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Geheimnisse eines Meisterwerks

Zwei Jahre verbrachte das Gemälde „Christus an der Geißelsäule“ in der Restaurierungswerkstatt. Ob verworfene Ideen des Künstlers oder Spuren früherer Restaurierungen – alles kommt ans Licht.

Lilly Becker — 14. Oktober 2022

In einem dunklen Bildraum steht der Gottessohn gefesselt an der Geißelsäule. Schicksalsergeben erwartet er die Schläge von Pontius Soldaten. Die monumentale Szene des Christus an der Geißelsäule schuf Guido Reni um 1604, kurz nach seiner Übersiedlung nach Rom. Das Gemälde, auch Ausdruck Renis kurzer, aber intensiver Rezeption Caravaggios, ist ein einzigartiges Zeugnis der italienischen Barockkunst im 17. Jahrhundert.

Diplom-Restauratorin Lilly Becker bei der Arbeit: Retusche von Fehlstellen im Restaurierungsatelier

Ein getrübter Blick

1875 wurde das Werk vom Städel Museum in Frankfurt erworben und seit vielen Jahren dauerhaft in der Sammlung Alte Meister präsentiert. Bis vor kurzer Zeit konnte die qualitätsvolle Malerei durch die Folgen von Materialalterung und mehrfachen Altrestaurierungen jedoch nicht in vollem Umfang vom Betrachter wahrgenommen werden. Die stark beeinträchtigte Ästhetik gab Anlass, das Werk vorbereitend zur Ausstellung „GUIDO RENI. Der Göttliche“ umfassend zu restaurieren. Nach knapp zweijähriger Untersuchung, Konservierung und Restaurierung kehrt das Werk im Herbst dieses Jahres zurück in die Ausstellungsräume des Städel Museums und findet in der großen Reni-Schau seinen Platz neben Domenichinos Gemälde desselben Themas (Boston, Massachusetts, Privatsammlung).

Forschung 

Der praktischen Arbeit gingen naturwissenschaftliche Untersuchungen voraus, die wichtige Fragen zum Entstehungsprozess, zur Maltechnik, zum Schadensbild sowie zur belebten Restaurierungsgeschichte des Gemäldes erhellen konnten. Studien mit Infrarotreflektographie, Röntgenstrahlung und Makro-Röntgenfluoreszenzanalyse erlaubten, unter die Oberfläche des Gemäldes zu blicken und Arbeitsschritte des Künstlers sowie spätere Eingriffe am Kunstwerk nachzuverfolgen. Mehrere Pentimenti, also vom Künstler vorgenommene kompositorische Veränderungen während des Malprozesses, waren bereits mit bloßem Auge ablesbar.

Pentimenti am Lendentuch sind im Röntgenbild und vereinzelt selbst mit bloßem Auge sichtbar.

Der Knoten des Lendentuches wurde mehrfach von Reni überarbeitet und der Faltenwurf am oberen Gewandverlauf merkbar korrigiert. Auf Grundlage der Analysemethoden konnten weitere Abweichungen der Bildkomposition erfasst werden, beispielsweise das Versetzen der Schultern Christi oder die Verkleinerung der Geißelsäule. Zudem wurden einige geplante Bildelemente nicht weiter umgesetzt. So wurden zunächst auf dem Kapitell der Geißelsäule Glieder einer eisernen Kette mit einem bleihaltigen Pigment angelegt und im Malprozess verworfen. Um ein weiteres Pentiment könnte es sich bei den nicht näher identifizierbaren Linien im linken Bildhintergrund handeln. Die Anlage einer kreuzförmigen Aureole um den Kopf Christi ist durch eine Übermalung ebenfalls nicht mehr augenscheinlich. Ob der Künstler selbst vom Entwurf des Strahlenkranzes abgerückt ist oder eine nachträgliche Überarbeitung durch zweite Hand erfolgte, bleibt jedoch ungewiss.

Die Verteilung des Elements Blei, MA-XRF Scan. Von Reni vorgenommene kompositorische Veränderungen werden offenbar.

Die Verteilung der Elemente Blei (links) und Kupfer (rechts), MA-XRF Scan. Die Anlage einer Aureole und ihre Übermalung wird sichtbar.

Schadensbild

Ohne Zweifel ist jedoch die mehrfache Restaurierung des Gemäldes in der Vergangenheit, die irreparable Beschädigungen verursacht hat. Die originale Leinwand wurde mit Wachs rückseitig auf ein neues Gewebe geklebt. Eine sogenannte Doublierung war im 20. Jahrhundert eine gängige, fast schon seriell ausgeführte Maßnahme, um den textilen Bildträger zu stabilisieren. Doch durch den Einsatz von großem Druck und hoher Temperatur wurden Pastositäten verpresst und die Gewebestruktur in die Malerei eingeprägt. Heutzutage weiß man von den damit verbundenen Gefahren, weshalb die Doublierung minimalinvasiven, gemäldeschonenden Verfahren gewichen ist.

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Der Gebrauch von zu starken Lösungsmitteln während einer früheren Restaurierung hat die Malerei in weiten Teilen des Hintergrundes abgetragen. Diese Verputzungen legten nicht nur die Grundierung, sondern stellenweise sogar die Fadenhöhen der Leinwand frei. Die entstandenen Malschichtverluste wurden anschließend flächig übermalt, sodass im Hintergrund die originale Malerei nur noch partiell sichtbar war. Der Firnis, ein abschließender transparenter Überzug aus Harzen, war deutlich vergilbt. Die originale Farbigkeit, Raumtiefe und Plastizität der Darstellung blieben unter dem gelben Schleier verborgen.

Zurück zu Glanz und Tiefe

Basierend auf den Befunden der gemäldetechnologischen Untersuchung wurde ein Konzept zur nachfolgenden Konservierung und Restaurierung erarbeitet. Das maßgebliche Ziel: Die Erhaltung des überlieferten Originalbestandes bei Respektierung des gealterten Zustandes und der individuellen Objektgeschichte. Verwendete Materialien und Methoden müssen reversibel und praktisch erprobt sein, sodass keine irreparablen Schäden entstehen können. Eine gründliche Dokumentation der Restaurierungsmaßnahmen gewährleistet, dass alle ergriffenen Maßnahmen nachvollziehbar bleiben.

Firnisreduzierung mit Wattestäbchen und einem Lösemittelgemisch

Nach einer Reinigung der Gemäldeoberfläche wurde die vergilbte Firnisschicht mit Wattestäbchen und einem Lösemittelgemisch behutsam reduziert. Dabei erfolgte auch eine Teilentfernung von alten, nachgedunkelten Retuschen und Übermalungen. Fragile Malschichtschollen konnten mit einem Klebemittel gefestigt werden. Fehlstellen in der Malerei wurden durch eine Kittung und Retusche zurückhaltend geschlossen und in die Darstellung integriert. Durch den Auftrag eines neuen Firnisses gewann das Gemälde Glanz und Tiefenlicht zurück.

Detail des Lendentuches vor (links) und nach (rechts) der Konservierung und Restaurierung

„Christus an der Geißelsäule“ vor (links) und nach (rechts) der Konservierung und Restaurierung

Ein strahlendes Comeback

Die feinen Farbnuancen, wie die zarten Rötungen des Inkarnats, und das caravaggeske Spiel aus Licht und Schatten kommen nun wieder zum Vorschein. Deutlich fassbar wird auch erstmals die Hintergrundmalerei: Die plastische Ausgestaltung der Geißelsäule und des Steinbodens treten deutlich hervor. Ebenfalls definiert zeigen sich nun die Konturlinien detailreicher Malschichtpartien, so auch der fein ausgearbeitete Faltenwurf des Lendentuches. Die künstlerische Handschrift und hohe Könnerschaft Renis wird für den Betrachter nun wieder erfahrbar.

Guido Reni, Christus an der Geißelsäule, ca. 1604

Guido Reni, Christus an der Geißelsäule, um 1604, Öl auf Leinwand, 192,7 x 114,9 x 4,5 cm, Städel Museum, Frankfurt am Main, erworben 1875


Lilly Becker arbeitet seit 2019 in der Abteilung Kunsttechnologie und Restaurierung – Gemälde und moderne Skulpturen am Städel Museum.

Die Ausstellung „GUIDO RENI. Der Göttliche“ eröffnet am 23. November 2022 im Städel Museum. Der Katalog zur Ausstellung beleuchtet das Werk im kunsthistorischen Kontext und erlaubt weitere Einblicke in die Restaurierung.

Gefördert wurde das umfangreiche Restaurierungsprojekt durch das „Art Conservation Project“ der Bank of America. Ein neuer, historischer Zierrahmen konnte durch die großzügige Unterstützung von Andreas Dreyer und Waltraud Schwendler sowie Alexandra Junior erworben werden.

Die MA-XRF-Analyse konnte im Rahmen eines Verbundprojekts des Städel Museums, des Kunstgeschichtlichen Instituts der Goethe-Universität Frankfurt, des Senckenberg Forschungsinstituts und Naturmuseums und des Fachgebiets Materialanalytik der Technischen Universität Darmstadt von Mareike Gerken durchgeführt werden. Gefördert wird es von der Dr. Rolf M. Schwiete Stiftung, Mannheim.

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