Braunfels zurück. Als Dauerleihgabe des Schlossmuseums Braunfels ist der Schrein schon seit 2012 mit den Flügelbildern im Städel Museum vereint – und nun bildet die Erwerbung der Marienfigur den erfolgreichen Abschluss dieser in der Kunstgeschichte einzigartigen „Wiedervereinigung“.


Die „Thronende Muttergottes“, Köln, um 1320/1330, wurde 2026 mit Unterstützung der Kulturstiftung der Länder und von Traute Kirchholtes erworben und ist gemeinsames Eigentum mit der Ernst von Siemens Kunststiftung und dem Städelschen Museums-Verein e.V.

Prof. Dr. Jochen Sander ist Stellvertretender Direktor des Städel Museums und als Kurator auch für die frühe deutsche Malerei zuständig. 2016 organisierte er die Sonderausstellung „Schaufenster des Himmels. Die Bildausstattung des Altenberger Altarretabels

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