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Zwischen Himmel und Hölle

Was zunächst wie ein siegversprechender Fallrückzieher aus unterschiedlichen Kameraeinstellungen aussieht, ist in Wahrheit eine Momentaufnahme des taumelnden Kampfes von vier mythologischen „Himmelsstürmern“ gegen die Erdanziehungskraft. In Kupfer gestochen wurden die „Vier Stürzenden“ von dem virtuosen Künstler Hendrick Goltzius. Die Graphische Sammlung widmet ihm noch bis zum 14. September ihre aktuelle Ausstellung „Stil und Vollendung. Hendrick Goltzius und die manieristische Druckgrafik in Holland“.

Annett Gerlach — 26. August 2014

Ausstellungsansicht „Stil und Vollendung. Hendrick Goltzius und die manieristische Druckgrafik in Holland“, Städel Museum, Frankfurt am Main

Goltzius who?!

Im Gegensatz zu Albrecht Dürer oder Rembrandt, ist Hendrick Goltzius (1558–1617) den Wenigsten ein Begriff. Ganz anders sah das vor 400 Jahren aus. Um 1600 war Goltzius der berühmteste Künstler Europas. Sein Können wurde auch von seinen Zeitgenossen und Künstler-Kollegen wertgeschätzt. Er arbeitete mit namhaften Malern zusammen, pflegte eine enge Freundschaft zum wichtigsten Künstler-Biografen der Zeit, Karel van Mander, und der junge Rubens nahm seine Kompositionen zum Ausgangspunkt seiner Studien.

Jan Harmensz. Muller (zugeschr.), Porträt des Hendrick Goltzius, ca. 1617 – 1620, Kupferstich, Städel Museum, Frankfurt am Main

Jan Harmensz. Muller (zugeschr.), Porträt des Hendrick Goltzius, ca. 1617 – 1620, Kupferstich, Städel Museum, Frankfurt am Main

Stil und Vollendung

1582 gründete Goltzius einen eigenen Verlag für gedruckte Bilder in Haarlem, unweit von Amsterdam. Die druckgrafische Folge der „Vier Stürzenden“ entstand 1588 nach Gemälden des eine Generation älteren Malers Cornelis Cornelisz. van Haarlem. Goltzius war zeitlebens daran gelegen, seine technische Virtuosität als Meister des Kupferstichs zu demonstrieren. Er entwickelte – gemäß dem graziösen und überlängten Figurenideal des Manierismus – ein elegantes Linien- und Schraffursystem an- und abschwellender Linien, die Licht und Schatten entstehen lassen und den übertrieben muskulösen Körpern der Stürzenden die Plastizität verleihen. Eine besondere Qualität dieser Arbeiten liegt außerdem in der Bewältigung der ungewöhnlichen anatomischen Verkürzungen und Perspektiven.

Hendrick Goltzius, Ikarus, aus der Folge der „Vier Stürzenden“, 1588, Kupferstich, Städel Museum, Frankfurt am Main

Hendrick Goltzius, Ikarus, aus der Folge der „Vier Stürzenden“, 1588, Kupferstich, Städel Museum, Frankfurt am Main

Hochmut kommt vor dem Fall

Weil Tantalus, Ikarus, Ixion und Phaeton gegen die Götter frevelten und ihre Grenzen überschritten, wurden sie mit dem Tod bestraft oder in die Unterwelt verbannt. Als Quelle für die Bilderfindungen dienten Cornelis van Haarlem und Goltzius die berühmten „Metamorphosen“ des Ovid. Der bekannteste der vier „Himmelsstürmer“ ist sicherlich Ikarus. Entsetzt über den Absturz hält er sich seine linke Hand vor das Gesicht, um sich vor dem gleißenden Licht der Sonne zu schützen. Ikarus‘ Vater, Dädalus (der dem Sturz seines Sohnes nur tatenlos zusehen kann), hatte Flügel aus Federn und Wachs hergestellt, um dem kretischen König Minos auf dem Luftweg zu entfliehen. Als Ikarus – entgegen der Warnungen des Vaters – der Sonne zu nahe kam, schmolz das Wachs und das Verlangen des jungen Mannes das Licht (und damit Erkenntnis) erreichen zu wollen, wurde von den Göttern mit dem Sturz in den Tod bestraft. Dargestellt ist der Moment, indem Ikarus das Geschehe zu begreifen beginnt. Das Innehalten im Stürzen erlaubt es dem Betrachter, sich der mythologischen Quelle zu erinnern, und die kunstvoll-kalligraphischen Linien des Künstlers zu bestaunen. Inwiefern Freunde des Ballsports nun im freien Fall der muskulösen Stürzenden Parallelen zum elegant durchgeführten Fallrückzieher erkennen, bleibt natürlich jedem selbst überlassen. Sicher ist, dass es auch Goltzius vermag, dem Betrachter seiner Werke den Atem zu rauben.


Annett Gerlach ist Volontärin in der Graphischen Sammlung im Städel Museum und spielt inzwischen mit dem Gedanken den freien Fall bei einem Fallschirmsprung selbst zu erleben.

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