Navigation menu

Romantisches Frankfurt

So gegensätzlich die Großstadt Frankfurt am Main und die Epoche der Romantik auf den ersten Blick erscheinen, so gibt es doch vielfältige Verbindungen zwischen der pulsierenden Bankenmetropole und der kulturgeschichtlichen Epoche des ausgehenden 18. Jahrhunderts. Mareike Hennig vom Kulturfonds Frankfurt RheinMain erläutert diese Verzweigungen, die sich nicht nur in der „Schwarzen Romantik“ wiederfinden lassen, sondern in Frankfurt RheinMain im kommenden Jahr auch in zahlreichen stattfindenden Literatur- und Musikveranstaltungen, Symposien und Exkursionen.

Mareike Hennig — 22. November 2012
In der Ausstellung „Rheinromantik in Kunst und Natur“ im Museum Wiesbaden zu sehen: Joseph Mallord William Turner; Am Rhein; Blick von der Burg Rheinfels über St. Goar auf die Burg Katz; 1844 © The Ashmolean Museum, Oxford

In der Ausstellung „Rheinromantik in Kunst und Natur“ im Museum Wiesbaden zu sehen: Joseph Mallord William Turner; Am Rhein; Blick von der Burg Rheinfels über St. Goar auf die Burg Katz; 1844 © The Ashmolean Museum, Oxford

 Die Romantik hat ein Imageproblem. Sie gilt als harmlos, lieblich und naiv. Ihre größte Verbreitung hat sie derzeit in Hotel- oder Reiseprospekten, als Zugabe zu Wochenenden und Abendessen. Und selbst wenn sie es schafft, als historische Kategorie wahrgenommen zu werden, so wird sie auch hier schnell einer schwärmerisch-unkritischen Kunst zugeschrieben: Im besten Fall gefühlvoll, im schlechtesten sentimental, alles in allem zu viel Harmonie und zu wenig Scharfsinn.

Romantik mit Frankfurt und der Rhein-Main-Region in Verbindung zu bringen, mag verwundern, vielleicht sogar provozieren, denn hat nicht diese Region ein entgegen gesetztes Imageproblem? Geht es hier nicht vornehmlich um Banken und Börsenkurse, ist hier nicht die Wirtschaft tonangebend und bestimmen nicht Globalität und Effektivität das Lebensgefühl? So stehen sich die Epoche der Romantik und Frankfurt RheinMain scheinbar unvereinbar gegenüber, beide an unbehaglichen Plätzen, einmal arglos, einmal abgebrüht. Doch weil allzu pauschalen Urteilen nie zu trauen ist, lohnt ein genauerer Blick auf die tatsächlich grundlegende Verbindung der Region mit einer Epoche, die weit mehr zu bieten hat als Sonnenuntergänge. Dann nämlich wird es überraschend und zudem sehr gegenwärtig.

Von 212 bis 2014 konzentriert sich der Kulturfonds Frankfurt RheinMain auf diese Verbindung: Auf ihre historische Tragweite ebenso, wie auf ihre bis in die Gegenwart anhaltende Wirkung auf Kunst und Kultur. Das aktuelle Schwerpunktthema des Fonds, „Impuls Romantik. Rheinromantik Mainromantik“ fördert Projekte, die in Frankfurt, Darmstadt, Wiesbaden und Hanau, im Hochtaunus- und im Main-Taunus-Kreis der Romantik nachspüren, in Musik und Literatur, in bildender Kunst und Landschaftsgärten. Wie unerwartet der Blick auf die unterschätzte Epoche dabei ausfallen kann, zeigt augenblicklich die Ausstellung „Schwarze Romantik. Von Goya bis Max Ernst“. Das Städel-Projekt ist eines der umfangreichsten der Reihe, aufwändig in Vorbereitung und Durchführung, klug konzipiert und von großer Wirkung. Die zahlreichen internationalen Leihgaben, die anschaulichen Linien, die Zeiten und Gattungen verbinden, die Beziehungen, die aufgedeckt werden und die Abgründigkeit, die als Wesensmerkmal der Romantik sichtbar wird, all dies macht unmittelbar klar: harmlos ist die Romantik ganz und gar nicht. Und tot und vergangen war sie ab Mitte des 19. Jahrhunderts auch nicht.

Im Frankfurt Goethehaus ist eine Ausstellung über die Arabeske zu sehen: E.T.A. Hoffmann (1776–1822); Leben und Ansichten des Katers Murr, Bd.2, 1820; Umschlag  von Carl Friedrich Thiele nach Hoffmann; © Frankfurter Goethe-Museum

Im Frankfurter Goethehaus wird Ende 2013 eine Ausstellung über die Arabeske gezeigt: E.T.A. Hoffmann (1776–1822); Leben und Ansichten des Katers Murr, Bd.2, 1820; Umschlag von Carl Friedrich Thiele nach Hoffmann; © Frankfurter Goethe-Museum

Was ist mit dem anderen Urteil? Was hat die Romantik mit der Region zu tun, gehört sie nicht nach Jena, Heidelberg und Berlin? Tatsächlich funktionierte Romantik hier anders als dort. Sie definierte sich nicht über fest umrissene Künstlerkreise, die sich eine Zeit lang einer bestimmten Idee verpflichteten. Für die Romantiker war die Region ein Knotenpunkt, eine Werkstatt, in der Begegnungen und intensiver Austausch stattfanden und in der experimentiert wurde. Eben diese Wandelbarkeit, dies Changierende, ist eine zutiefst romantische Haltung.

Die von Hector Berlioz  komponierte Oper "Die Trojaner" ist im Staatstheater Darmstadt zu erleben.

Die von Hector Berlioz komponierte Oper "Die Trojaner" ist im Staatstheater Darmstadt zu erleben.

In Frankfurt stand das Elternhaus der Geschwister Brentano. Von hier brach Clemens 1802 mit Achim von Arnim zu einer Rheinreise auf, die als Geburtsstunde der Rheinromantik gilt. 1812 erschienen die Kinder- und Hausmärchen der Hanauer Brüder Grimm. Bettine Brentano und Karoline von Günderrode pflegten hier eine intensive Freundschaft. Seit 1798 lebte Friedrich Hölderlin zunächst in Frankfurt, dann in Bad Homburg. Im Taunus schrieb Felix Mendelssohn Bartholdy 1844 Teile des „Elias“ und das 1815 gegründete Städel wurde durch die Direktoren Philipp Veit und Eduard Steinle zum Zentrum der Kunstströmung der Nazarener. Eine andere Frankfurter Institution, das Goethehaus, beherbergt heute die größte und international bedeutendste Sammlung romantischer Handschriften. Es waren Querköpfe, die hier zusammenkamen, Frauen, die gegen gängige Geschlechterrollen aufbegehrten, unruhige Künstler, die Erlösung in Freundschaft, Natur und Überlieferungen suchten und zugleich politisch agierten. Es gab Skandale ebenso wie Werke, die seither zum Kanon der Weltliteratur gehören. Die Romantik in der Rhein-Main-Gegend war bewegt, die Kreise blieben lebendig, das Denken agil und durchaus scharf und abgründig. Denn nimmt man den Blick in die eigene Seele ernst, dann kommt dabei nicht nur Heimeliges zum Vorschein, auch dies macht die aktuelle Städel-Ausstellung deutlich.

Kammermusikabend mit Alisa Weilerstein in der Alten Oper Frankfurt

Kammermusikabend mit Alisa Weilerstein in der Alten Oper Frankfurt; Foto: Jamie Jung

Der historische Bezug und die Frage nach dem Potential, das die Romantik für die Künste heute noch birgt, sind die Pole, zwischen denen sich der „Impuls Romantik“ bewegt. Bereits das Jahr 2012 versammelte Ausstellungen, Inszenierungen, Symposien, Konzerte und Lesungen, Nachtwanderungen und Exkursionen. 2013 wird das Programm noch dichter: Beim Auftakt zu einer Reihe, in der sich zeitgenössische Autoren auf romantische Handschriften einlassen, beantwortete etwa Feridun Zaimoglu einen vampirhaften Liebesbrief Clemens Brentanos, der sich nahtlos in die „Schwarze Romantik“ fügt. Die Alte Oper setzt ihre Spielzeit mit einem Schwerpunkt auf die Romantik fort und das Städel widmet die Sonderausstellung „Schönheit und Revolution. Klassizismus 1770–1820“ den Ursprüngen der Romantik im Rom des ausgehenden 18. Jahrhunderts. In Darmstadt bringt Berlioz’ Oper „Les Troyens“ die Opulenz der Spätromantik auf die Bühne und das Museum Wiesbaden untersucht die „Rheinromantik in Kunst und Natur“. Neben den Großveranstaltungen ist es der genaue Blick auf romantische Künstler und Themen der die Verbindung von Region und Epoche erlebbar machen: Mit August Lucas zeigt die Mathildenhöhe einen der eindringlichsten Zeichner der Darmstädter Romantik, mit der „Arabeske“ stellt das Goethehaus ein zentrales Motiv romantischer Malerei und Literatur aus. Das Frankfurter Museumsorchester gibt Schumanns „Faustszenen“, ein konzertanter „Parzifal“ ist in Bad Homburg zu hören und eine Reihe von Apps führt durch romantische Gärten.

Die meisten Idyllen gründen auf unsicherem Boden. Die Romantik wusste um diese Ambivalenz. Sie ging diese direkt an, ironisch, spielerisch, offen. Jenseits von historischen Fakten kann dies eine Haltung sein, die bis heute trägt. Wenn die Neuentdeckung einer vielschichtigen Romantik damit lebendige Anregung sein kann, umso besser. Geborgenheit und Einklang mit der Welt mögen ein Sehnsuchtsziel sein, sie sind aber gewiss nicht der Zustand, in dem der Künstler vornehmlich lebt und arbeitet. Und das galt schon vor 200 Jahren.

Weiterführende Links: Alte Oper Frankfurt Staatstheater Darmstadt Museum Wiesbaden Mathildenhöhe Darmstadt Goethehaus Frankfurt Frankfurter Opern- und Museumsorchester


Die Autorin Mareike Hennig ist Leiterin des Schwerpunktprojekts „Impuls Romantik“ des  Kulturfonds Frankfurt RheinMain.

Diskussion

Fragen oder Feedback? Schreiben Sie uns!

Mehr Stories

  • Alfred Kubin; Friedhofsmauer, um 1902; Tusche, laviert, auf Papier; 24,8 x 18,2 cm; Oberösterreichisches Landesmuseum, Linz
    „Schwarze Romantik“

    Die Bilderwelten des Alfred Kubin

    Betrachtet man ein Porträt des Künstlers Alfred Kubin, so erblickt man ein  gespenstisches Antlitz: Blässlich, kindlich, lächelnd und trotzdem melancholisch. Ein „greisenhaftes Kindergesicht“, wie Thomas Mann schrieb. 1898 ging der Grafiker, Illustrator und Schriftsteller Kubin nach München und unter dem Einfluss der dortigen Bohème schuf er Fluten verstörender Werke, die in der „Schwarzen Romantik“ natürlich nicht fehlen dürfen.

  • Salvador Dalí; Traum, verursacht durch den Flug einer Biene um einen Granatapfel, eine Sekunde vor dem Erwachen; 1944; Öl auf Holz, 51 × 41 cm; Museo Thyssen-Bornemisza, Madrid; © VG Bild-Kunst, Bonn 2013
    Bild des Monats

    Der kleine Dalí mit dem großen Titel

    Wenn sich eine Ausstellung den Nachtseiten der Romantik zuwendet, ist mit wenig Licht zu rechnen. Und bricht doch der Tag herein, dann zeigt sich dieser nicht minder unheilvoll. Das taghellste Bild in der Ausstellung „Schwarze Romantik“ stammt von Salvador Dalí. In seinem Gemälde zeigt der Skandalkünstler, wie ein surrendes Insekt einen Traum auslösen kann und wie Traum und Wirklichkeit miteinander verwoben sind. Es trägt einen Titel, der für unseren Teaser schlicht zu lang ist. Deshalb sei nur so viel gesagt: (Alb-)Träume können einen spannenden und rätselhaften Einblick in die Abgründe des Menschen geben.

  • Arnold Böcklin; Villa am Meer; 1871-1874; Öl auf Leinwand; 108 x 154 cm, Städel Museum, Frankfurt am Main
    Bild des Monats

    „Villa am Meer“ von Arnold Böcklin

    Als letzten Spross eines alten ruhmreichen Geschlechts – so beschrieb der Maler Arnold Böcklin seine einsame Figur am Strand des Gemäldes „Villa am Meer“, unserem Bild des Monats Dezember. Sie trauere um ihren Gatten, der in der Ferne verschollen sei. Auch der prächtige Familiensitz und die sich im Seewind beugenden Trauerzypressen sind im Inferno der mediterranen Abendsonne dem Untergang geweiht. Währenddessen schlägt das fast bewegungslose Meer nur flach gegen den Strand. Hier steht die schwarzgekleidete Frau still und verlassen und mit nach innen gerichteten Blick.

  • Ausstellung

    Den Schrecken zum Leben erwecken – Schwarze Romantik im Horrorfilm

    In der „Schwarzen Romantik“ sind neben Gemälden, Skulpturen und Zeichnungen auch Klassiker des Horrorfilms zu entdecken, denn auch die Filme „Frankenstein“, „Nosferatu“ oder „Dracula“ vermögen es, beim Betrachter nicht nur Unbehagen, sondern einen angenehmen Schauer hervorzurufen. Stefanie Plappert vom Deutschen Filmmuseum führt in die Welt des frühen Horrorfilms ein und zeigt auf, welche Einflüsse die bildenden Künste auf die filmischen Werke hatten.

  • Bild des Monats

    Ernst Ferdinand Oehmes „Prozession im Nebel“

    Zwischen bildgewordenen Albträumen und furchterregenden Satansvisionen bilden Landschaften den vermeintlichen Ruhepol der Ausstellung „Schwarze Romantik. Von Goya bis Max Ernst“. Ein Trugschluss. Das Adrenalin sinkt ab, aber der Pulsschlag bleibt. Mit seiner „Prozession im Nebel“ schuf Ernst Ferdinand Oehme ein Landschaftsbild, das keiner Schauerwesen bedarf, um Beklemmung und Unbehagen zu erzeugen – ein wahrer Landschaftsthriller. Subtil bemächtigt sich seine atmosphärische Stimmung unseres Gemüts, sie macht uns bange und hinterlässt ein Gefühl der Ungewissheit. Aber ein Hoffnungsschimmer bleibt. Unser Bild des Monats zeigt, wie düster die romantische Natur sein kann.

Newsletter

Wer ihn hat,
hat mehr vom Städel.

Aktuelle Ausstellungen, digitale Angebote und Veranstaltungen kompakt. Mit dem Städel E-Mail-Newsletter kommen die neuesten Informationen regelmäßig direkt zu Ihnen.

Beliebt

  • Honoré Daumier

    Zur Ernsthaftigkeit der Komik

    Bissig, brisant, komisch – Vor allem mit seinen Karikaturen machte sich Honoré Daumier im politischen Paris des 19. Jahrhunderts einen Namen. Aber wie funktionieren Karikaturen? Und weshalb kam Daumier für sie ins Gefängnis?

  • Der Film zur Ausstellung

    Honoré Daumier. Die Sammlung Hellwig

    Gefürchtet und geliebt – der Künstler Honoré Daumier (1808–1879) gehört zu den größten Zeichnern Frankreichs. Im Film erläutern der Frankfurter Mäzen und Sammler Hans-Jürgen Hellwig und die Kuratorin Astrid Reuter, wie Daumiers Einsatz für republikanische Ideen, für Presse- und Meinungsfreiheit und sein kritischer, aber zutiefst menschlicher Blick auf die Verhältnisse im Paris des 19. Jahrhunderts in seinen Karikaturen eindrucksvoll sichtbar werden.

  • Die Ausstellungen im Städel

    Highlights 2024

    Unser Ausblick auf 2024: Freut euch auf faszinierende Werke von Honoré Daumier und Käthe Kollwitz, lernt die Städel / Frauen kennen, entschlüsselt die Bildwelten von Muntean/Rosenblum, erlebt die Faszination italienischer Barockzeichnungen und reist zurück in Rembrandts Amsterdam des 17. Jahrhunderts.

  • Städel Mixtape

    #34 Jan van Eyck – Lucca-Madonna, ca. 1437

    Ein ruhiger Moment mit Kerzenschein, ihr seid so vertieft, dass ihr alles um euch herum vergesst: Vor rund 600 Jahren ging es den Menschen ähnlich, wenn sie vor Jan van Eycks „Lucca-Madonna“ gebetet haben. In diesem STÄDEL MIXTAPE geht es um das Andachts-Bild eines raffinierten Geschichtenerzählers. 

  • Städel / Frauen

    Louise Schmidt: Bildhauerin!

    Der erste Teil der Porträt-Reihe „Städel / Frauen“ nimmt Louise Schmidt und die aufwendige Restaurierung des Werks „Sitzender Knabe“ in den Fokus: Wer war die Bildhauerin und was macht ihre Arbeit so besonders?

  • ARTEMIS Digital

    Digitales Kunsterlebnis trifft wegweisende Demenz-Forschung

    Wie sieht eine digitale Anwendung aus, die Menschen mit Demenz und ihren Angehörigen zeit- und ortsungebunden einen anregenden Zugang zur Kunst ermöglicht? Ein Interview über das Forschungsprojekt ARTEMIS, über Lebensqualität trotz Krankheit und die Kraft der Kunst.

  • Gastkommentar

    Kunst & Schwarze Löcher mit Astrophysikerin Silke Britzen

    Was sieht eine Astrophysikerin in den Werken der Städel Sammlung? In diesem Gastkommentar eröffnet Silke Britzen (Wissenschaftlerin am Max-Planck-Institut für Radioastronomie in Bonn) ihre individuelle Sichtweise auf die Kunstwerke im Städel Museum.