Navigation menu

Schwärmer­eien im Städel

Der Trend Urban Beekeeping erobert die deutschen Großstädte – besonders kultivierte Bienen zieht es ans Museum. Ein Besuch auf dem Städel Dach, bei der hauseigenen Honigpumpe.

Elsa Wellmann-Gilcher — 22. August 2017

Das Städel ist ein Labyrinth. Jenseits der Ausstellungsräume kann man sich leicht verlieren, aber auch einiges entdecken – etwa mit Michael Edelmann an der Seite. Leicht außer Atem erklimmen wir die letzten Sprossen zum Dach des Museums und klettern aus der Luke heraus in die warme Sommerluft: Majestätisch ragen die Hochhäuser der Frankfurter Skyline vor uns auf. Die frühmorgendlichen Sonnenstrahlen bringen die Glasfassaden zum Funkeln. Unter unseren Füßen 700 Jahre Kunstgeschichte, vor uns die Silhouette der modernen Metropole.

Was summt denn da?

Ein leises Summen erfüllt die Luft. Ein Summen? Ja, denn seit diesem Jahr ist das Städel das Zuhause von vier Bienenvölkern: Sie sind der Grund für unseren Ausflug aufs Museumsdach. 40.000 bis 50.000 Tiere zählt in der Hochsaison ein einziger Stock. Das Summen schwillt zu einem lauten Brummen an, als Michael Edelmann den ersten Rahmen aus einem der hohen rechteckigen Holzkästen zieht. Es wimmelt und wuselt.

Hobbyimker Michael Edelmann und die Städel Bienen

„Diese Tiere haben mich schon immer fasziniert“, erzählt der Hobbyimker aus Langen. Vor vier Jahren bekam er dann ein Buch über Bienenhaltung geschenkt, absolvierte Kurse und begann so, neben seiner Arbeit als Klima- und Kältetechniker am Städel, Bienen zu züchten. 30 Völker besitzt und betreut Michael Edelmann heute. Die Idee, vier davon auf dem Museumsdach anzusiedeln, kam ihm gemeinsam mit Thomas Pietrzak, dem Leiter des Technischen Diensts des Städels.

Das Zuhause tausender eifriger Bienen

Kultivierte und friedliche Mitbewohnerinnen

„Es braucht aber niemand Angst zu haben, gestochen zu werden“, beruhigt der Imker, „die Bienen gehören zu einer besonders sanftmütigen Züchtung und sind nicht angriffslustig.“ Kultiviert und friedfertig – wenn diese Tiere mal nicht gut hierher passen. Nicht zuletzt da die Biene als Symbol in der Kunst auf eine lange Darstellungstradition zurückblicken kann, die bis in die Antike reicht: Ob Ägypter oder Minoer – die kleinen Insekten zogen schon vor Tausenden von Jahren den Menschen in ihren Bann. Und wie könnte man nicht fasziniert sein von ihrem Anblick, wie sie emsig über den schmalen Rahmen klettern, und von der ornamenthaften Schönheit der regelmäßigen, sechseckigen Waben?

Die Königin und ihr Hofstaat

Bei genauerem Hinsehen sticht ein Tier aus der surrenden Menge heraus: Mit einem kleinen grünen Punkt ist die Königin markiert. Sie ist etwas größer und bildet als Mutter der anderen Bienen das Zentrum des Schwarms. „In der Regel bleiben die Bienen ihrer Königin treu“, erklärt Michael Edelmann, „sie kehren immer wieder zu ihrem Stock zurück“ – und das, obwohl sie sich bei der Futtersuche bis zu fünf Kilometer von ihrem Zuhause entfernen können.

Ein wahres Wimmelbild: Die Königin ist mit einem grünen Punkt markiert.

Ein wahres Wimmelbild: Die Königin ist mit einem grünen Punkt markiert.

Bienen-Buffet am Main

So weit auszuschwärmen, haben die Städel Bienen aber gar nicht nötig: Die Platanen am Mainufer, die Blumen der nahen Parkanlagen und umliegenden Gärten stellen ein einladendes Buffet für sie dar. Hauptnahrungsquelle sind Linden und Kastanien. Bei dieser Blütenvielfalt hat es die Großstadtbiene teilweise sogar leichter als ihre Artgenossinnen auf dem Land.

Weil durch die Honigernte den Bienen ihre Vorräte genommen werden, bietet der Imker Ersatz in Form von Zucker. „Wir haben ja erst dieses Jahr angefangen und die Völker angesiedelt, deswegen gab es keine Frühjahrsernte“, erläutert Michael Edelmann. Für das nächste Jahr rechnet er aber mit ungefähr 40 bis 50 Kilo Honig pro Stock. Die Bedingungen auf dem Museumsdach seien sehr gut, versichert er: „Die Bienen fühlen sich wohl“. Und dass nicht nur Bienen, sondern auch Honig und Kunst gut zusammenpassen, steht seit Josef Beuys Honigpumpe am Arbeitsplatz wohl außer Frage.

Michael Edelmann hat keine Augen für die Frankfurter Skyline – nur für seine Bienen.

Michael Edelmann hat keine Augen für die Frankfurter Skyline – nur für seine Bienen.


Elsa Wellmann-Gilcher ist studentische Mitarbeiterin der Presseabteilung und immer wieder begeistert davon, was sich im Städel so alles tut.

Nachtrag: Die Arbeit der fleißigen Bienen hat sich gelohnt - der Honig vom Städel Dach ist mittlerweile auch in unserem Museumsshop erhältlich.

Diskussion

Fragen oder Feedback? Schreiben Sie uns!

Mehr Stories

  • Engagement

    Wahlverwandtschaft

    Monika Wenzel und ihr Mann haben das Städel Museum zu ihrem Erben bestimmt. Wie es dazu kam, welchem Zweck ihr Vermächtnis dienen soll und was sie anderen interessierten Erblassern empfehlen würden, schildert Monika Wenzel im Gespräch mit Claudia Kaschube.

  • Städel / Frauen

    Louise Schmidt: Bildhauerin!

    Der erste Teil der Porträt-Reihe „Städel / Frauen“ nimmt Louise Schmidt und die aufwendige Restaurierung des Werks „Sitzender Knabe“ in den Fokus: Wer war die Bildhauerin und was macht ihre Arbeit so besonders?

  • ARTEMIS Digital

    Digitales Kunsterlebnis trifft wegweisende Demenz-Forschung

    Wie sieht eine digitale Anwendung aus, die Menschen mit Demenz und ihren Angehörigen zeit- und ortsungebunden einen anregenden Zugang zur Kunst ermöglicht? Ein Interview über das Forschungsprojekt ARTEMIS, über Lebensqualität trotz Krankheit und die Kraft der Kunst.

  • The MuseumsLab

    Das Museum als Labor

    Kennenlernen, Diskutieren, Erfahrungen austauschen und voneinander Lernen – zum dritten Mal hat das Städel Museum an dem afrikanisch-europäischen Austauschprogramm TheMuseumsLab teilgenommen.

  • Screenshot aus dem Prototyp „ARTEMIS Digital“, Einstieg, Städel Museum, Frankfurt am Main
    ARTEMIS Digital

    Das anregende Potential der Kunst

    Kunst trägt nachweislich zur Verbesserung der Lebensqualität bei. Allerdings kann der Besuch von Museen für Menschen, die an Demenz erkrankt sind, zur Herausforderung werden. Hier setzt ARTEMIS Digital an. Das erste Testing ist vielversprechend.

Newsletter

Wer ihn hat,
hat mehr vom Städel.

Aktuelle Ausstellungen, digitale Angebote und Veranstaltungen kompakt. Mit dem Städel E-Mail-Newsletter kommen die neuesten Informationen regelmäßig direkt zu Ihnen.

Beliebt

  • Honoré Daumier

    Zur Ernsthaftigkeit der Komik

    Bissig, brisant, komisch – Vor allem mit seinen Karikaturen machte sich Honoré Daumier im politischen Paris des 19. Jahrhunderts einen Namen. Aber wie funktionieren Karikaturen? Und weshalb kam Daumier für sie ins Gefängnis?

  • Der Film zur Ausstellung

    Honoré Daumier. Die Sammlung Hellwig

    Gefürchtet und geliebt – der Künstler Honoré Daumier (1808–1879) gehört zu den größten Zeichnern Frankreichs. Im Film erläutern der Frankfurter Mäzen und Sammler Hans-Jürgen Hellwig und die Kuratorin Astrid Reuter, wie Daumiers Einsatz für republikanische Ideen, für Presse- und Meinungsfreiheit und sein kritischer, aber zutiefst menschlicher Blick auf die Verhältnisse im Paris des 19. Jahrhunderts in seinen Karikaturen eindrucksvoll sichtbar werden.

  • Die Ausstellungen im Städel

    Highlights 2024

    Unser Ausblick auf 2024: Freut euch auf faszinierende Werke von Honoré Daumier und Käthe Kollwitz, lernt die Städel / Frauen kennen, entschlüsselt die Bildwelten von Muntean/Rosenblum, erlebt die Faszination italienischer Barockzeichnungen und reist zurück in Rembrandts Amsterdam des 17. Jahrhunderts.

  • Städel Mixtape

    #34 Jan van Eyck – Lucca-Madonna, ca. 1437

    Ein ruhiger Moment mit Kerzenschein, ihr seid so vertieft, dass ihr alles um euch herum vergesst: Vor rund 600 Jahren ging es den Menschen ähnlich, wenn sie vor Jan van Eycks „Lucca-Madonna“ gebetet haben. In diesem STÄDEL MIXTAPE geht es um das Andachts-Bild eines raffinierten Geschichtenerzählers. 

  • Städel / Frauen

    Louise Schmidt: Bildhauerin!

    Der erste Teil der Porträt-Reihe „Städel / Frauen“ nimmt Louise Schmidt und die aufwendige Restaurierung des Werks „Sitzender Knabe“ in den Fokus: Wer war die Bildhauerin und was macht ihre Arbeit so besonders?

  • ARTEMIS Digital

    Digitales Kunsterlebnis trifft wegweisende Demenz-Forschung

    Wie sieht eine digitale Anwendung aus, die Menschen mit Demenz und ihren Angehörigen zeit- und ortsungebunden einen anregenden Zugang zur Kunst ermöglicht? Ein Interview über das Forschungsprojekt ARTEMIS, über Lebensqualität trotz Krankheit und die Kraft der Kunst.

  • Gastkommentar

    Kunst & Schwarze Löcher mit Astrophysikerin Silke Britzen

    Was sieht eine Astrophysikerin in den Werken der Städel Sammlung? In diesem Gastkommentar eröffnet Silke Britzen (Wissenschaftlerin am Max-Planck-Institut für Radioastronomie in Bonn) ihre individuelle Sichtweise auf die Kunstwerke im Städel Museum.