Navigation menu

„Sie gehört zu den modernsten der Frauen“

Ottilie W. Roederstein war keine Avantgardistin und setzte doch neue Maßstäbe: Als Künstlerin ging sie eigene Wege und ließ bürgerliche Konventionen hinter sich.

Eva-Maria Höllerer — 20. Juli 2021

Als Ottilie W. Roederstein im August 1891 nach Frankfurt am Main kam, um sich in der aufstrebenden Bürgerstadt als Porträtmalerin niederzulassen, war sie bereits eine international beachtete und erfolgreiche Künstlerin. Nach ersten Lehrjahren in Zürich und Berlin hatte sie sich in der Kunstmetropole Paris ausbilden lassen.

Ottilie W. Roederstein in ihrem Pariser Atelier vor ihre Gemälde Miss Mosher, 1887–1889, Fotografie, Roederstein-Jughenn-Archiv im Städel Museum, Foto: Roederstein-Jughenn-Archiv im Städel Museum, Frankfurt am Main

Ottilie W. Roederstein in ihrem Pariser Atelier vor ihre Gemälde Miss Mosher, 1887–1889, Fotografie, Roederstein-Jughenn-Archiv im Städel Museum

Dort waren ihre Werke bald auf den wichtigen Salon-Ausstellungen zu sehen und wurden ausgezeichnet. Für das ganzfigurige Porträt der damals bekannten Pianistin Miss Mosher erhielt Roederstein auf der Internationalen Weltausstellung von 1889 sogar eine Silbermedaille. Die Kunstkritiker waren nicht nur in Deutschland voller Lob für ihre Arbeiten.

Dass die Künstlerin heute weitgehend in Vergessenheit geraten ist, mag auch daran liegen, dass sich ihr stilistisch äußerst vielfältiges Werk einer Einordnung in die europäische Kunstgeschichte, die oft nur als eine Aneinanderreihung avantgardistischer Strömungen erzählt wird, entzieht.

Ottilie W. Roederstein, Miss Mosher oder Sommerneige (Fin d’été), um 1887, Öl auf Leinwand, 201 x 80 cm, Privatbesitz, Foto: Städel Museum, Frankfurt am Main

Ottilie W. Roederstein, Miss Mosher oder Sommerneige (Fin d’été), um 1887, Öl auf Leinwand, 201 x 80 cm, Privatbesitz

Bereits mit der Wahl ihrer Lehrer Jean-Jacques Henner und Carolus Duran, die in Paris als Porträtisten der Bourgeoisie große Erfolge feierten, legte Roederstein sich früh auf einen gemäßigten Stil fest. Weder zu akademisch, noch zu avantgardistisch. Damit war sie keine Ausnahme, sondern entsprach – wie die große Mehrheit der Künstlerinnen und Künstler – dem Zeitgeschmack. Trotzdem blieb sie während ihrer langen Karriere für neue Tendenzen aufgeschlossen und integrierte symbolistische, altmeisterliche und später impressionistische Einflüsse in ihre ganz „eigene Handschrift“. In ihrem Spätwerk gewannen stilistische und maltechnische Experimente mehr Gewicht, den Weg in die Abstraktion ging sie jedoch nie.

Für ihre Zeitgenossen vertrat Roederstein mit ihrer Kunst und mit ihrem Selbstverständnis als professionelle Malerin dennoch eine bemerkenswert moderne Position. Schon 1897 schrieb die Londoner Zeitung über sie:

Aufträge über Aufträge vortreffliche Honorare – zwanzig, sagen wir ruhig hundert Künstler würden sich herzlich gern damit zufrieden gegeben haben. Diese Frau nicht. Sie gehört zu den modernsten der Frauen, die nicht nur streben sondern auch ringen.

Der Schriftsteller und Kunstförderer Moritz Goldschmidt, der den zitierten Artikel verfasste, formulierte damit sehr treffend, was die Künstlerin ausmacht. Roederstein erarbeitete sich nicht nur ein sicheres Einkommen und finanzielle Unabhängigkeit als Porträtistin. Vielmehr rang sie darum, jenseits der starren Geschlechterkategorien des 19. Jahrhunderts als Künstlerin anerkannt zu werden. Allein die Qualität ihrer Werke sollte überzeugen. Unabhängig davon, ob sie von einem Mann oder einer Frau geschaffen wurden.

Auf Augenhöhe

Kein Bild in Roedersteins Schaffen drückt diesen Anspruch besser aus, als das 1894 entstandene Selbstbildnis mit roter Mütze. Es ist das erste Selbstporträt, das sie öffentlich ausstellte. Noch im Entstehungsjahr wurde es im Pariser Salon einem großen Publikum präsentiert. Das starke Chiaroscuro (Hell-Dunkel-Kontrast), die Betonung des aufmerksamen Blicks und das rote Barett sind als Zitat der von weltberühmten Malern geprägten Porträttradition zu verstehen.

Sie verweisen auf im 19. Jahrhundert weithin bekannte Werke von Rembrandt, Raffael oder Tizian. Roederstein misst sich auf diese Weise mit einer Reihe höchst erfolgreicher und bewunderter männlicher Künstler.

Ottilie W. Roederstein, Selbstbildnis mit roter Mütze, 1894, Tempera auf Holz, 36 x 44 cm, Kunstmuseum Basel, Geschenk eines Kunstfreundes in Zürich 1936,  Foto: Kunstmuseum Basel – Martin P. Bühler

Ottilie W. Roederstein, Selbstbildnis mit roter Mütze, 1894, Tempera auf Holz, 36 x 44 cm, Kunstmuseum Basel, Geschenk eines Kunstfreundes in Zürich 1936

Roederstein wählte zudem eine besondere Maltechnik: die Ei-Tempera, eine alte, auf die italienische Renaissance zurückreichende Malweise. Sie war lange in Vergessenheit geraten und schwer zu erlernen, da die Ausführung deutlich komplizierter ist, als bei der im 19. Jahrhundert verbreiteten Ölmalerei.

Die am oberen Bildrand angebrachte Inschrift „O. W. Roederstein peinte par elle même 1894“ [O. W. Roederstein, gemalt von sich selbst 1894] macht ganz unmissverständlich klar – im Französischen deutlicher als in der deutschen Übersetzung –, hier handelt es sich um eine Frau, die als professionelle Künstlerin wahrgenommen werden möchte. Eine, die ihr Handwerk mit Bravour beherrscht, die die kunsthistorischen Vorbilder studiert hat und auf Augenhöhe mit den männlichen Kollegen agiert.

Gesellschaftliche Hürden

Im 19. Jahrhundert war das alles andere als üblich. Die damalige Gesellschaftsordnung dachte Mädchen ausschließlich die Rolle als Ehefrau und Mutter zu. Selbständig und unabhängig? Ganz im Gegenteil: Lange durften Frauen sich nur mit einem männlichen Vormund in der Öffentlichkeit bewegen. Entfaltung individueller Interessen und schöpferisches Talent? Nicht wirklich. In Deutschland war Frauen der Zugang zu den Kunstakademien bis 1919 untersagt. Malen war ein Zeitvertreib für wohlhabende Damen, ähnlich wie Musizieren oder Handarbeiten. Bestenfalls das Kopieren bekannter Meisterwerke oder das Dekorieren kunsthandwerklicher Gegenstände traute man dem weiblichen Geschlecht zu.

Wenn die Kunstkritiker Roederstein angesichts der Qualität ihrer Werke „männliches Talent“ bescheinigten oder in Bezug auf eines ihrer Porträts feststellten, „nun beginnen die Frauen zu malen wie die Männer“, war das durchaus lobend gemeint. Sie bestätigten jedoch im Umkehrschluss die Vorurteile, gegen die sich nicht nur Roederstein, sondern Berufskünstlerinnen allgemein behaupten mussten. Und sie machen deutlich, wie sehr das Stereotyp des männlichen Künstlergenies zum Bewertungsmaßstab geworden war.

Vor diesem Hintergrund ist Roedersteins Selbstporträt mit roter Mütze als ein sehr selbstbewusstes Statement zu interpretieren. Sie unterstrich damit ihre Rolle als professionelle Malerin und ihren Anspruch auf einen Platz im männlich dominierten Kunstbetrieb.

Indem sie sich abseits der zahlreichen Porträtaufträge in freien Arbeiten auch religiösen oder historischen Themen widmete, begab sie sich ebenfalls auf ein ursprünglich den männlichen Kollegen vorbehaltenes Terrain. Derartige Kompositionen setzten Aktstudien nach dem lebenden Modell voraus. Während diese für angehende Künstler ganz selbstverständlich einen wesentlichen Teil des Unterrichts ausmachten, versuchte man junge Malerinnen aufgrund der vorherrschenden Moralvorstellungen lange davon auszuschließen.

Neue Möglichkeiten

In der Kunstmetropole Paris lagen die Dinge bereits in den 1880er Jahren etwas anders. Die französische Hauptstadt war nicht nur das kulturelle Epizentrum Europas, sondern auch für eine liberalere Gesellschaft bekannt. Zwar nahm auch die renommierte Pariser École des Beaux-Arts Frauen erst um die Jahrhundertwende zum Kunststudium auf, doch etablierten sich in der Stadt bereits ab den 1870er Jahren zahlreiche Privatakademien und sogenannte Damenateliers, an denen sie Zeichen- und Malunterricht nehmen konnten. Dort bot man auch Kurse im Aktzeichnen an. So strömten Ende des 19. Jahrhunderts Künstlerinnen aus allen Teilen Europas, aus Russland und den USA nach Paris, um Ausbildungs- und Ausstellungsmöglichkeiten wahrzunehmen, die sie in ihren Heimatländern so nicht vorfanden.

Roederstein begnügte sich jedoch nicht mit den gegebenen Möglichkeiten, sondern erarbeitete sich innerhalb der patriarchalen Strukturen ihrer Zeit weitere Freiräume. Sie knüpfte Freundschaften und Verbindungen zu Kolleginnen und Kollegen, um jenseits der sich formierenden Berufsverbände ein stabiles Netzwerk der wechselseitigen Unterstützung und Zusammenarbeit aufzubauen. Man teilte sich ein Atelier, vermittelte sich untereinander Porträtaufträge und half sich bei der Vorbereitung von Ausstellungen. So stellte Roederstein, als sie selbst längst finanziell erfolgreich war, ihre Pariser Atelierwohnung – die sie bis zum Ausbruch des Ersten Weltkriegs behielt – unter anderem der jungen deutschen Malerin Ida Gerhardi zu Verfügung.

Ottilie W. Roederstein, Jeanne Smith und Ida Gerhardi (v. l. n. r.), Atelier auf dem Boulevard du Montparnasse 108, Paris, Mai 1904, Fotografie, Roederstein-Jughenn-Archiv im Städel Museum, Foto: Roederstein-Jughenn-Archiv im Städel Museum, Frankfurt am Main

Ottilie W. Roederstein, Jeanne Smith und Ida Gerhardi (v. l. n. r.), Atelier auf dem Boulevard du Montparnasse 108, Paris, Mai 1904, Fotografie, Roederstein-Jughenn-Archiv im Städel Museum

Auch in Frankfurt, wo Roederstein an der Städelschule ein Atelier unterhielt, wurde sie schnell zu einer festen Größe des Kunstbetriebs. Als Lehrerin, Sammlerin und als Mitorganisatorin wichtiger Ausstellungen nahm sie Einfluss auf das kulturelle Leben der Stadt. Nicht nur als Künstlerin, auch im täglichen Leben hielten gesellschaftliche Konventionen Roederstein nicht davon ab, ihren eigenen Weg zu gehen. Sie reiste ohne männliche Begleitung, ging auf Bergtouren und heiratete nie. Denn eine Ehe hätte nach damaligem Verständnis höchstwahrscheinlich das Ende ihrer Karriere bedeutet. Stattdessen lebte sie mit ihrer Lebensgefährtin Elisabeth H. Winterhalter zusammen, deren Lebenslauf als Ärztin und Vorkämpferin für die Mädchen- und Frauenbildung ebenso bemerkenswert ist.


Eva-Maria Höllerer ist wissenschaftliche Mitarbeiterin in der Abteilung Kunst der Moderne am Städel Museum und hat sich als Co-Kuratorin der Roederstein-Ausstellung intensiv mit der Künstlerin und ihrem Werk beschäftigt.

Die Ausstellung „Frei. Schaffend. Die Malerin Ottilie W. Roederstein“ ist ab 20. Juli 2022 im Städel Museum zu sehen.

Diskussion

Fragen oder Feedback? Schreiben Sie uns!

Mehr Stories

  • Verschollene Gemälde von Frankfurter Künstlerinnen

    Helfen Sie bei der Suche!

    Wo verbergen sich einst bekannte Gemälde von Mathilde Battenberg und Alice Trübner? Die Beschäftigung mit diesen Künstlerinnen erfordert intensive Archiv-Recherchen, die weit über Frankfurt hinausgehen – einige ihrer Werke sind bis heute verschollen. Ein Aufruf

  • Provenienzforschung

    Ein Porträt und sein Verlust

    Ottilie W. Roedersteins Porträt des Frankfurter Dermatologen Karl Herxheimer kam 1952 als Schenkung in die Sammlung. Wer war die Schenkerin? Und wie gelangte das Gemälde in ihren Besitz?

  • Blick vom Garten auf das Roederstein Haus in Hofheim im Juni 2022, Foto: Städel Museum
    Interview

    „Das Haus war eine schlafende Schönheit“

    In Hofheim am Taunus bringen Mark Wahrenburg und seine Frau seit 2010 Stück für Stück die Besonderheiten des Hauses von Ottilie W. Roederstein wieder zum Vorschein. Wie viel der Malerin steckt noch darin?

  • Ausstellungsansicht-„FREI.-SCHAFFEND
    Ottilie W. Roederstein

    Mein Jahr mit „Miss Mosher“

    Wie entstand das Portrait der Pianistin Miss Mosher? Welche Materialien verwendete die Künstlerin? Ein Jahr in der Restaurierungswerkstatt lieferte die Erkenntnisse.

  • Der Film zur Ausstellung

    Frei. Schaffend. Die Malerin Ottilie W. Roederstein

    Die deutsch-schweizerische Malerin Ottilie W. Roederstein (1859–1937) zählte zu den erfolgreichsten Künstlerinnen der Zeit um 1900. Das Städel Museum zeigt mit der Ausstellung „Frei. Schaffend. Die Malerin Ottilie W. Roederstein“ eine umfassende Retrospektive, die einen Überblick über die künstlerische Entwicklung der stilistisch vielseitigen Malerin gibt. Im Film zur Ausstellung gehen Eva-Maria Höllerer, eine der Kuratoren der Ausstellung, und Dr. Iris Schmeisser, Leiterin Provenienzforschung und historisches Archiv, der Frage nach, was die Malerin so einzigartig macht.

Newsletter

Wer ihn hat,
hat mehr vom Städel.

Aktuelle Ausstellungen, digitale Angebote und Veranstaltungen kompakt. Mit dem Städel E-Mail-Newsletter kommen die neuesten Informationen regelmäßig direkt zu Ihnen.

Beliebt

  • Honoré Daumier

    Zur Ernsthaftigkeit der Komik

    Bissig, brisant, komisch – Vor allem mit seinen Karikaturen machte sich Honoré Daumier im politischen Paris des 19. Jahrhunderts einen Namen. Aber wie funktionieren Karikaturen? Und weshalb kam Daumier für sie ins Gefängnis?

  • Der Film zur Ausstellung

    Honoré Daumier. Die Sammlung Hellwig

    Gefürchtet und geliebt – der Künstler Honoré Daumier (1808–1879) gehört zu den größten Zeichnern Frankreichs. Im Film erläutern der Frankfurter Mäzen und Sammler Hans-Jürgen Hellwig und die Kuratorin Astrid Reuter, wie Daumiers Einsatz für republikanische Ideen, für Presse- und Meinungsfreiheit und sein kritischer, aber zutiefst menschlicher Blick auf die Verhältnisse im Paris des 19. Jahrhunderts in seinen Karikaturen eindrucksvoll sichtbar werden.

  • Die Ausstellungen im Städel

    Highlights 2024

    Unser Ausblick auf 2024: Freut euch auf faszinierende Werke von Honoré Daumier und Käthe Kollwitz, lernt die Städel / Frauen kennen, entschlüsselt die Bildwelten von Muntean/Rosenblum, erlebt die Faszination italienischer Barockzeichnungen und reist zurück in Rembrandts Amsterdam des 17. Jahrhunderts.

  • Städel Mixtape

    #34 Jan van Eyck – Lucca-Madonna, ca. 1437

    Ein ruhiger Moment mit Kerzenschein, ihr seid so vertieft, dass ihr alles um euch herum vergesst: Vor rund 600 Jahren ging es den Menschen ähnlich, wenn sie vor Jan van Eycks „Lucca-Madonna“ gebetet haben. In diesem STÄDEL MIXTAPE geht es um das Andachts-Bild eines raffinierten Geschichtenerzählers. 

  • Städel / Frauen

    Louise Schmidt: Bildhauerin!

    Der erste Teil der Porträt-Reihe „Städel / Frauen“ nimmt Louise Schmidt und die aufwendige Restaurierung des Werks „Sitzender Knabe“ in den Fokus: Wer war die Bildhauerin und was macht ihre Arbeit so besonders?

  • ARTEMIS Digital

    Digitales Kunsterlebnis trifft wegweisende Demenz-Forschung

    Wie sieht eine digitale Anwendung aus, die Menschen mit Demenz und ihren Angehörigen zeit- und ortsungebunden einen anregenden Zugang zur Kunst ermöglicht? Ein Interview über das Forschungsprojekt ARTEMIS, über Lebensqualität trotz Krankheit und die Kraft der Kunst.

  • Gastkommentar

    Kunst & Schwarze Löcher mit Astrophysikerin Silke Britzen

    Was sieht eine Astrophysikerin in den Werken der Städel Sammlung? In diesem Gastkommentar eröffnet Silke Britzen (Wissenschaftlerin am Max-Planck-Institut für Radioastronomie in Bonn) ihre individuelle Sichtweise auf die Kunstwerke im Städel Museum.