Navigation menu

Das Museum als Labor

Kennenlernen, Diskutieren, Erfahrungen austauschen und voneinander Lernen – zum dritten Mal hat das Städel Museum an dem afrikanisch-europäischen Austauschprogramm TheMuseumsLab teilgenommen. Vom 19. bis 30. Juni waren Kolleginnen aus Kenia und Albanien in Frankfurt: Eine intensive und vor allem horizonterweiternde Begegnung.

Anna Huber — 7. Juli 2023

Wie sieht das Museum der Zukunft aus? Welchen Beitrag können Kulturinstitutionen zur gesellschaftlichen Verständigung leisten, auch über die Grenzen von Ländern und Kontinenten hinweg? Angesichts der großen ökologischen und sozialen Herausforderungen unserer Zeit erscheinen diese Fragen bedeutsamer denn je. Sich ihnen zu stellen und sie aus unterschiedlichen Perspektiven zu diskutieren, ist ein Ziel des internationalen Austauschprogramms TheMuseumsLab.

TheMuseumsLab – eine Plattform zum Austausch

Seit 2021 bietet das Programm eine Plattform des gemeinsamen Lernens und Netzwerkens. Das Team der Bildung und Vermittlung des Städel Museums war von Beginn an dabei: Leiterin Chantal Eschenfelder trat schon 2021 als Expertin für digitale Museumsarbeit in Erscheinung. 2022 konnte ich mich erfolgreich um die Teilnahme als eine von 50 Fellows aus verschiedenen afrikanischen und europäischen Ländern bewerben. Meine Erlebnisse des letzten Jahres waren aufreibend und sehr bereichernd.

Ob in den Berliner Museen, am Stockholmer World Culture Museum (Etnografiska museet) oder an einschlägigen Geschichtsorten Kapstadts – nie stand mir die schmerzhafte, globale Verzahnung der Kolonialgeschichte konkreter und, in der Begegnung mit den internationalen Kolleginnen und Kollegen, persönlicher vor Augen. Die Möglichkeit, das Gesehene gemeinsam kritisch zu reflektieren, schärfte auch den Blick auf die eigene Institution, das Städel Museum, und dessen Aufgaben als Bildungs- und Begegnungsort.

Anna Huber mit Fellows aus Kenia, Sambia und Ägypten in der Nähe von Kapstadt, 2022

Umso spannender war es in diesem Jahr, gemeinsam mit den Gästen Susan Oyieke (National Museums of Kenya) und Inesa Sulaj (Begründerin der Organisation MuzehLab in Tirana, Albanien), die vertrauten Frankfurter Museen und Realitäten unter anderen, neuen Vorzeichen zu sehen.

Mit neuen Augen durch die Städel Sammlung

Die Ausstellungsmacherin Susan Oyieke brauchte zum Beispiel nur einen kurzen Blick auf das Gemälde von Albrecht Altdorfer „Anbetung der Könige“ (ca. 1530–1535): „Es ist wunderschön, aber ein sehr rassistisches Gemälde“. Auf meine Erläuterung, dass sich viele Besucher in Führungen beim Anblick des an den Bildrand verdrängten Schwarzen Königs mit dieser Erkenntnis deutlich schwerer tun, gibt sie sich wenig überrascht: Wer Rassismus selber nicht erfahren habe, sähe ihn oft nicht – ob im realen Leben oder auf einem europäischen Gemälde aus den 1530er Jahren. Eine starke, zeitgenössische, afrikanische Stimme bräuchte es neben einem solchen Werk, um den Wunden der Geschichte und Gegenwart etwas entgegenzusetzen.

Susan Oyieke, Anna Huber und Inesa Sulaj im Städel Museum, 2023

Und auch Inesa Sulajs äußerst anschauliche Berichte über ihr unermüdliches Engagement für die Kunst und Kultur in Albanien stimmen nachdenklich: In einer politisch-gesellschaftlichen Umgebung, in der Museen und Erinnerungsorte kaum gefördert werden, ist das Entwickeln von Ausstellungen Knochenarbeit: 7-Tage-Wochen und mangelnde Finanzierungsmöglichkeiten sind für die junge Frau aus Tirana ganz normal. Und trotz ihres großen Elans sieht sie für sich in Albanien keine Zukunft – zu dick sind die gläsernen Decken, zu entscheidend Geschlecht und politische Parteinahme für die eigene Karriere.

Deutlich wird hier: Viel gilt es im deutschen Kulturbetrieb zu schätzen, zu hegen und pflegen, aber auch zu verbessern. Beeindruckend ist etwa die kooperative, zielgerichtete Zusammenarbeit unterschiedlicher Experten innerhalb der 200 Personen umfassenden Mitarbeiterschaft des kenianischen Nationalmuseums in Nairobi, von dem Susan Oyieke berichtete.

Für wen empfiehlt sich MuseumsLab?

Wir haben beide Fellows gefragt, wem sie Teilnahme an MuseumsLab empfehlen würden. Susan Oyieke wird es ihren Kolleginnen und Kollegen in Nairobi ans Herz legen, Inesa Sulaj ergänzte: „Ich würde MuseumsLab Museums- und Kulturfachleuten empfehlen, die einige Jahre Berufserfahrung in Europa und Afrika haben und daran interessiert sind, sich mehr Wissen über Dekolonialisierung, Restitution kolonialer Objekte, Demokratie, Klimawandel und Digitalisierung anzueignen.“

Zusammen mit weiteren Fellows und Mitarbeitern des LEIZA in Mainz, 2023

Was aus dem „Museumslabor“ dieses Austauschprogramms entstehen wird – auf nationaler Ebene, aber auch unsere eigene Arbeit am Städel Museum, muss die Zukunft zeigen. Das kollegiale Netzwerk – das steht jetzt schon fest – hat sich für die Mitarbeiterinnen der Bildung & Vermittlung weit in den Osten und Süden ausgedehnt. Und der eigene Horizont? – er wird mit jeder Begegnung weiter.


Anna Huber ist stellv. Leiterin der Bildung und Vermittlung am Städel Museum. Das Jahr 2022, in dem sie als Fellow von TheMuseumsLab u.a. mit den Realitäten südafrikanischer Kulturarbeit konfrontiert war, gehört zu den intensivsten und eindrücklichsten ihres bisherigen Lebens.

Diskussion

Fragen oder Feedback? Schreiben Sie uns!

Mehr Stories

  • Städel / Frauen

    Louise Schmidt: Bildhauerin!

    Der erste Teil der Porträt-Reihe „Städel / Frauen“ nimmt Louise Schmidt und die aufwendige Restaurierung des Werks „Sitzender Knabe“ in den Fokus: Wer war die Bildhauerin und was macht ihre Arbeit so besonders?

  • ARTEMIS Digital

    Digitales Kunsterlebnis trifft wegweisende Demenz-Forschung

    Wie sieht eine digitale Anwendung aus, die Menschen mit Demenz und ihren Angehörigen zeit- und ortsungebunden einen anregenden Zugang zur Kunst ermöglicht? Ein Interview über das Forschungsprojekt ARTEMIS, über Lebensqualität trotz Krankheit und die Kraft der Kunst.

  • Screenshot aus dem Prototyp „ARTEMIS Digital“, Einstieg, Städel Museum, Frankfurt am Main
    ARTEMIS Digital

    Das anregende Potential der Kunst

    Kunst trägt nachweislich zur Verbesserung der Lebensqualität bei. Allerdings kann der Besuch von Museen für Menschen, die an Demenz erkrankt sind, zur Herausforderung werden. Hier setzt ARTEMIS Digital an. Das erste Testing ist vielversprechend.

  • Seit November 2022 ist Dr. Astrid Reuter Sammlungsleiterin für die Graphische Sammlung bis 1800 im Städel Museum, Foto: Norbert Miguletz
    Fünf Fragen an

    Astrid Reuter

    Seit November 2022 verantwortet Astrid Reuter die Kunstwerke der Graphischen Sammlung bis 1800 – welche Entdeckungen sie dabei macht und wie ihr neuer Arbeitsalltag aussieht, erfahrt ihr im Interview.

  • Fünf Fragen zur Umgestaltung

    Neue Nachbarschaften

    Wie wirken die Publikumslieblinge aus dem Sammlungsbereich Kunst der Moderne durch die neuen Wandfarben und was sind die persönlichen Highlights der Kuratoren? Alexander Eiling, Juliane Betz und Kristina Lemke geben Einblicke.

Newsletter

Wer ihn hat,
hat mehr vom Städel.

Aktuelle Ausstellungen, digitale Angebote und Veranstaltungen kompakt. Mit dem Städel E-Mail-Newsletter kommen die neuesten Informationen regelmäßig direkt zu Ihnen.

Beliebt

  • Honoré Daumier

    Zur Ernsthaftigkeit der Komik

    Bissig, brisant, komisch – Vor allem mit seinen Karikaturen machte sich Honoré Daumier im politischen Paris des 19. Jahrhunderts einen Namen. Aber wie funktionieren Karikaturen? Und weshalb kam Daumier für sie ins Gefängnis?

  • Der Film zur Ausstellung

    Honoré Daumier. Die Sammlung Hellwig

    Gefürchtet und geliebt – der Künstler Honoré Daumier (1808–1879) gehört zu den größten Zeichnern Frankreichs. Im Film erläutern der Frankfurter Mäzen und Sammler Hans-Jürgen Hellwig und die Kuratorin Astrid Reuter, wie Daumiers Einsatz für republikanische Ideen, für Presse- und Meinungsfreiheit und sein kritischer, aber zutiefst menschlicher Blick auf die Verhältnisse im Paris des 19. Jahrhunderts in seinen Karikaturen eindrucksvoll sichtbar werden.

  • Die Ausstellungen im Städel

    Highlights 2024

    Unser Ausblick auf 2024: Freut euch auf faszinierende Werke von Honoré Daumier und Käthe Kollwitz, lernt die Städel / Frauen kennen, entschlüsselt die Bildwelten von Muntean/Rosenblum, erlebt die Faszination italienischer Barockzeichnungen und reist zurück in Rembrandts Amsterdam des 17. Jahrhunderts.

  • Städel Mixtape

    #34 Jan van Eyck – Lucca-Madonna, ca. 1437

    Ein ruhiger Moment mit Kerzenschein, ihr seid so vertieft, dass ihr alles um euch herum vergesst: Vor rund 600 Jahren ging es den Menschen ähnlich, wenn sie vor Jan van Eycks „Lucca-Madonna“ gebetet haben. In diesem STÄDEL MIXTAPE geht es um das Andachts-Bild eines raffinierten Geschichtenerzählers. 

  • Städel / Frauen

    Louise Schmidt: Bildhauerin!

    Der erste Teil der Porträt-Reihe „Städel / Frauen“ nimmt Louise Schmidt und die aufwendige Restaurierung des Werks „Sitzender Knabe“ in den Fokus: Wer war die Bildhauerin und was macht ihre Arbeit so besonders?

  • ARTEMIS Digital

    Digitales Kunsterlebnis trifft wegweisende Demenz-Forschung

    Wie sieht eine digitale Anwendung aus, die Menschen mit Demenz und ihren Angehörigen zeit- und ortsungebunden einen anregenden Zugang zur Kunst ermöglicht? Ein Interview über das Forschungsprojekt ARTEMIS, über Lebensqualität trotz Krankheit und die Kraft der Kunst.

  • Gastkommentar

    Kunst & Schwarze Löcher mit Astrophysikerin Silke Britzen

    Was sieht eine Astrophysikerin in den Werken der Städel Sammlung? In diesem Gastkommentar eröffnet Silke Britzen (Wissenschaftlerin am Max-Planck-Institut für Radioastronomie in Bonn) ihre individuelle Sichtweise auf die Kunstwerke im Städel Museum.