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„Die leere Flasche“ von Théodule Ribot

Mit dem Erwerb eines Ribot-Gemäldes konnte das Städel seinen Bestand der Malerei des französischen Realismus um eine zentrale Position erweitern. Mehr über das Werk, seine Entstehungszeit und den Künstler.

Karoline Leibfried — 15. Juli 2016

Ein Motiv von der Straße

Das Gemälde „Die leere Flasche“ zählt zu den Hauptwerken des Malers Théodule Ribot (1823–1891). Im Gegensatz zu seinen Märtyrerdarstellungen, die er in großer Zahl anfertigte, zeigt dieses Bild eine für seine Entstehungszeit hochaktuelle Thematik – quasi „ein Motiv von der Straße“. Zu sehen ist ein Mann, der betrunken am Boden liegt, mit entblößtem Oberkörper und kraftloser Körperhaltung. Das verzerrte Gesicht fixiert den Betrachter, in seinem linken Arm hält er eine tönerne Flasche. Ribot stammte selbst aus armen Verhältnissen und fand in eben diesem Milieu die Inspiration für viele seiner Motive. Die Szene hier verdankt ihre drastische Wirkung, neben dem Motiv als solchem, insbesondere auch der Art der Lichtsetzung.

Théodule Ribot: Die leere Flasche (ca. 1876–81); Öl auf Leinwand, 73 × 92,5 cm; Städel Museum, Frankfurt am Main; erworben 2015 mit Mitteln aus dem Nachlass Werner Wirthle

Théodule Ribot: Die leere Flasche (ca. 1876–81); Öl auf Leinwand, 73 × 92,5 cm; Städel Museum, Frankfurt am Main; erworben 2015 mit Mitteln aus dem Nachlass Werner Wirthle

Die Rolle des Lichts

Woher kommt das Licht, das den am Boden liegenden Mann in einem recht scharf umrissenen Kegel anstrahlt, aber nicht komplett erleuchtet? Es scheint zentral von oben herabzufallen. Angedeutet wird es nur durch einen hellen Pinselstrich inmitten der sonst so massiven schwarzen Fläche, die die obere Bildhälfte vollständig ausfüllt.

Denkbar ist, dass der Künstler mit Blick auf die Lichtquelle der Szene von den Lichtverhältnissen in seinem eigenen Atelier inspiriert wurde, denn in Ribots Arbeitsraum im Spitzbogen seines Hauses in Colombes bei Paris fiel das Licht nur durch eine kleine Dachluke – und dort malte er meist abends und nachts. Mit seiner extrem kontraststarken Helldunkelmalerei, die das Werk maßgeblich kennzeichnet, steht Ribot in der jahrhundertealten Tradition von Vorläufern wie Caravaggio, Leonello Spada, Salvator Rosa, Jusepe de Ribera und Francisco Goya. Gleichzeitig setzt er in diesem Bild mit dem groben, horizontalen Pinselstrich, der das Licht andeutet, aber auch einen sehr abstrakten und damit modernen Akzent, der ihn stilistisch in die Nähe seines Künstlerkollegen Gustave Courbet rückt. Durch malerische Experimente und Innovationen wie diese wurde Ribot zu einem bedeutenden Vertreter des französischen Realismus.

Ein Werk des französischen Realismus

Ribot begann in den späten 1850er-Jahren, sich verstärkt realistischen Alltagsdarstellungen zuzuwenden. Zu dieser Zeit wurde der Begriff „Realismus“ in Frankreich programmatisch etabliert. Die Vertreter des französischen Realismus richteten sich gegen eine klassizistische und romantische Normierung des Schönen in der Akademischen Kunst. In den Mittelpunkt des Interesses rückten stattdessen die Lebensbedingungen der Unterschicht, was diesen Werken eine explizit gewünschte, politische Dimension verleiht.

Maler wie Gustave Courbet, einer der zentralen Figuren des Realismus, verfolgten den Anspruch, allgemeinverständliche Kunst zu schaffen, die nicht allein Bildungseliten ihren Inhalt offenbart. Infolgedessen entstanden Bilder, die vornehmlich Szenen des ländlichen Mittelstands und der Arbeiterschicht zeigten. Neben Ribot und Courbet widmeten sich in Frankreich unter anderem auch Zeitgenossen wie Jean-François Millet oder Henri Fantin-Latour in ihrer Kunst programmatisch den Themen des Realismus.

Im Städel Museum stellt Ribots „Die leere Flasche“ eine wichtige Bereicherung für den Bestand an Werken dieser Stilrichtung dar und wird im Sammlungsbereich Kunst der Moderne im Dialog mit bedeutenden Werken deutscher Vertreter des Realismus, wie Wilhelm Leibl und Angilbert Göbel, gezeigt.

Théodule Ribot  – ein Maler aus armen Verhältnissen

Théodule Ribot, geboren 1823 in Saint-Nicolas-d’Attez, wuchs in armen Verhältnissen auf und musste lange für die öffentliche Anerkennung seiner Kunst kämpfen. Mit 17 Jahren begann er, sich konkreter für Malerei zu interessieren – damals arbeitete er noch als Buchhalter in Elbeuf, einem kleinen Dorf nahe Rouen. 1845 heiratete er und zog nach Paris, wo er als Rahmenbauer für eine Spiegelfabrik arbeitete.

Ribot besuchte regelmäßig den Louvre, um dort die Kunst der Alten Meister zu studieren. Besonders nachhaltig beeindruckten ihn die Arbeiten Goyas, Riberas, Zurbaráns und Caravaggios. In der Konsequenz steht auch sein Werk – nicht nur malerisch – in der Tradition dieser großen Helldunkelmaler; auch sein Interesse für das menschliche Leiden und für psychologische Porträts wurzelt in der Kunst seiner spanischen und italienischen Vorbilder. In den 1850er-Jahren begann er mit der Produktion eigener Gemälde, deren realistische Motive er mit Vorliebe bei Nacht im Schein des Lampenlichts schuf. Zu dieser Zeit war er als Historien-, Genre- und Porträtmaler im Atelier des bekannten Salonkünstlers Auguste-Barthélemy Glaize tätig und fertigte unter anderem zahlreiche Gemälde mit religiöser Thematik an, aber auch Stillleben.

Nachdem der Pariser Salon seine Arbeiten 1859 abgelehnt hatte, ermöglichte ihm François Bonvin, ein Künstlerkollege und guter Freund Ribots, einige seiner Gemälde in seinem Atelier auszustellen. Einen großen Erfolg erzielte Ribot schließlich 1861 mit der Präsentation seiner Genrebilder im Pariser Salon. Es folgten einige internationale Ausstellungen – 1865 in Amsterdam, 1869 in München und 1873 in Wien – sowie verschiedene Präsentationen innerhalb Frankreichs. In seinen späteren Schaffensjahren konzentrierte er sich vor allem auf die Porträtmalerei. Hierzu standen ihm meist Freunde und seine eigene Familie Modell. 1878 wurde Ribot Mitglied der Ehrenlegion. Danach zog er sich zusehends aus dem Kunstbetrieb zurück. Er verstarb 1891 in Colombes.


Die Autorin Karoline Leibfried arbeitet in der Abteilung für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit am Städel Museum. Sie fragt sich, wie Ribot wohl beim Anblick des im Städel ausgestellten und ebenfalls erst vor Kurzem neu erworbenen Gemäldes „Der Heilige Jakobus der Ältere“ (um 1615/16)“ von Jusepe de Ribera, einem seiner größten Vorbilder, reagiert hätte.

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