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Glasbild II oder Blaue Scheibe von Walter Dexel

Mit „Glasbild II“ oder „Blaue Scheibe“ (1928) konnte ein seltenes Werk des deutschen Konstruktivismus für das Städel erworben werden. Mehr über das Werk, den Künstler und seine besondere Beziehung zu Frankfurt

Maureen Ogrocki — 22. April 2016

Vorsicht! Glasbild!

Wie in einem Puzzle oder dem Computerspiel Tetris sind in diesem Hinterglasbild orangene Balken, weiße und schwarze Haken und ein hellblauer Halbkreis zusammen gefügt. Der Maler, Designer und Werbegrafiker Walter Dexel (1890–1973) bediente sich mit der Hinterglasmalerei einer der ältesten künstlerischen Techniken, die zur Zeit der Gotik ihre Blütezeit erlebte. Sein Interesse galt dabei der Verknüpfung des Handwerks mit der daraus resultierenden Ästhetik: Die glatte, spiegelnde Oberfläche des Glases lässt keinen Pinselstrich erkennen. Sie erzeugt eine Fixierung und Abgeschlossenheit der Malerei, die sich deutlich von der einer rauen Leinwandoberfläche unterscheidet. Mit Künstlern wie Dexel erfuhr das Hinterglasbild Anfang des 20. Jahrhunderts eine regelrechte Wiedergeburt – Expressionisten, Futuristen und Kubisten wendeten diese Technik für ihre Werke an. Durch Dexels geometrische Formensprache und reduzierte Farbwahl weicht die Fragilität des Glases der kompakten Masse der Darstellung. Wie gut, dass der Rückseitenschutz des Bildes – wie fast alle der erhaltenen Glasbilder – mit der Aufschrift „Vorsicht! Glasbild!“ versehen wurde.

Walter Dexel (1890–1973); Glasbild II oder Blaue Scheibe, 1928; Hinterglasmalerei, 46,5 x 39,6 cm; Städel Museum, Frankfurt am Main; erworben 2015 mit Mitteln aus dem Nachlass Werner Wirthle; © Nachlass Walter Dexel

Walter Dexel (1890–1973); Glasbild II oder Blaue Scheibe, 1928; Hinterglasmalerei, 46,5 x 39,6 cm; Städel Museum, Frankfurt am Main; erworben 2015 mit Mitteln aus dem Nachlass Werner Wirthle; © Nachlass Walter Dexel

Dr. Dexel

Der in München geborene Walter Dexel erlernte ab 1910 neben dem Kunstgeschichtsstudium bei Heinrich Wölfflin und Fritz Burger, die Malerei und Gebrauchsgrafik. Sein Frühwerk ist deutlich von Paul Cézanne, den Expressionisten und Kubisten beeinflusst. Den abstrakten Konstruktivismus des sich seit 2015 in der Sammlung des Städel befindlichen Bildes, entwickelte Dexel während seiner Jenaer Zeit. Dort leitete er seit 1918 den Kunstverein. Der enge Kontakt zum benachbarten Weimarer Bauhaus beförderte sowohl die Entwicklung seiner gegenstandslosen Malerei, als auch tiefe Freundschaften und Vernetzungen mit Künstlern und Professoren vom Bauhaus. Dr. Dexel, wie Wassily Kandinsky ihn nannte, beeinflusste maßgeblich die deutsche Kulturlandschaft mit Ausstellungen zeitgenössischer Kunst, Vorträgen sowie formerzieherischen Schriften. Die Verzahnung von Theorie und Praxis führte Dexel Ende der 1920er Jahre zur Angewandten Kunst. Er gestaltete und fertigte Reklameleuchten, Leuchtsäulen, Typografien, Bücher, Bühnenbilder und Architekturskizzen. Ziel seines Schaffens war die Um- und Neugestaltung des Lebensraumes, was Dexel zu einem der wirksamsten und vielseitigsten deutschen Avantgardisten macht.

Der Rückseitenschutz des Bildes ist mit der Aufschrift „Vorsicht! Glasbild!“ versehen worden. Foto: Städel Museum

Der Rückseitenschutz des Bildes ist mit der Aufschrift „Vorsicht! Glasbild!“ versehen worden. Foto: Städel Museum

Frankfurt

Für die Stadt Frankfurt wird das Multitalent 1926 als Berater des städtischen Hochbauamts unter Ernst May (1886–1970) eingestellt, dem Leiter des „Neuen Frankfurt“ – einem der wichtigsten Wohn- und Siedlungsprojekte der deutschen Avantgarde, das auch heute noch Frankfurts Stadtbild deutlich prägt. Mays Neusachliche Architekturen benötigten eine adäquate moderne Licht- und Reklamegestaltung, die das verstaubte Straßenbild des 19. Jahrhunderts ablösen sollte. Hier zeigt sich Dexels gesellschaftlich orientierte Kunstpraxis am deutlichsten. Aus dieser Zeit stammen die von Dexel entworfenen gelben Richtungsschilder mit der schwarzen Schrift, die uns immer noch tagtäglich im Straßenverkehr begegnen. Mays Projekt lag Dexel sehr am Herzen. Er selbst gab 1928 zusammen mit seiner Frau, der Kunsthistorikerin Grete Dexel, die Schrift „Das Wohnhaus von heute“ heraus.

1933

Im  Jahr seiner Berufung zum städtebaulichen Berater übernahm Dexel eine Stelle an der Kunstgewerbeschule in Magdeburg, wo er fortan Gebrauchsgrafik und Kulturgeschichte lehrte. Mit der Machtergreifung der Nationalsozialisten trat der Künstler als Teil der Lehrerschaft der NSDAP bei. Kurz darauf wurde er dennoch vom Dienst entlassen, später suspendiert. Drei seiner Werke – darunter auch eins seiner Glasbilder – wurden in der Ausstellung „Entartete Kunst“ 1937 gezeigt. Nach dem Zweiten Weltkrieg nahm Dexel das Malen wieder auf. Sein Spätwerk ist deutlich geprägt von dem abstrakten Formenvokabular der zwanziger und dreißiger Jahre. Die nun in den Galerieräumen zu sehende Neuerwerbung des Städel Museums ist ein herausragendes Beispiel des deutschen Konstruktivismus, ein seltenes zudem: Das Glasbild mit den zwei Titeln ist eines der letzten Hinterglasbilder, die Dexel schuf.


Die Autorin Maureen Ogrocki arbeitet in der Sammlung Kunst der Moderne des Städel und begleitete Dexels Glasbild vom Gebot im Auktionshaus bis zur jetzigen Hängung in den Galerieräumen.

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