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Vom Sichtbar­machen verborgener Schätze

Von Dürer bis Picasso – das Städel verfügt über einen reichen Bestand an Zeichnungen aus der Zeit von 1400 bis zur unmittelbaren Gegenwart. Mit einem umfangreichen Digitalisierungsprojekt wird dieser Gesamtbestand bis 2018 nun online zugänglich gemacht.

Silke Janßen — 31. Mai 2016
Seit 1957 im Bestand des Städel und nun auch bald digital verfügbar: Erich Heckels um 1920 entstandenes Porträt seiner schreibenden Frau Siddi. Foto: Städel Museum

Ein großer Apparat mit installierter Kamera sowie mehreren platzierten Leuchten steht inmitten des ansonsten abgedunkelten kleinen Studiensaals der Graphischen Sammlung im Städel. Unterhalb der Linse, im Fokus der Kamera liegt gerade Erich Heckels Porträt seiner schreibenden Frau Siddi, ein um 1920 entstandenes Aquarell, das sich seit 1957 im Bestand des Städel befindet. Ein kurzes „Klick“ – und schon ist der Moment vorbei, die Zeichnung, professionell ausgelichtet und zentriert, wurde digital aufgenommen. Neben dem aufwendigen Aufbau wird auf dem installierten Bildschirm die Abbildung des filigranen Werks sichtbar. Der Fotograf Eckhard Otto prüft die Bilddatei, gleicht das Farbschema und die Tiefenschärfe ab, benennt die Datei und ordnet sie ein. Der erste Schritt von vielen weiteren für die digitale Erfassung dieser Zeichnung ist getan.

Der erste Schritt ist getan: Beim Prüfen einer der Bilddateien. Foto: Städel Museum

Der erste Schritt ist getan: Beim Prüfen einer der Bilddateien. Foto: Städel Museum

Ein umfangreiches Unterfangen

Auf die gleiche präzise und systematische Art wird derzeit jede der 22.000 sich in der Graphischen Sammlung des Städel Museums befindenden Handzeichnungen digitalisiert und als Bilddatei in einer Datenbank erfasst. Ein aufwendiges Unterfangen, zumal es mit der Aufnahme des Werks allein noch längst nicht getan ist. Bereits seit Herbst 2015 arbeitet ein zwölf-köpfiges Team um Projektleiter Ralf Bormann an diesem groß angelegten Digitalisierungsprojekt. Ziel ist es, bis 2018 den gesamten Bestand der Zeichnungen des Städel nicht nur digital zu erfassen, sondern auch wissenschaftlich zu verschlagworten, Zuschreibungen und Zustand zu prüfen und die Werke eingehend zu untersuchen. Und schließlich diese Informationen der Öffentlichkeit, aber auch Forschern in aller Welt, auf einer Website kostenlos zur Verfügung zu stellen. All dies wird umgesetzt in Zusammenarbeit mit dem Bildarchiv Foto Marburg und von der Deutschen Forschungsgemeinschaft gefördert.

Aus Städels Zeiten

Die ältesten Zeichnungen aus dem Bestand des Hauses stammen aus dem 14. Jahrhundert, die jüngsten sind erst in diesem Jahr entstanden – Kostbarkeiten und Besonderheiten aus 700 Jahren Kunstgeschichte: eine Sammlung, die unablässig erweitert wird. Bereits Museumsstifter Johann Friedrich Städel (1728–1816) besaß mehr als 4.000 Zeichnungen, die er mit seiner letzten Testamentfassung 1815 zusammen mit Gemälden, Grafiken und Büchern dem heutigen Städel Museum vermachte. Aus seiner Privatsammlung sollte eine öffentliche, jedem zugängliche Sammlung entstehen, die sich zudem stetig erweitern sollte. 200 Jahre später umfasst die Graphische Sammlung insgesamt über 100.000 Werke, darunter auch besagte 22.000 Zeichnungen – eine Sammlung, die bundesweit zu den bedeutendsten grafischen Kabinetten zählt.

Die Besonderheit der Zeichnung

Anders als eine meist in Auflage erscheinende Druckgrafik existiert eine Zeichnung als Original tatsächlich nur ein einziges Mal und ermöglicht es in ihrer Direktheit Form und Farbigkeit, Material und Technik, Fragestellung und künstlerische Problemlösung zu studieren. Auch das auf der Auflage zur Aufnahme bereitliegende Werk von Heckel, schon knapp 100  Jahre alt, fasziniert – so unmittelbar sind die gesetzten Linien zu erkennen, dass man glaubt, dem Künstler über die Schultern zu schauen. So groß die direkte Ausstrahlung dieser Zeichnungen und auch das Interesse von Forschern und Experten an den Einzelstücken ist, so selten können diese dauerhaft präsentiert werden: Arbeiten auf Papier sind besonders lichtempfindlich, eine permanente Ausstellung bedeutet deswegen unweigerlich, sie innerhalb kurzer Zeit unwiederbringlich zu zerstören.

Blatt für Blatt: minutiös und sorgfältig wird jedes der 22.000 Handzeichnungen für die Digitalisierung vorbereitet. Foto: Städel Museum

Blatt für Blatt: minutiös und sorgfältig wird jedes der 22.000 Handzeichnungen für die Digitalisierung vorbereitet. Foto: Städel Museum

Zugang ermöglichen

Um sie dennoch einer größtmöglichen Öffentlichkeit zugänglich zu machen – ganz so wie von Johann Friedrich Städel bereits 1815 angedacht – werden die Werke nicht nur regelmäßig in Sonderausstellungen präsentiert, es ist ebenfalls möglich, sich jede Arbeit aus dem Depot im Studiensaal der Graphischen Sammlung zu bestimmten Zeiten vorlegen zu lassen und im Original anzuschauen. Neben diesen direkten Möglichkeiten vor Ort kommt nun mit der Digitalisierung eine weitere Option, die Werke genau zu studieren, hinzu, die weltweit und rund um die Uhr Zugang zu den Schätzen der Graphischen Sammlung des Städel bietet.


Die Autorin Silke Janßen arbeitet in der Abteilung für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit des Städel. Die Graphische Sammlung mit ihrer besonderen Atmosphäre ist für sie einer der liebsten Orte im Museum. Dass nun künftig alle Zeichnungen auch digital zugänglich sein werden, freut sie deswegen besonders.

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