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Ein kritischer Zeitgenosse

Er war scharfsinnig, streitbar und humorvoll – Honoré Daumier gehört zu den faszinierendsten Künstlern im Frankreich des 19. Jahrhunderts. Seine Werke offenbaren den genauen Beobachter sowie virtuosen Zeichner und erweisen sich als zeitlos aktuell. Kuratorin Dr. Astrid Reuter im Interview. 

Romy Kahler — 23. Januar 2024

Die Ausstellung „Honoré Daumier. Die Sammlung Hellwig“ ist der Auftakt für das Jubiläumsjahr des Städelschen Museums-Vereins, der im Juni seinen 125. Geburtstag feiert. Es werden rund 120 Werke von Honoré Daumier aus einer Privatsammlung präsentiert. Was macht die Sammlung von Hans-Jürgen Hellwig aus?

Hans-Jürgen Hellwig hat im Laufe von mehr als sechzig Jahren eine umfangreiche Daumier-Sammlung zusammengetragen, die zahlreiche Lithografien, aber auch Zeichnungen, Gemälde und Bronzen umfasst – also das gesamte Schaffen des Künstlers repräsentiert. Zu den Besonderheiten dieser Sammlung zählen druckgrafische Unikate, darunter kostbare Lithografien mit handschriftlichen Aufschriften. Diese geben einen Einblick in die enge Zusammenarbeit zwischen dem Zeichner Daumier sowie den Textern, Druckern und dem Verleger der Zeitungen, in denen die Darstellungen veröffentlicht wurden. Insbesondere die zumeist in Rot aufgebrachten Zensurvermerke „oui“ (ja) oder auch „non“ (nein) machen die Brisanz vieler Werke und das Ringen um ihre Publikation deutlich. Die Sammlung Hellwig veranschaulicht also nicht nur die künstlerische Bedeutung von Honoré Daumier, sondern führt mitten in die zeitgeschichtlichen Umstände der Werkentstehung. 

Wir zeigen in unserer Ausstellung eine hochkarätige Auswahl aus den großen Beständen, die aus Anlass des 125-jährigen Jubiläums im Juni dieses Jahres als großzügiges Geschenk an den Städelverein übergeben werden.

Honoré Daumier (1808–1879), Madame zieht um!, 1867, Kreidelithografie sur blanc, 337 × 268 mm, © Privatsammlung

Wer war Honoré Daumier?

Honoré Daumier gehört zu den großen französischen Künstlern des 19. Jahrhunderts. Neben seinem umfangreichen druckgrafischen Werk schuf Daumier Plastiken und ab Mitte der 1840er-Jahre eine zunehmend große Zahl eigenständiger Zeichnungen und Gemälde, in denen sich die Ausdrucksstärke, Vielgestaltigkeit und der Erfindungsreichtum seiner Kunst zeigen. Seine über 4.000 Lithografien, die er für die Satire-Zeitungen wie „La Caricature“ und „Le Charivari“ schuf, fanden damals weite Verbreitung, waren in Lesekabinetten, Cafés und Leihbibliotheken zu finden. Auch in Frankfurt konnte man bereits in den 1860er-Jahren Lithografien Daumiers erwerben.

Ausstellungsansicht, Foto: Städel Museum - Norbert Miguletz

Daumier selbst formulierte den Anspruch einer kritischen Zeitgenossenschaft in seinen Werken. Sie spiegeln die sozialen und politischen Umbrüche, sind geprägt von den Revolutionen 1830 und 1848 sowie zahlreichen innen- wie außenpolitischen Konflikten. Darüber hinaus wird der tiefgreifende Wandel des modernen Lebens sichtbar: Daumier thematisiert etwa die Anonymität der dicht gedrängt in der Eisenbahn Reisenden, zeigt die radikalen baulichen Veränderungen in der Großstadt Paris und erzählt von raffgierigen Vermietern oder veranschaulicht die Erlebnisse bei Theater- und Kunstbesuchen. Vor dem Auge der Betrachter entfaltet sich ein Panorama des 19. Jahrhunderts – sowohl im Hinblick auf die künstlerischen als auch gesellschaftlichen Veränderungen.

Honoré Daumier (1808–1879), Der Grafikliebhaber, um 1860–62, Öl auf Holz, 31,2 x 25 cm, © Privatsammlung

Was zeichnet seine Kunst aus?

Der Künstler hatte die Fähigkeit, Personen treffsicher zu charakterisieren und gekonnt mit der Überzeichnung zu spielen. Ein gutes Beispiel hierfür ist unser Kampagnenmotiv. Es zeigt den Fotografen Nadar als kühnen Jongleur der Lüfte. Er schwebt mit seinem Heißluftballon über der Stadt. Der Wind hat ihm den Hut vom Kopf geweht, sein langer schlanker Körper passt nur mit Mühe in das Luftschiff, das bereits in bedenkliche Schieflage geraten ist – es ist ein waghalsiges Unterfangen. In Art einer Werbeanzeige verkündet der Ballon den Namen des Fotografen, dessen Metier die ganze Stadt erobert; ein „Photographopolis“, ganz so, wie es sich Nadar selbst erträumte. Der Fotograf lässt seinen Blick nicht einfach über die Stadt gleiten, sondern richtet ihn durch den Sucher der Kamera.

Honoré Daumier, Nadar erhebt die Fotografie auf die Höhe der Kunst, 1862, Kreidelithografie, sehr wenig geschabt, sur chine, 445 × 310 mm, © Privatsammlung

Die Wahrnehmung ist also gleich in zweifacher Hinsicht neu: Das Auge wird durch ein optisches Gerät gelenkt und die vertraute Straßenansicht ist mit der Vogelperspektive vertauscht und damit grundlegend verändert. Dass Nadar hier unsicheres Neuland betritt, macht das Motiv im wahrsten Sinne des Wortes deutlich: Er hat den festen Boden unter den Füßen verloren. Daumier mag dieses Motiv nicht nur als Hommage an den Freund und Sammler Nadar verstanden haben. Er erweist sich in seinem Bild als experimentierfreudiger Künstler, der kühne Anschnitte wagt und ungewohnte, neue Perspektiven erprobt, ganz so als wolle er uns gemeinsam mit Nadar in die Lüfte aufsteigen lassen und unsere eingefahrenen Sehmuster auf den Kopf stellen.

Ausstellungsansichten, Foto: Städel Museum - Norbert Miguletz


Daumier wurde von vielen Künstler geschätzt und gesammelt. Welche Bedeutung hatte er in Kunstkreisen zu Lebzeiten und darüber hinaus?

Bereits Honoré Daumiers Zeitgenossen feierten ihn als grandiosen Zeichner. Edgar Degas sammelte seine Werke und er verglich ihn mit den etablierten französischen Künstlern Ingres und Delacroix. Eugène Delacroix wiederum hatte in seinem Atelier nicht nur Lithografien von Daumiers „Badenden“ hängen. Er formulierte seine Bewunderung auch in einem Brief an den Künstler: „Es gibt nur wenige Männer, die ich so verehre, wie Sie.“ Daumier war also von Anfang an ein „Künstler-Künstler“. 

Honoré Daumier (1808–1879), Zwei Trinker, Feder in Schwarz, Pinsel in Schwarz, Braun, Rot und Weiß auf Velinpapier, 212 x 271 mm, © Privatsammlung

Kollegen Daumiers schätzten die Ausdrucksstärke seiner Werke, den souveränen Einsatz der künstlerischen Mittel, die Modernität der Themen, die ungewohnten Perspektiven, die gezielte Charakterisierung der Dargestellten oder den virtuosen Umgang mit Licht und Schatten. Dabei machten sie keinen Unterschied zwischen dem Karikaturisten, der für die wichtigen satirischen Zeitungen seiner Zeit arbeitete, und dem freien Künstler. Den vermeintlichen Gegensatz zwischen „high“ und „low“ hielt Victor Hugo schon in den 1820er-Jahren für überholt, wenn er das Groteske, Deformierte und Komische zu entscheidenden Kennzeichen von Modernität erklärte.

Seit November 2022 ist Dr. Astrid Reuter Sammlungsleiterin für die Graphische Sammlung bis 1800 im Städel Museum, Foto: Norbert Miguletz

Dr. Astrid Reuter, Sammlungsleiterin für die Graphische Sammlung bis 1800 im Städel Museum und Kuratorin der Ausstellung, Foto: Norbert Miguletz


Die französische Kunst hat Kuratorin Dr. Astrid Reuter seit jeher besonders fasziniert. Sie schätzt die Intensität, den Fantasiereichtum, die Kühnheit, aber auch die Souveränität und Leichtigkeit im Umgang mit der künstlerischen Tradition.

Die Fragen stellte Romy Kahler, Mitarbeiterin der Onlinekommunikation.

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