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„Südsee“ von Maximilian Klewer

Das Städel freut sich über eine neue Erwerbung. Dank einer Schenkung erhält die Sammlung Kunst der Moderne mit Maximilan Klewers „Südsee“ (1936) ein bedeutendes Werk von einem Maler, welcher zu Unrecht in Vergessenheit geraten ist. Ein Grund mehr, den Künstler genau unter die Lupe zu nehmen, denn eines ist sicher: Es lohnt sich!

Julia Bremer — 12. November 2013
Maximilian Klewer (1891-1963), Südsee, 1936; Öl auf Leinwand, 48,5 x 48 cm, Städel Museum Frankfurt am Main

Maximilian Klewer (1891-1963), Südsee, 1936; Öl auf Leinwand, 48,5 x 48 cm, Städel Museum Frankfurt am Main

Surrealer Raum

Eine exotische Schönheit mit auffallendem Schmuck ist vor einem blaugrauen Hintergrund zu sehen. Irritiert blickt man auf vier Fische, die hinter ihrem Kopf vorbeischwimmen, obwohl die Frau sich offensichtlich nicht im Wasser befindet. Durch diese sichtbare Auflösung der Schwerkraft entsteht ein surrealer Raum. Der Titel „Südsee“ ruft in jedem ganz unterschiedliche Bilder hervor. Maximilian Klewers (1891–1963) Personifikation der Südsee wirft sicherlich einige Fragen auf.

Strenge Haltung und undurchsichtiger Blick

Wer die schöne Unbekannte ist, bleibt ein Rätsel. Man weiß nicht, wer Klewer für sein Werk Modell stand. Die aufrechte Haltung sowie der Ausdruck der Frau sind von Erhabenheit und Stolz geprägt. Ihre mit einem zarten goldenen Haarband geschmückte Frisur und die goldenen Ohrringe entsprechen der Mode der 20er und 30er Jahre. Die ungewöhnlichen, muschelförmigen Armringe und das blassblaue Kleid hingegen muten antik an, gleichzeitig assoziiert man damit die Südsee. Die Dargestellte entspricht jedoch nicht dem Stereotyp einer exotischen Frau, das mit Freizügigkeit und Wildheit konnotiert ist. Sie wirkt dagegen wie gezähmt, was durch ihre strenge Haltung und den undurchsichtigen Blick unterstrichen wird. Zusätzlich wird im Gemälde eine Spannung mit den Gegensätzen von Wärme und Kälte aufgebaut: Die Frau strahlt durch ihren Hautton vor dem kühlen Hintergrund eine gewisse Wärme aus. Doch entzieht sie sich mit ihrem Blick dem Betrachter, wodurch eine Distanz erzeugt wird. Durch die ineinander übergehende Verbindung der Flossenstrahlen bilden die Fische einen Kreis um den Kopf der Exotin, was an einen Heiligenschein erinnert.

Auffällig ist, dass alle Fische in die gleiche Richtung schwimmen und die Frau parallel dazu ihren linken Arm hebt, als würde sie ihnen den Weg weisen. Bei den abgebildeten Fischen handelt es sich übrigens um den sogenannten Skalar Fisch, welcher ursprünglich aus Südamerika stammt und seit Anfang des 20. Jahrhunderts in Aquarien zu finden ist. Seit der Mitte des 19. Jahrhunderts wurden Aquarien zunehmend beliebter, in privaten wie öffentlichen Räumen. Aufgrund von stetig neuen technischen Entwicklungen zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurde die Haltung eines Aquariums deutschlandweit zu einem populären Hobby. Zeitgleich entstanden die ersten großen Schauaquarien in Deutschland, wie das Aquarium Berlin.

Wie die Fische erscheint auch die Frau als begehrter exotischer Import, der aus dem Sehnsuchtsraum einer unberührten Natur mitten in die modischen Salons der Großstadt versetzt wird.

Von Berlin über Frankfurt-Höchst nach Bad Soden

Der 1891 in Barmen/Wuppertal geborene Maximilian Klewer ist selbst nie in der Südsee gewesen. Er studierte, nach einer abgeschlossenen Lehre zum Schildermacher, an der Kunstgewerbeschule in Barmen. 1911 ging er nach Berlin und begann dort mit dem Studium an der Königlichen akademischen Hochschule für die Bildenden Künste, unter anderem bei Konrad Boese, dessen Assistent und späterer Nachfolger er wurde. Klewer war von 1919 bis 1943 Leiter der Zeichenklasse an der nun zur Staatlichen Hochschule für Bildende Künste umbenannten Akademie. 1943, während des Zweiten Weltkrieges, floh Klewer mit seiner Familie von Berlin nach Frankfurt am Main/ Höchst. Bei einem Bombenangriff auf seine Berliner Wohnung wurden rund 170 seiner Arbeiten zerstört, es gelang ihm jedoch, 600 Werke zu retten und nach Frankfurt zu bringen. Nach Kriegsende ließ sich die Familie des Künstlers in Bad Soden am Taunus nieder, wo Klewer im Jahr 1963 verstarb.

Nach seinem Tod sind Maximilian Klewer und seine Kunst in Vergessenheit geraten. Bereits zu Lebzeiten stellte er nur wenig aus. Zwei Einzelausstellungen waren in den Jahren 1952 und 1953 in Hessen zu sehen, zudem war er an drei Gruppenausstellungen beteiligt. Seine Tochter, Evelyn Lehmann, kümmerte sich nach seinem Tod um den Nachlass. Klewers Werke waren in unterschiedlichen Museen untergebracht, sie verließen jedoch weder das Depot, noch wurden sie katalogisiert. 2012 fand im Schreiberschen Haus in Bad Arolsen bei Kassel eine Einzelausstellung mit 80 Zeichnungen statt.

Zwischen Tradition und Moderne

Die Kunst Klewers zeichnet sich durch eine besondere Verbindung aus Tradition und Moderne aus. Die vielen zeitgleichen und ineinander übergehenden Kunstströmungen der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts sind nicht spurlos an ihm vorbeigegangen. Stellvertretend für viele seiner Werke ist in dem Gemälde „Südsee“ die Verbindung zwischen einer naturalistischen Wiedergabe, der Strenge der Neuen Sachlichkeit und einer surrealen Bildsprache erkennbar. Er nimmt diese modernen Einflüsse auf, orientiert sich jedoch auch weiterhin an klassischen Idealen, antike und christliche Motive finden sich konstant in seinen Werken.

Das Gemälde ist seit Anfang November in der Sammlung „Kunst der Moderne“ im Städel zu sehen.


Die Autorin Julia Bremer, die in der Abteilung „Kunst der Moderne“ ein Praktikum im Städel Museum absolviert, ist begeistert von der Neuentdeckung dieses vielseitigen und spannenden Künstlers.

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