Räume sind nie neutral, oft bestimmen sie unser Verhalten. Für Elmgreen & Dragset sind sie vor allem Arbeitsmittel. Mit ihrer aktuellen Ausstellung im Städel lassen sie das ganze Museum zur Bühne werden. Das Künstlerduo legt mit Verschiebungen dieser Art die unausgesprochenen Regeln vertrauter Orte frei und wirft so ein neues Licht auf das Alltägliche.
Wenn Kunstwerke ausgestellt werden, stehen sie immer in einem gewissen Kontext. Die Bestrebung, Kunst in einer zeitlosen, neutralen Umgebung zu präsentieren, entwickelte sich im frühen 20. Jahrhundert und fand im sogenannten White Cube ihren Ausdruck: schlichte weiße Wände, rechteckige Architektur, ohne Ablenkung von der Kunst. Spätestens in den 1950er- und 1960er-Jahren setzte sich diese Präsentationsform mit dem Siegeszug der abstrakten Kunst durch und wurde zum Standard für die Gegenwartskunst. Bereits Mitte der 1970er-Jahre werden jedoch kritische Stimmen laut, die eine vermeintliche Neutralität dieses Ausstellungskonzepts infrage stellen.
Dass der White Cube eben nicht neutral ist, sondern selbst für Regeln und Konventionen steht, damit beschäftigt sich das Künstlerduo Elmgreen & Dragset schon seit Beginn seiner Karriere. Unter dem Titel „12 Hours of White Paint / Powerless Structures, Fig. 15“ haben Michael Elmgreen (*1961, Kopenhagen, Dänemark) und Ingar Dragset (*1969, Trondheim, Norwegen) im Jahr 1997 die Wände einer dänischen Galerie zwölf Stunden lang weiß gestrichen, nur um sie danach wieder abzuwaschen. Der Ausstellungsort samt seinen visuellen Konventionen wurde zum Kunstwerk – und zu ihrem Arbeitsmittel.
Displacement – Verschiebung von Räumen
Der Frage, wie Räume unser Verhalten beeinflussen, begegnet man in Elmgreen & Dragsets Schaffen oft. Sie kontextualisieren Alltagsgegenstände oder ganze Räume neu, indem sie diese in andere Umgebungen versetzen. Das sogenannte Displacement – also Verschiebung oder Versetzung – erheben die beiden Künstler seit Jahrzehnten zum Konzept, das auf den Moment der Überraschung und auf neue Zusammenhänge setzt.
Ihr wohl bekanntestes Werk ist „Prada Marfa“ (2005): eine voll ausgestattete, jedoch verlassene Prada-Boutique inmitten der texanischen Wüste. Weit entfernt von jeder Zivilisation wird der kleine rechteckige Bau zur minimalistischen Landschaftsskulptur und zugleich zur Konsumkritik. An diesem unüblichen Ort tritt die Absurdität des Highend-Fashionstores zutage und ein Luxusstreben angesichts der menschenunfreundlichen Bedingungen der Wüste erscheint besonders paradox.
Mit dem Inszenieren kleiner Geschichten befragen Elmgreen & Dragset gewohnte räumliche Strukturen nach ihrer üblichen Nutzung, ihren versteckten Regeln. Die Betrachter ihrer Werke werden so mit den eigenen Gewohnheiten und Verhaltensmustern konfrontiert. Das geschieht nicht belehrend, sondern spielerisch. Es ist ein Angebot, die Szenen selbst weiterzudenken, was die Reflexion zum eigentlichen Erlebnis der Kunst macht.
Konventionen durch Räume
Ihre Arbeitsweise mit Räumen und das Schaffen neuer Welten hat womöglich Wurzeln in den früheren Tätigkeiten der beiden Künstler – in der Lyrik und insbesondere im Theater. Statt einer klassischen Präsentation von Kunstwerken auf einem Sockel im besagten White Cube entwickelt sich mit der Ausstellung im Städel Museum eine ganz eigene Szenografie: „Stillleben mit Gemüse“ macht das gesamte Haus zur Bühne des Künstlerduos.
Zwei raumgreifende Installationen bilden das Zentrum dieser Inszenierung: „The Cloud“ (2026) und „Garden of Eden“ (2024). Auf dem Weg zur Sammlung Gegenwartskunst im Untergeschoss trifft man auf ein Großraumbüro, das als triste Arbeitskulisse erscheint. Aus ihrem ursprünglichen Kontext gelöst, wirken die vertrauten Büroszenen im Museum plötzlich fremd: Ein Ort, an dem ein Großteil der Menschen einen wesentlichen Teil des Alltags verbringt, wird im grellen Neonlicht und mit anonymen Kuben zur Kritik am spätkapitalistischen Kreislauf von Arbeit und Entlohnung.
Eine Etage darüber erhebt sich ein luxuriöses Restaurant: Gedimmte Tischlampen, strahlend weiße Stoffdecken und edles Geschirr zieren eine Handvoll Tische, die auf die Restaurantbesucher zu warten scheinen. Die Künstler komponierten jedes kleinste Detail in „The Cloud“ – von den Tellern über die Lämpchen bis hin zum Empfang. Im schummrigen Licht dieses exklusiven Ortes stellt sich die Frage, für wen und unter welchen – sozialen, ökonomischen – Umständen er existiert. Wer soll sich hier willkommen fühlen? Welche Sitten sind vorausgesetzt, und welche historische Bedeutung des Ortes vermittelt sich allein durch Architektur und Gestaltung? Eine mögliche ideale Besucherin schlagen Elmgreen & Dragset direkt vor: Eine schick gekleidete Frau, vertieft in einen Videocall, ist der einzige Gast in der sonst menschenleeren Restaurantsituation. Gerade durch diese präzise räumliche Inszenierung machen Elmgreen & Dragset sichtbar, dass Architektur und Gestaltung niemals neutral sind, sondern gesellschaftliche Vorstellungen von Zugehörigkeit, Exklusivität und Macht transportieren und reproduzieren.
Aktuelle Ausstellungen, digitale Angebote und Veranstaltungen kompakt. Mit dem Städel E-Mail-Newsletter kommen die neuesten Informationen regelmäßig direkt zu Ihnen.