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Jauchzen und Ächzen. Über den frühen Tourismus in Étretat

Étretat zog schon Mitte des 19. Jahrhunderts erstaunlich viele Besucher an. Die Kunst jener Zeit gibt Hinweise auf erste Spannungen, die der Tourismus für Bevölkerung und Umwelt mit sich brachte. Eine Spurensuche entlang ausgewählter Werke.

Nelly Janotka — 6. Mai 2026

Überfüllung und Veränderung traditioneller Lebensweisen

Wir befinden uns in den 1850er Jahren am Strand von Étretat. Das unverkennbare Felstor und die Felsnadel verraten den Ort sofort. Vom Kiesstrand selbst ist allerdings kaum ein Fleckchen zu sehen, zu dicht drängen sich die Menschen am Ufer, und auch im Wasser ist einiges los.  

Octave Jahyer nach Gustave Doré, Les Bains de mer, 1856, © Bibliothèque nationale de France

Mit diesem Wimmelbild versetzt uns der Illustrator Gustave Doré in eine Zeit, in der das Baden im Meer gerade erst zur Mode wird. Das Eintauchen ins kalte Atlantikwasser wurde zunächst als Heilmittel gegen die unterschiedlichsten Beschwerden ärztlich verschrieben, von Depressionen bis hin zu Krebs. Doch neben die Therapie trat dann rasch das Vergnügen und Étretat wurde zum Erlebnisraum für ein städtisches Publikum, das in den Sommermonaten Zuflucht vor der sich wandelnden, zunehmend industrialisierten Welt suchte. 

Octave Jahyer nach Gustave Doré, Les Bains de mer (Detail), 1856, © Bibliothèque nationale de France

Ausstellungsansicht „Monets Küste. Die Entdeckung von Étretat“, Foto: Städel Museum – Norbert Miguletz

Die Karikatur von Doré liefert auch eine soziologische Studie. Im Gewimmel begegnen sich verschiedene gesellschaftliche Gruppen: Im Gegensatz zu vielen anderen Seebädern mussten Männer und Frauen in Étretat nicht getrennt baden, was dem Ort einen Hauch von Freizügigkeit verlieh. Auch trafen hier wohlhabende Urlauber aus der Stadt auf die hart arbeitende, lokale Bevölkerung: Neben Damen in Krinolinen und Hüten sind einheimische Frauen beim mühsamen Wäsche waschen zu sehen. Und ein elegant gekleideter Herr verdeckt seinen beiden Söhnen die Augen, um sie vor den Versuchungen am Strand zu bewahren, während sich ein Pfeife rauchender Fischer vom Trubel gänzlich unbeeindruckt zeigt.

Ausstellungsansicht „Monets Küste. Die Entdeckung von Étretat“, Foto: Städel Museum – Norbert Miguletz

Eugène Le Poittevin, Das Verholen eines Bootes. Erinnerungen an den Strand von Étretat, 1856, Privatsammlung, Foto © Ader, Paris

Neurdein Frères, Étretat. Die Wäscherinnen, Postkarte, um 1900, Städel Museum, Frankfurt am Main

Mit dem Aufkommen des Tourismus gaben viele Einheimische die Fischerei auf und arbeiteten fortan in den Villen und Hotels oder als Badegehilfen am Strand. Der Übergang von traditionellen Erwerbsformen hin zu saisonabhängiger Dienstleistungsarbeit prägte viele Küstenregionen und wurde bereits von Zeitgenossen kritisch beobachtet. Der Historiker Jules Michelet notierte 1861 in seinem poetisch-naturgeschichtlichen Werk „La Mer“:

Étretat schmachtet, verendet, immer weiter reduziert auf das Baden als Einnahmequelle. Es richtet sein Leben auf die Badegäste aus. Diese Vermischung mit Paris […], so teuer es auch bezahlt, ist eine Plage.

Privatisierung des Strands 

Während viele künstlerische Darstellungen den Mythos von Étretat als ursprünglichen, unberührten Küstenort aufrechterhalten, war die soziale Realität deutlich komplexer. Mit den vielen Badegästen änderte sich auch die räumliche Struktur des Orts. Ein Schlüsselbau dieser Entwicklung ist das 1852 direkt an der Uferpromenade errichtete Casino. Es wurde zum Mittelpunkt des mondänen Lebens – und zugleich zu einem Ort, an dem die lokale Bevölkerung ausgegrenzt wurde. Denn zum Casinogelände, zu dem auch der davor liegende Strandabschnitt gehörte, hatten nur zahlende Gäste Zutritt. 

Léon & Lévy, Étretat. Die Terrasse des Casinos, Postkarte, um 1900, Städel Museum, Frankfurt am Main

Alfred Taiée, Étretat. Der Strand und die Steilküste von Aval, 1867, Bibliothèque nationale de France, Paris, Département des Estampes et de la Photographie, © Bibliothèque nationale de France

Alphonse Davanne, N° 2 – Étretat. Felsküste von links (Der Strand und die Porte d’Aval), um 1862, Bibliothèque nationale de France, Paris, Département des Estampes et de la Photographie, © Bibliothèque nationale de France

Zeitgenössische Fotografien von Alphonse Davanne und eine Druckgrafik von Alfred Taiée dokumentieren diese Teilung des Strands: auf der einen Seite das Casino und die den Badenden vorbehaltenen Kabinen, auf der anderen Seite der Platz für die Fischerboote und -hütten sowie der Wäscherinnen. Damit schrumpfte der Arbeitsraum der Fischer erheblich und die einheimische Bevölkerung war gezwungen, Umwege zu nehmen: Wer von einer Seite des Dorfes zur anderen gelangen wollte, musste das Casino landeinwärts umgehen. Berichte beschreiben Proteste und sogar einen Aufruhr im Jahr 1858, bei dem versucht wurde, Absperrungen niederzureißen.

Beginn eines Verschwindens: Die Jagd auf die Lummen

Auch die Umwelt geriet bereits im 19. Jahrhundert durch den Tourismus unter Druck. Ein Gemälde von Eugène Le Poittevin etwa zeigt die damals bei Touristen beliebte Jagd auf die Trottellummen – Zugvögel, die jedes Jahr in großen Kolonien auf einem Felsen südwestlich von Étretat nisteten. Seine Darstellung verbindet eine beinahe ethnografische Genauigkeit – von dem Boot, das unter die Brutstätte gefahren wird, bis hin zum durchbohrten Stein, der als Anker dient – mit einer ästhetischen Inszenierung, die das Geschehen verklärt.

Eugène Le Poittevin, Die Lummenjagd, um 1865, Collections Les Pêcheries, Musée de Fécamp, © Musée de Fécamp / Foto: François Dugué

Ausstellungsansicht „Monets Küste. Die Entdeckung von Étretat“, Foto: Städel Museum – Norbert Miguletz

Literarische Quellen zeichnen ein deutlich ungeschönteres Bild. In seiner Erzählung „Der Lummenfelsen“ (1882) beschreibt Guy de Maupassant, ein Vertreter des literarischen Realismus, die Jagd als brutales Schauspiel: „von Angst erfaßt, stürzen die Vögel […] ins Leere […] und fliegen in die Weite, wenn nicht ein Bleihagel sie ins Wasser wirft […]; aber manchmal gehen die Weibchen im Eifer der Brut gar nicht fort vom Nest und empfangen Schlag um Schlag die Ladungen, die an dem weißen Felsen Tröpfchen rosa Blutes verspritzen, und das Tier stirbt, ohne sein Gelege zu verlassen.“ 

Die Folgen dieser Jagd zu Vergnügungszwecken waren gravierend: Im Laufe des 19. Jahrhunderts ging die Population drastisch zurück – bis die Lummen schließlich vollständig aus der Region verschwanden. 

Gustave Caillebotte, Mann im Arbeitskittel (auch: Père Magloire auf dem Chemin de Saint-Clair in Étretat), 1884, Privatsammlung, © Bridgeman Images

Gustave Courbet, Felsen von Étretat, um 1869/70, Staatliche Museen zu Berlin, Nationalgalerie, © bpk / Nationalgalerie, SMB / Jörg P. Anders

Ausstellungsansicht „Monets Küste. Die Entdeckung von Étretat“, Foto: Städel Museum – Norbert Miguletz

So erzählen diese Arbeiten nicht nur von der Entdeckung Étretats als Sehnsuchtsort der Freizeitgesellschaft, sondern auch von den Spannungen, die diese Entwicklung im 19. Jahrhundert begleiteten. Zwischen Jauchzen und Ächzen, sommerlicher Leichtigkeit und harter Arbeit, wirtschaftlichem Aufschwung und sozialer Ungleichheit, Naturerlebnis und -zerstörung entfaltet sich in den Werken ein Panorama, das aus heutiger Sicht erstaunlich vertraut erscheint. Rund 1,5 Millionen Besucher treffen mittlerweile jährlich auf eine Gemeinde mit kaum mehr als 1.200 Einwohnern. Steigende Immobilienpreise, die Umwandlung von Wohnraum in Ferienunterkünfte sowie die Ausrichtung der Infrastruktur auf touristische Bedürfnisse machen es den Bewohnern von Étretat zunehmend schwer, vor Ort zu leben. Zugleich beschleunigt der touristische Andrang die Erosion der Kreidefelsen und bedroht damit das Naturerbe, das durch die Kunst bekannt wurde und den Ort überhaupt erst so berühmt gemacht hat.


Nelly Janotka ist wissenschaftliche Volontärin der Sammlung Kunst der Moderne am Städel Museum und hat an der Ausstellung „Monets Küste. Die Entdeckung von Étretat“ mitgewirkt, die noch bis zum 5. Juli 2026 zu sehen ist.

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