Ein schlafender Liebhaber, eine verräterische Geliebte und ein Akt grausamer Gewalt: Rembrandts „Die Blendung Simsons“ zeigt den Höhepunkt eines biblischen Dramas mit schonungsloser Direktheit. Jetzt wird das berühmte Gemälde – ein Hauptwerk Rembrandts und ein Schlüsselwerk der Städel Sammlung niederländischer Malerei des 17. Jahrhunderts – restauriert.
Die Momentaufnahme eines Verrats – unmittelbarer und brutaler als Rembrandt hat kein Künstler diese Szene je ins Bild gesetzt. Simson liebt Dalila, aber er kann und darf ihr nicht verraten, woher die außergewöhnlichen Kräfte stammen, mit denen er sein Volk gegen Angriffe von außen verteidigt, aber auch die Gegner rücksichtslos angreift. Denn seine Geliebte stammt aus dem verfeindeten Volk und seine Kräfte, die sind ihm von Gott verliehen.
Sex, Crime und ganz große Kunst
Diese archaische Geschichte, die im Alten Testament im Buch der Richter erzählt wird, verbindet Sex und Crime auf direkte Weise miteinander und fasziniert so bis heute. Denn Dalila erpresst Simson, um an sein Geheimnis zu kommen: Wenn Du mich liebst, erzählst Du mir dein Geheimnis. Simson denkt sich Geschichten aus, die Dalila jedes Mal an seine Gegner weitergibt, nur um festzustellen, dass er ihr wieder nicht die Wahrheit gesagt hat. Wenn Du mich liebst… Schließlich verrät er ihr entnervt die Wahrheit: Seine Kraft liegt in seinen langen, nie geschnittenen Haaren. Dalilas Verrat erfolgt umgehend. Beim Schäferstündchen schneidet sie dem Schlafenden die Haare ab und ruft seine Feinde.
Rembrandt hält den Höhepunkt des Dramas auf den Punkt genau fest: Seine Gegner überfallen den Schlafenden, der sich in Dalilas Armen sicher gewähnt hat, legen ihn in Ketten und stechen ihm die Augen aus. Simson durchfährt ein unbändiger Schmerz, als der Dolch in sein Auge fährt, unwillkürlich verkramen sich die Zehen seines emporgereckten Fußes. Seine Gegner scheinen ihren Erfolg kaum glauben zu können. Zu oft schon haben sich die angeblichen Gründe für Simsons übermenschliche Kräfte, die Dalila ihnen weitergegeben hat, als Lügen erwiesen. Und auch Dalila selbst, die Schere und die abgeschnittenen Haare noch in der Hand, wirkt überrascht. Ihr Gesicht spiegelt auf unvergleichliche Weise zugleich Erstaunen, Triumph und Entsetzen angesichts dessen, was sie angerichtet hat.
Großes Theater und Szenen aus dem Alten Testament
All dies schildert Rembrandt nicht nur wie von einem Bühnenscheinwerfer ausgeleuchtet in größter Drastik und Deutlichkeit, sondern auch mit dem ihm eigenen außerordentlichen psychologischen Einfühlungsvermögen. Das ist wahrhaft großes Theater, das die Amsterdamer der Rembrandtzeit lieben! Nur ein Jahr, nachdem Rembrandt sein Gemälde ausgeführt hat, eröffnet 1637 die „Schouwburg“ des Star- und Stadtarchitekten Van Campen. Damit hat das Amsterdamer Theater ein eigenes repräsentatives Gebäude.
Und die Holländer der Rembrandtzeit lieben Szenen aus dem Alten Testament, denn sie sehen sich in ihrem 80-jährigen Abwehrkampf gegen die spanische Herrschaft als das neue von Gott auserwählte Volk. Als die Auseinandersetzungen 1568 begonnen hatten, sahen sie Chancen für die protestantischen Holländer gegen die überlegene Militärmaschinerie der katholischen Könige von Spanien denkbar schlecht aus, doch seit Anfang des 17. Jahrhunderts hat sich das Blatt gewendet: So wie der kleine, aber clevere Hirtenjunge David den scheinbar unbesiegbaren Riesen Goliath überwunden hat, so setzte sich nun Holland gegen Spanien durch. Dementsprechend haben Themen des Alten Testaments in Holland Konjunktur, insbesondere dann, wenn sie eine moralische Lehre bereithalten.
Das gilt auch für die Geschichte Simsons: Sie warnt nicht nur vor den Gefahren der Sexualität und des Verrats, denen der Held zum Opfer fällt. Sie endet mit dem Triumph des geblendeten Helden, der – nachdem mit den nachgewachsenen Haaren auch seine übermenschlichen Kräfte zurückgekehrt sind – seine Feinde bei seinem Selbstmord mit in den Untergang reißt.
Rembrandts Meisterwerk hat seit seinem Entstehen 1636 die Betrachter bewegt – die meisten waren begeistert, einige schockiert wegen der Brutalität des Blendungsvorgangs und seine geradezu klinisch-genaue Wiedergabe. Kalt lässt die Blendung jedenfalls niemanden.
Konservierung und Restaurierung
Doch die Zeit hat Spuren im Werk hinterlassen. Die oberste Firnisschicht, die die Malschicht schützt und erst in jüngerer Zeit aufgetragen worden war, ist nicht nur vergilbt und nachgedunkelt. Sie ist vor allem im Laufe der Zeit von einem mikroskopisch feinen Rissnetz, einem Mikrocraquelé, durchzogen worden, dessen Kanten das einfallende Licht brechen und streuen. Im Effekt wirkt das Bild gerade in den dunkleren Bildpartien wie von einem dünnen grauen Schleier überzogen. Zusätzlich beeinträchtigen einzelne moderne Retuschen den ästhetischen Gesamteindruck.
Die nun begonnene Konservierung und Restaurierung der „Blendung Simsons“ wird nach ihrem Abschluss das Bild in seiner ursprünglichen Brillanz und Kontrasthaltigkeit präsentieren können und damit der Gestaltungsabsicht Rembrandts wieder so nahe kommen, wie dies bei einem fast 400 Jahre alten Kunstwerk möglich ist. Der regelmäßige Besuch der Restaurierungswerkstatt und die Diskussion mit Stephan Knobloch und Linda Schmidt, die die Restaurierung durchführen, gehört zu den schönsten und spannendsten Privilegien des für diesen Sammlungsteil zuständigen Kustos. Gemeinsam freuen wir uns darauf, Rembrandts Meisterwerk nach Abschluss der Arbeiten wieder dauerhaft der Öffentlichkeit präsentieren zu können!
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