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Guido Renis „Himmelfahrt Mariens“

Jubiläumsgeschenke, und was für welche: Zum 200-jährigen Geburtstag der Städel-Stiftung, schenkt uns der Städelsche Museums-Verein gleich zwei Meisterwerke: zum einen Guido Renis „Himmelfahrt Mariens“, ein kapitales Gemälde des italienischen Barock, zum anderen die kostbare Zeichnung „Studie eines Aktes (Étude de Nu)“ von Edgar Degas. In diesem und einem folgenden Blogbeitrag stellen wir Euch beide Werke eingehend vor. Beginnen wir mit Renis „Himmelfahrt Mariens“, einem Neuzugang, der der hochkarätigen Italiener-Sammlung des Städel eine neue Dimension erschließt.

Bastian Eclercy — 23. Januar 2015


Guido Reni. Ein Malerstar des 17. Jahrhunderts

Renis um 1596/97 entstandenes Gemälde ist eine Preziose der italienischen Malerei des Frühbarock, wie sie in dieser Qualität und diesem Rang nurmehr selten auf dem Kunstmarkt begegnet. Die auf Kupfer gemalte „Himmelfahrt Mariens“ zählt zu den ganz wenigen erhaltenen Frühwerken des Guido Reni, dem für die Entwicklung der Barockmalerei in Bologna und Rom eine zentrale Bedeutung zukommt und der unsere Vorstellung vom italienischen Barock bis heute ganz nachhaltig prägt. Im 17. Jahrhundert war Reni, einem Peter Paul Rubens vergleichbar, einer der erfolgreichsten und meistgefeierten Maler Europas, heiß begehrt bei den bedeutendsten Auftraggebern aus Adel und Klerus.

Insbesondere die religiöse Bildwelt der europäischen Malerei hat Reni tiefgreifend verändert und geprägt. Man mag die Wirkmächtigkeit seiner Kunst ermessen, wenn man an die unzähligen Varianten seiner Darstellungen des Hauptes Christi und Mariens mit inniglich zum Himmel gewandtem Blick denkt, deren Reproduktionen man noch heute als Einlegeblätter in jedem ordentlichen katholischen Gebetbuch findet. Genau diese beispiellose Rezeptionsgeschichte, die von der Nachahmung durch seine zahlreichen Schüler bis zu einer verkitschten Devotionalkultur jüngerer Zeit reicht, hat sein Image lange beschädigt und den Blick auf faszinierende andere Aspekte seiner Kunst verstellt. Erst nach dem Zweiten Weltkrieg haben ihn die kunsthistorische Forschung und das breitere Publikum wiederentdeckt, zunächst 1954 in der ersten monografischen Ausstellung in seiner Heimatstadt Bologna und dann 1988/89 in einer bahnbrechenden Wanderausstellung, die als einzige deutsche Station hier in Frankfurt in der Schirn gezeigt wurde.

Gleich zwei Geschenke

Eine außerordentlich glückliche Koinzidenz hat dazu geführt, dass wir mit Guido Renis „Himmelfahrt Mariens“ und Jusepe de Riberas „Heiligem Jakobus“, den wir einer Schenkung der Frankfurter Mäzenin Dagmar Westberg verdanken, innerhalb kürzester Zeit gleich zwei herausragende Neuzugänge im Bereich der italienischen Barockmalerei präsentieren können. Das bringt unsere Sammlung in diesem bislang nur punktuell vertretenen Gebiet einen gewaltigen Schritt nach vorne und auf internationales Niveau. Mit den beiden Neuerwerbungen, zwischen denen ein inhaltlicher Zusammenhang besteht, sind wir nun erstmals in der Lage, die beiden maßgeblichen Wurzeln des europäischen Barock an zwei Spitzenwerken vor Augen zu führen: Riberas „Jakobus“ steht dabei für die Schule Caravaggios, Renis frühe „Himmelfahrt Mariens“ hingegen für die Akademie der Carracci, der Reni in den Jahren der Entstehung angehörte und deren Malereireform in Bologna und Rom sich die Abkehr vom durch stete Wiederholung ausgelaugten Formenkanon des späten Manierismus und die Erneuerung der Malerei auf die Fahnen geschrieben hatte.

Guido Reni, Himmelfahrt Mariens, ca. 1598 - 1599

Guido Reni, Himmelfahrt Mariens, um 1596/97, Öl auf Kupfer, 58 x 44,4 cm, Städel Museum, Frankfurt am Main. Erworben 2014. Eigentum des Städelschen Museums-Vereins e.V.

Edle Herkunft

Die Städelsche „Himmelfahrt“ hat eine bemerkenswerte und noble Provenienz, die sich lückenlos bis in Renis Lebenszeit zurückverfolgen lässt. Bereits sein früher Biograf Carlo Cesare Malvasia, der als der Vasari des Bologneser Barock gelten kann und mit Reni bestens bekannt war, bezeugt in seinem 1678 erschienenen Werk „Felsina Pittrice“ unter den frühesten Gemälden Renis eine auf Kupfer gemalte „Himmelfahrt Mariens“ in der Sammlung Sampieri in Bologna, die mit unserem Gemälde identisch sein muss. Auftraggeber dürfte der Jurist Astorre di Vincenzo Sampieri gewesen sein, der als Kanoniker des Doms San Pietro in Bologna fungierte und eine bedeutende Kunstsammlung besaß. Über Jahrhunderte in der Familie weitervererbt, gelangt es 1811 in die Sammlung des Eugène de Beauharnais, dem Vizekönig Napoleons und späteren Herzog von Leuchtenberg, auf die auch ein Klebezettel auf der Rückseite der Kupfertafel  hinweist. In München wird die Sammlung Leuchtenberg 1851 von keinem geringeren als Johann David Passavant, Inspektor des Städel von 1840 bis 1861, katalogisiert und unsere Tafel von Johann Nepomuk Muxel erstmals im Kupferstich reproduziert. 1917 erwirbt der Stockholmer Händler Nordiska das Werk, und seitdem lässt es sich kontinuierlich durch verschiedene Privatsammlungen verfolgen, bis es 2013 auf den Kunstmarkt gelangt.

Guido Reni, Himmelfahrt Mariens, Detail

Guido Reni, Himmelfahrt Mariens, Detail

Eine poetische Himmelsvision

Die „Himmelfahrt Mariens“ ist auf eine Kupfertafel gemalt, die in den Jahrzehnten um 1600 zu einem bevorzugten Bildträger für Kleinformate avanciert; man denke nur an die bekannten Werke von Adam Elsheimer im Städel. Mit 58 x 44,4 cm fällt die Tafel aber für ein Kupferbild überdurchschnittlich groß aus. In der Mitte sitzt Maria, in den kanonischen Farben mit rotem Gewand, blauem Mantel und weißem Schleier, auf einem immateriellen Thron aus luftig-flauschigen Wolken in zartem Grau. Die Arme hat sie im Orantengestus weit ausgebreitet, den Blick in der für Guido Reni so typischen Manier verklärt zum Himmel emporgerichtet. Der „himmelnde Blick“, wie ihn die Kunstgeschichte nennt, sollte in den folgenden Jahren zu Renis Markenzeichen werden, und es ist wohl dieses Motiv, das noch der heutige Betrachter zuallererst mit seinem Namen verbindet. Maria schwebt, von den Wolken getragen und von kleinen Engeln gestützt, ungemein sanft empor zum Licht, das von der oberen Bildmitte ausgeht und sich durch die links und rechts wie ein Vorhang zur Seite geschobenen Wolken Bahn bricht. Ein ganz aus der Farbe erzeugtes, satt goldenes Strahlen zeigt den himmlischen Charakter dieses Lichtes an, das regelrecht zum Substitut für Gottvater selbst wird, der Maria in den Himmel aufnehmen wird, doch nur in Gestalt des von ihm ausgehenden Glanzes im Bild gegenwärtig ist.

Dieses Meer aus Wolken und Licht als poetisches Sinnbild der himmlischen Sphären wird bevölkert von zahllosen Engeln, die teilweise mit ihrer Umgebung zu verschmelzen scheinen. Fast alle sind in mannigfacher Weise mit Musizieren beschäftigt, stimmen ein in die musica coelestis, die nach theologischer Vorstellung den Himmel durchwaltet. Darin mag auch ein subtiler Wettstreit des Malers mit der Gattung der Musik zu erkennen sein, die er gleichsam mit seinen eigenen künstlerischen Mitteln, mit Farbe und Form, zum Klingen zu bringen versteht. Dass Guido Reni selbst einer Familie von Musikern entstammte, dürfte eine besondere Affinität zu diesem Thema begründet haben.

Kein Engel gleicht dabei ganz dem anderen. Hinter der variantenreichen Vielheit dieser kleinen Wesen herrscht indes eine vom Künstler fein durchdachte Ordnung, die der Komposition Struktur, ja trotz des kleinen Formats und der detaillierten Feinmalerei sogar eine erstaunliche Monumentalität verleiht. Unten geben die beiden Lautenspieler, die als einzige denselben Figurenmaßstab wie Maria aufweisen, dem Bildgefüge Halt und führen zugleich durch ihre Blickrichtungen subtil das Auge des Betrachters. Drei Engel sind aus dem Kreis der Musizierenden ausgegliedert und Maria direkt zugeordnet; zwei davon stützen ihre ausgebreiteten Arme, einer trägt sie sogar gleich dem antiken Gott Atlas empor. Die sichtliche Anstrengung der kleinen Assistenten ist dabei mehr als ein augenzwinkerndes Detail und veranschaulicht die in der theologischen Debatte heiß umstrittene leibliche Aufnahme der Gottesmutter in den Himmel, die übrigens erst dreieinhalb Jahrhunderte später, 1950, zum päpstlichen Dogma erhoben wurde.

Mariens Körpermitte wird auf ganzer Bildbreite hinterfangen von einer sanft geschwungenen Wolkenbank, die in das goldene Licht getaucht ist, so dass die Körper der auf ihr musizierenden Engel sich regelrecht in Farbe und Licht auflösen. In der linken und rechten oberen Ecke kehren die von der unteren Zone bekannten grauen Wolken mit vollfarbigen Engeln wieder,  zwischen denen ein Kegel aus reinem Licht durchbricht, vor dem sich das Haupt der Gottesmutter wirkungsvoll silhouettiert.

Guido Reni, Himmelfahrt Mariens, um 1640, Öl auf Seide, 295 x 208 cm, München, Alte Pinakothek

Guido Reni, Himmelfahrt Mariens, um 1640, Öl auf Seide, 295 x 208 cm, München, Alte Pinakothek

Ein Schlüsselwerk

Die Himmelfahrt Mariens ist eines von Renis häufigsten Bildthemen, das sich durch das gesamte Œuvre des glühenden Marienverehrers zieht. Am Anfang dieser Reihe steht die Kupfertafel im Städel, am Ende ein großformatiges Altarbild aus seinen letzten Jahren in der Münchener Alten Pinakothek. Erstaunlicherweise sind alle wesentlichen Motive dieses Spätwerks bereits in der frühen „Assunta“ angelegt: die Ovalkomposition, die ausgebreiteten Arme und der himmelnde Blick Mariens, das hoch gegürtete rote Gewand, der flatternde Schleier, der über den Arm gelegte blaue Mantelzipfel, das goldene Licht, die mit den Wolken verschmelzenden und Maria stützenden Engel. Aus dem komplexeren Bildzusammenhang der Frankfurter Komposition isoliert, wird die zentrale Figurengruppe hier in modifizierter Form in das monumentale Format des Altarbildes übertragen. Diese Vergleiche ließen sich mühelos auf andere Himmelfahrts-Bilder Renis ausdehnen, und so erweist sich die Frankfurter Tafel letztlich als eine Art Summa der Bilderfindungen des Guido Reni, die aber bemerkenswerterweise nicht am Ende, sondern am Anfang seiner Karriere steht. Das macht ihre eminente kunstgeschichtliche Bedeutung, ihren Status als Meister- und Schlüsselwerk aus. Wer Renis Kunst von ihren Anfängen her begreifen möchte, wird künftig um eine Reise nach Frankfurt nicht mehr herumkommen.


Der Autor Dr. Bastian Eclercy, Sammlungsleiter für italienische, französische und spanische Malerei vor 1800, überlegt noch, welche italienische „canzone“ die Engel im Bild wohl gerade zum Besten geben.

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