Navigation menu

Comeback der Fanny Janauschek

Arnold Böcklin verewigte die junge Schauspielerin Fanny Janauschek in einem monumentalen Porträt. Doch Gemälde altern – hinzu kamen Schäden durch frühere Restaurierungen. Chefrestaurartor Stephan Knobloch hat der Bühnenheldin wieder zu Glanz verholfen.

Stephan Knobloch — 11. März 2020

Vier Jahre lang verbrachte „Fanny“ hinter den Kulissen, im Atelier des Städel. Nun, nach aufwendiger Restaurierung, hängt das 1,80 Meter hohe Porträt der Schauspielerin Fanny Janauschek wieder in der Galerie der Moderne. Eingefasst ist es in einen neuen, tatsächlich jedoch einen historischen Architekturrahmen aus der Entstehungszeit des Gemäldes. Die Portraitierte, in einem dunklen Kleid dargestellt, wirkt eher reserviert als theatralisch, geheimnisvoll in sich gekehrt. Ihre zu damaliger Zeit legendäre Schönheit wird vom Künstler in seiner Malerei nicht ausdrücklich betont.

Zurück auf dem Parkett: „Fanny“ mit neuem, d. h. historischen Architekturrahmen in der Galerie der Moderne

Zurück auf dem Parkett: „Fanny“ mit neuem, d. h. historischem Architekturrahmen in der Galerie der Moderne

Arnold Böcklin portraitierte die knapp über 30-jährige Fanny Janauschek im Jahr 1861 während eines Gastspiels in Weimar. Kurz zuvor hatte sie Frankfurt verlassen, wo sie zur großen Tragödiendarstellerin aufgestiegen war – nach Streitigkeiten wurde Janauschek dort vom Schauspielhaus entlassen. Mit dem Böcklin-Porträt kehrte sie Jahrzehnte später gewissermaßen wieder nach Frankfurt zurück: 1934 kaufte der Städelsche Museums-Verein das einzige lebensgroße Ganzkörperporträt, das Böcklin je geschaffen hatte, für das Städel an.

Johann Philipp Hoff, Porträt von Fanny Janauschek, 1860, Städel Museum, Frankfurt/Main

Johann Philipp Hoff, Porträt von Fanny Janauschek, 1860, Städel Museum, Frankfurt am Main

Das Gemälde selbst hat, wie viele historische Kunstwerke, eine bewegte Restaurierungsgeschichte hinter sich, wurde also schon mindestens einmal, vermutlich jedoch mehrfach konserviert und restauriert. Eindeutig lässt sich dies nicht mehr bestimmen, da sämtliche früher am Gemälde ausgeführten Maßnahmen weder schriftlich noch fotografisch dokumentiert sind. Was für uns als Betrachterinnen und Betrachter sehr unbefriedigend war, war die Ästhetik der Bildoberfläche: Firnisschichten – also aus Harzen bestehende transparente Überzüge – waren durch Materialalterung stark nachgedunkelt und vergilbt, ebenso wie Übermalungen und Retuschen vorangegangener Restaurierungen. Gerade die detailreich ausgeführten Partien der Malerei, vor allem der Faltenwurf und feine Tüll des Kleides, waren unter einer flächigen schwarzen Farbschicht fast völlig verborgen, auf historischen Schwarz-Weiß-Fotos des Gemäldes aus den 30er-Jahren aber noch gut zu erkennen.

Vorher/nacher: Arnold Böcklin, Bildnis der Schauspielerin Fanny Janauschek, 1861, Öl auf Leinwand, 180 × 104,3 cm, 
Städel Museum, Frankfurt am Main, Eigentum des Städelschen Museums-Vereins e. V.

Vor (links) und nach der Restaurierung: Arnold Böcklin, Bildnis der Schauspielerin Fanny Janauschek, 1861, Öl auf Leinwand, 180 × 104,3 cm, Städel Museum, Frankfurt am Main, Eigentum des Städelschen Museums-Vereins e. V.

Im Restaurierungsatelier haben wir das Gemälde zuerst mit allen im Städel Museum gebräuchlichen physikalischen Methoden untersucht, sowohl mit Mikroskopen unter Normallicht als auch mit Ultraviolett-, Infrarot- und Röntgenstrahlen. Die Untersuchungen zeigten, dass das Werk bei einer früheren Restaurierung doubliert worden war, man hatte es also von seinem Keilrahmen abgenommen und mit der Rückseite auf eine neue Leinwand geklebt. Das hierbei verwendete Material, ein thermoplastisches Wachs-Harz-Gemisch, macht als Zeitpunkt für diese Konservierung die 1950er- bzw. 60er-Jahre wahrscheinlich. Da hier offensichtlich mit zu großem Druck und zu viel Wärme gearbeitet wurde, hat sich die Struktur der Originalleinwand in Malerei und Grundierung eingeprägt und ist an der Bildoberfläche gut zu erkennen.

Detail des Kleides während der Freilegung

Detail des Kleides während der Freilegung

Zudem sind durch die Doublierung die wenigen pastos gemalten Partien, also jene, wo die Farbe besonders dick und reliefartig aufgetragen war, planiert worden. Der vom Künstler gewollte Pinselstrich, zum Beispiel am Dekolleté der Mimin, ist kaum noch als Relief erkennbar – diese Schäden sind nicht reversibel. Grund für diese Maßnahme mag ein im Röntgenbefund gut erkennbares Loch in der Originalleinwand gewesen sein, das durch die Doublierung geschlossen wurde. Heute werden solche Fehlstellen, die durch unsachgemäßes Handling entstanden sein können, beispielsweise durch das behutsame Einweben von einzelnen Leinwandfäden ergänzt, womit eine komplette Übertragung originaler Leinwände vermieden wird.

Böcklin hat, wie andere Künstler der Zeit, seine Gemälde nicht nur mit Ölfarben gemalt, sondern auf der oberen Schicht, etwa in den Schattenpartien, mit Harzlasuren gearbeitet. Diese Lasuren bestehen letztendlich aus demselben Material wie der am Schluss aufgestrichene Firnis, nur sind sie mit Pigmenten gefärbt. Frühere Restauratoren hatten nach der Doublierung eine Firnisabnahme durchgeführt, auch heute noch eine gängige Maßnahme bei Restaurierungen. Allerdings hatten sie hierbei zu aggressive Lösemittel verwendet, die die für das Erscheinungsbild so wichtigen Lasurpartien beschädigten. Mehr noch: Im Anschluss hat man das blauschwarze Kleid der Fanny Janauschek großflächig übermalt. Auf der gesamten Bildoberfläche wurde ein dickschichtiger Firnis aufgetragen, der durch Alterung stark nachgedunkelt und vergilbt war.

Detail aus dem Augen-Nase-Bereich: Alte Firnisschichten – also aus Harzen bestehende transparente Überzüge – waren durch Materialalterung stark nachgedunkelt und vergilbt. Sie wurden behutsam abgenommen.

Detail aus dem Augen-Nase-Bereich: Alte Firnisschichten – also aus Harzen bestehende transparente Überzüge – waren durch Materialalterung stark nachgedunkelt und vergilbt. Sie wurden behutsam abgenommen.

Doch gerade diese Schäden konnten glücklicherweise weitestgehend behoben werden. Alte Retuschen, Übermalungen und Firnisschichten wurden behutsam abgenommen und Fehlstellen in der Malerei zurückhaltend geschlossen. Hier zeigt sich heute die deutlichste Verbesserung: Die Qualitäten der Malerei, der feine Tüll und die Falten des Kleides, treten wieder deutlich hervor.

Arnold Böcklin, Bildnis der Schauspielerin Fanny Janauschek (Detail), 1861, Öl auf Leinwand, 180 × 104,3 cm, 
Städel Museum, Frankfurt am Main, Eigentum des Städelschen Museums-Vereins e. V.

Arnold Böcklin, Bildnis der Schauspielerin Fanny Janauschek (Detail), 1861, Öl auf Leinwand, 180 × 104,3 cm, Städel Museum, Frankfurt am Main, Eigentum des Städelschen Museums-Vereins e. V.

Auch an das originale Kolorit, die Farbigkeit des Gemäldes, konnte sich die jüngste Restaurierung annähern. Annähern, nicht mehr und nicht weniger: Denn auch die von den Künstlern verwendeten  Malmaterialien sind Alterungsprozessen unterworfen, die sie optisch verändern. So ist die vielbeschworene Wiederherstellung des „Originalzustands“ eines historischen Gemäldes durch seine Restaurierung bestenfalls das Wiedersichtbarwerden seines gealterten Zustands.

Vollendet: Arnold Böcklins „Bildnis der Schauspielerin Fanny Janauschek“. Gefördert wurde die aufwendige Restaurierung durch die Damengesellschaft des Städelschen Museums-Verein e.V.,  die auch den historischen Architekturrahmen im Hintergrund erwarb.

Vollendet: Arnold Böcklins „Bildnis der Schauspielerin Fanny Janauschek“. Gefördert wurde die aufwendige Restaurierung durch die Damengesellschaft des Städelschen Museums-Verein e.V., die auch den historischen Architekturrahmen im Hintergrund erwarb.

Stephan Knobloch, leitender Restaurator am Städel, hat dafür gesorgt, dass man unter anderem die Feinheiten des schwarzen Kleides wieder deutlich wahrnimmt.

Stephan Knobloch, leitender Restaurator am Städel, hat dafür gesorgt, dass man unter anderem die Feinheiten des schwarzen Kleides wieder deutlich wahrnimmt.

Zwischenstand aus dem Sommer 2017: „Fanny“ genießt die schöne Aussicht auf den Städel Garten – nicht.

Zwischenstand aus dem Sommer 2017: „Fanny“ genießt die schöne Aussicht auf den Städel Garten – nicht.

c

Vier Jahre dauerte die Restaurierung und Konservierung des 1,80 Meter hohen Gemäldes.

Der Restaurator und die Grande Dame – fertig für den großen Auftritt

Der Restaurator und die Grande Dame – fertig für den großen Auftritt

Das „Bildnis der Schauspielerin Fanny Janauschek“ bekommt einen neuen zentralen Platz in der Galerie der Moderne.

Das „Bildnis der Schauspielerin Fanny Janauschek“ bekommt einen neuen zentralen Platz in der Galerie der Moderne.


Stephan Knobloch ist Leiter des Restaurierungsateliers für Gemälde und moderne Skulpturen im Städel Museum und freut sich sehr über die Rückkehr von Fanny Janauschek, die er in der letzten Zeit recht gut kennengelernt hat, in die Sammlungsräume des Museums.

Gefördert wurde die Restaurierung und Konservierung des Gemäldes durch die Damengesellschaft des Städelschen Museums-Verein e.V., die auch den historischen Architekturrahmen erwarb. Mit einer Mitgliedschaft im Verein kann jeder das Städel Museum und seine Projekte unterstützen. Mehr zum Engagement und allen Vorteilen.

Diskussion

Fragen oder Feedback? Schreiben Sie uns!

Mehr Stories

  • Edward Steichen: Modefoto, 1937, Eigentum des Städelschen Museums-Vereins e.V., © VG Bild-Kunst, Bonn 2020
    Modefotografie

    „Machen Sie aus der Vogue einen Louvre“

    Kunst oder Kommerz? Modefotografie bewegt sich zwischen den Welten von Werbung, Modemagazin und – seit wenigen Jahren – Museum. Die Grenzverschiebung begann in den 1930er-Jahren, mit Pionieren wie Edward Steichen oder Dora Maar.

  • Anonym, Georg Swarzenski, undatiert
    Städel Direktor Georg Swarzenski

    Ein Leben für die Kunst

    Mit 30 Jahren wurde Georg Swarzenski Direktor des Städel Museums – und prägte es drei Jahrzehnte lang. Sein Lebenswerk: eine moderne Sammlung. Das NS-Regime beschlagnahmte große Teile davon und zerstörte seine Karriere.

  • Vincent van Gogh, Bildnis des Dr. Gachet, 1890, Öl auf Leinwand, Privatsammlung, Foto: Bridgeman Images
    Beschlagnahme des „Bildnis des Dr. Gachet“

    „Die vorwurfs-vollen blauen Augen“

    Van Goghs berühmtes „Bildnis des Dr. Gachet“ gehörte einst dem Städel – bis die Nationalsozialisten es 1937 beschlagnahmten und zur „entarteten Kunst“ erklärten. Das Gemälde wurde zum politischen Spielball.

  • Annegret Volk bei der Restaurierung: Firnisabnahme vom Pressbrokat mithilfe eines Nd:YAG-Lasers
    Restaurierung des Schächer-Fragments

    Es glänzt wieder, was Gold ist

    Das Schächer-Fragment des Meisters von Flémalle ist ein Schlüsselwerk der europäischen Kunstgeschichte. Drei Jahre lang hat Annegret Volk es restauriert. Hier erzählt sie von dem spannenden Prozess.

Newsletter

Wer ihn hat,
hat mehr vom Städel.

Aktuelle Ausstellungen, digitale Angebote und Veranstaltungen kompakt. Mit dem Städel E-Mail-Newsletter kommen die neuesten Informationen regelmäßig direkt zu Ihnen.

Beliebt

  • Honoré Daumier

    Zur Ernsthaftigkeit der Komik

    Bissig, brisant, komisch – Vor allem mit seinen Karikaturen machte sich Honoré Daumier im politischen Paris des 19. Jahrhunderts einen Namen. Aber wie funktionieren Karikaturen? Und weshalb kam Daumier für sie ins Gefängnis?

  • Der Film zur Ausstellung

    Honoré Daumier. Die Sammlung Hellwig

    Gefürchtet und geliebt – der Künstler Honoré Daumier (1808–1879) gehört zu den größten Zeichnern Frankreichs. Im Film erläutern der Frankfurter Mäzen und Sammler Hans-Jürgen Hellwig und die Kuratorin Astrid Reuter, wie Daumiers Einsatz für republikanische Ideen, für Presse- und Meinungsfreiheit und sein kritischer, aber zutiefst menschlicher Blick auf die Verhältnisse im Paris des 19. Jahrhunderts in seinen Karikaturen eindrucksvoll sichtbar werden.

  • Die Ausstellungen im Städel

    Highlights 2024

    Unser Ausblick auf 2024: Freut euch auf faszinierende Werke von Honoré Daumier und Käthe Kollwitz, lernt die Städel / Frauen kennen, entschlüsselt die Bildwelten von Muntean/Rosenblum, erlebt die Faszination italienischer Barockzeichnungen und reist zurück in Rembrandts Amsterdam des 17. Jahrhunderts.

  • Städel Mixtape

    #34 Jan van Eyck – Lucca-Madonna, ca. 1437

    Ein ruhiger Moment mit Kerzenschein, ihr seid so vertieft, dass ihr alles um euch herum vergesst: Vor rund 600 Jahren ging es den Menschen ähnlich, wenn sie vor Jan van Eycks „Lucca-Madonna“ gebetet haben. In diesem STÄDEL MIXTAPE geht es um das Andachts-Bild eines raffinierten Geschichtenerzählers. 

  • Städel / Frauen

    Louise Schmidt: Bildhauerin!

    Der erste Teil der Porträt-Reihe „Städel / Frauen“ nimmt Louise Schmidt und die aufwendige Restaurierung des Werks „Sitzender Knabe“ in den Fokus: Wer war die Bildhauerin und was macht ihre Arbeit so besonders?

  • ARTEMIS Digital

    Digitales Kunsterlebnis trifft wegweisende Demenz-Forschung

    Wie sieht eine digitale Anwendung aus, die Menschen mit Demenz und ihren Angehörigen zeit- und ortsungebunden einen anregenden Zugang zur Kunst ermöglicht? Ein Interview über das Forschungsprojekt ARTEMIS, über Lebensqualität trotz Krankheit und die Kraft der Kunst.

  • Gastkommentar

    Kunst & Schwarze Löcher mit Astrophysikerin Silke Britzen

    Was sieht eine Astrophysikerin in den Werken der Städel Sammlung? In diesem Gastkommentar eröffnet Silke Britzen (Wissenschaftlerin am Max-Planck-Institut für Radioastronomie in Bonn) ihre individuelle Sichtweise auf die Kunstwerke im Städel Museum.