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Ist das noch ein Relief?

Kunstwerke, die ohne eine Trägerplatte oder einen Wandbezug frei im Raum stehen – sind diese Werke überhaupt als Reliefs zu bezeichnen? Alexander Archipenko liefert die Antwort und präsentiert die perfekte Verbindung von Skulptur und Malerei.

Alexander Eiling — 21. August 2023

Ausstellungsansicht „Herausragend! Das Relief von Rodin bis Picasso“, Städel Museum, Foto: Norbert Miguletz

Wer sich mit der Gattung des Reliefs zwischen 1800 und den 1960er-Jahren beschäftigt, stellt schnell fest, dass die zu Beginn dieser Zeitspanne festgelegten Kategorien ins Wanken geraten. Nach der in der Kunstgeschichte üblichen Definition sind Reliefs aus einer Fläche herausragende oder in die Fläche versenkte Bildwerke. Das heißt, dass sie immer eine Form von Trägerplatte aufweisen, auf die das Motiv aufgebracht ist. Im frühen 20. Jahrhundert erfährt diese enge Definition jedoch eine folgenschwere Erweiterung.

Der Bildraum bricht auf

Ein wichtiger Auslöser war der Kubismus. Die kubistische Malerei brach den Bildraum und die Formen auf und zeigte Gegenstände oder Personen gleichzeitig aus verschiedenen Perspektiven. Pablo Picassos (1881–1973) Gemälde der „Fernande Olivier“ aus der Sammlung des Städel Museums ist ein Paradebeispiel für diese Entwicklung. Der sehr plastisch erscheinende Kopf seiner damaligen Lebensgefährtin ist aus geometrischen Einzelfragmenten zusammengesetzt, die Picasso aus dem locker skizzierten Hintergrund durch Schattierungen hervortreten lässt.

Pablo Picasso, Bildnis Fernande Olivier, 1909

Pablo Picasso, „Bildnis Fernande Olivier“, 1909, Öl auf Leinwand, 65 x 54,5 cm, Städel Museum, Frankfurt am Main, Eigentum des Städelschen Museums-Vereins e. V.

Etwas vollkommen Neues: „Skulpto-Malerei“

Diese neue Sichtweise des Kubismus auch in der Skulptur zur Anwendung zu bringen, war das große Verdienst des ukrainischen Bildhauers und Malers Alexander Archipenko (1887–1964). In seiner Darstellung einer „Badenden“ griff er Merkmale des malerischen Kubismus auf und erweiterte zugleich dessen Grenzen. Es braucht etwas Zeit, um den stilisierten Körper der Frau mit erhobenem Arm zu erkennen. Archipenko hat sein weibliches Modell aus einfachen Formen zusammengesetzt. Vielfältig abgestufte Ocker- und Brauntöne heben den Körper vom Blau des umgebenden Wassers ab. Archipenko malte seine Darstellung auf eine in prismatischen Formen aufgefächerte Maloberfläche. Diese besteht aus einer auf der Rückseite offenen Hülle, die der Künstler aus Draht und Papiermaché geformt und anschließend mit Gips überzogen hat. Archipenko kombinierte in diesem Werk also Skulptur mit Malerei und nannte seine Erfindung folgerichtig „Skulpto-Malerei“.

Dreidimensional und trotzdem flächig 

Die „Badende“ besitzt trotz ihrer dreidimensionalen Form und der bildhaften Oberfläche einen ausgesprochenen Reliefcharakter. Betrachtet man sie von der Seite erscheint sie gar als fast flache Scheibe. Diese besondere Art der Gestaltung, nämlich das Aneinandersetzen von schräg zueinander gestellten Flächen, erkennt man erst, wenn man um die Skulptur herumläuft – auch wenn der Blick auf die Rückseite wahrscheinlich nicht in der Absicht des Künstlers lag.

Alexander Archipenko, Badende, 1915

Alexander Archipenko, „Badende“ (Baigneuse), 1915, Draht, Papiermaché und Gips, 47,5 × 23 × 18,5 cm, Städel Museum, Frankfurt am Main, Eigentum des Städelschen Museums-Vereins e. V.


Da die „Badende“ während des Ersten Weltkriegs entstand, hatte Archipenko damals verfügbare, günstige Materialien gewählt. Das entspricht seiner zeitlebens großen Experimentierfreude in Bezug auf die Werkstoffe für seine Skulpturen. Archipenko verwendete aber auch das klassischste aller bildhauerischen Materialien in seiner Kunst, den Marmor. Sein „Torso“ steht wie die „Badende“ frei im Raum, ist jedoch nicht bemalt und dafür gedacht, von allen Seiten betrachtet zu werden. Trotz der dreidimensionalen Gestaltung zeigt sich auch in diesem Werk Archipenkos Grundprinzip, Körperformen zu abstrahieren und flächig zu gestalten. Der schmale, gedrehte Körper entfaltet weniger Tiefenräumlichkeit als man annehmen könnte und nähert sich in seiner Wirkung dem Körper der „Badenden“ an. Archipenkos Skulpturen sind somit keine Reliefs im engen Sinne der Definition, verbinden aber die Merkmale von Rundplastiken mit einer eigentlich dem Relief vorbehaltenen, flächenbetonten Sicht.

Alexander Archipenko, „Weiblicher Torso“ (Torse gris), 1922, Marmor, 47,9 × 24 × 23,4 cm, Städel Museum, Frankfurt am Main, Dauerleihgabe aus Privatbesitz


Autor Alexander Eiling ist Sammlungsleiter für die Kunst der Moderne am Städel Museum. Er hat die Ausstellung „Herausragend! Das Relief von Rodin bis Picasso“ (24.5.–17.9.2023) zusammen mit Eva Mongi-Vollmer und Friederike Schütt kuratiert. 

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