Navigation menu

Städel Museum Städel Museum

Auf dem Weg zum Deutschen Meister

Es ist noch kein Meister vom Himmel gefallen: Auch Albrecht Dürer kam um eine gründliche Ausbildung nicht herum. Seine Künstlervita beginnt in Nürnberg, doch seine Reisen führten ihn in verschiedenste Länder Europas. Welche Einflüsse sich im Œuvre des umtriebigen, stetig an seiner Perfektion feilenden Meisters niedergeschlagen haben und welchen Einfluss er als reifer Maler und Grafiker schließlich selbst ausübte, erfahrt Ihr in unserem Blogbeitrag.

Simona Hurst — 10. Januar 2014
blog_Duerer_Brennerstrasse

Entstand bei der Überquerung der Alpen: Albrecht Dürer (1471–1528); Brennerstraße im Eisacktal, um 1495; Wasserfarbe- und Deckfarbenmalerei, 20,5 x 29,5 cm; © Patrimonio Nacional

„Und da ich außgedient hat, schickt mich mein vatter hinwegg“

Reisen bildet, so sagt man. Diese Weisheit galt früher genau wie heute. Als junger Lehrling bricht Albrecht Dürer (1471–1528) im April 1490 auf Geheiß seines Vaters zur Gesellenwanderung auf. Dies war damals – wie heute – zur Vervollkommnung der beruflichen Kenntnisse bei Handwerksgesellen üblich. Der 19-Jährige hat gerade seine Ausbildung bei dem Nürnberger Maler Michael Wolgemut (1434–1519) abgeschlossen. Lückenlos belegt ist der Ablauf seiner Wanderschaft nicht; mit Sicherheit angenommen werden jedoch die oberrheinischen Stationen Colmar, Basel und Straßburg. Einflüsse in seinem Frühwerk legen nahe, dass ihn seine Reise auch an den Mittelrhein geführt hat, wo in dieser Zeit der sogenannte „Hausbuchmeister“ wirkte, dessen Bildsprache in Dürers frühen Grafiken ihren Niederschlag findet.

Studies of Peonies

Vorbild Schongauer aus dem Elsass: Martin Schongauer, (um 1445/50–1491); Päonien, um 1472/73; Aquarell auf Papier, 25,7 x 33 cm; The J. Paul Getty Museum, Los Angeles; © The J. Paul Getty Museum, Los Angeles

Das Vorbild: „Schön Merten“

Zwei Jahre lang hört man nichts vom jungen Dürer. Seine Spur findet sich erst 1492 im Elsass wieder – dem eigentlichen Ziel seiner ersten Gesellenreise. Bei dem in Colmar ansässigen Kupferstecher und Maler Martin Schongauer (um 1450–1491) erhofft er sich meisterliche Unterweisung nicht nur in der Malerei, sondern auch auf dem Gebiet des Kupferstechens, die der Elsässer wie kein zweiter seiner Zunft beherrscht. Schon während seiner Ausbildung bei Wolgemut hatte Dürer Arbeiten von „Schön Merten“ kennengelernt. Doch er kommt zu spät nach Colmar. Der große Meister ist bereits im Jahr zuvor verstorben. Gänzlich umsonst war der Abstecher dorthin aber nicht: Schongauers Brüder überlassen ihm einige Zeichnungen und Stiche, mit denen sich Dürer produktiv auseinanderzusetzen weiß. Anleihen an das Vorbild finden sich anschließend nicht nur in Werken dieser frühen Schaffensphase, auch spätere Arbeiten verraten noch das an Schongauers Werken geschulte Auge. Deutlich wird dies beispielsweise am „Kopf eines alten Mannes mit langem Bart“. Die Gegenüberstellung mit Schongauers „Der Heilige Antonius, von Dämonen gepeinigt“ (1470–1475) zeigt, dass Dürer hier auf einen Gesichtstypus zurückgreift, wie ihn der Altmeister etwa für seinen Heiligenkopf verwendet hat: Schütteres Haupthaar, der in zwei Stränge unterteilte Bart und ein besonnener Blick charakterisieren auch das Antlitz von Dürers ausdrucksstarker Kopfstudie aus der Zeit um 1505. Die Federzeichnung entsteht zu einer Zeit, in der er mit seinem Illustrationszyklus zur „Apokalypse“ des Johannes (1498) europaweiten Ruhm als Künstler erlangt und das einstige Vorbild technisch wie bildschöpferisch übertroffen hat.

blog_Duerer_Nuernbergerin_und_Venezianerin_kl

Trachtenstudie anno 1495: Albrecht Dürer (1471–1528); Nürnbergerin und Venezianerin, um 1495; Feder in dunklem Graubraun, 24,5 x 15,9 cm; Städel Museum, Frankfurt am Main; Foto: Städel Museum – U. Edelmann – ARTOTHEK

Nordalpine Spätgotik trifft auf italienische Renaissance

Bevor Dürer ins heimatliche Nürnberg zurückkehrt, führt ihn seine Gesellenwanderung weiter nach Basel, wo er mutmaßlich als Entwerfer für Buch-Holzschnitte tätig ist, sowie in die Stadt Straßburg, deren Maler- und Glaserwerkstätten er wohl aufsuchte. 1494 kehrt er zurück in seine Vaterstadt Nürnberg und heiratet dort Agnes Frey; doch es hält ihn nicht lange und er begibt sich um 1494herum erneut auf Reisen, diesmal nach Italien. Bei der Überquerung der Alpen entsteht eine Reihe höchst eindrücklicher Landschaftsaquarelle, die – auch die in der Dürer-Ausstellung im Städel gezeigten – „Brennerstraße bei Eisacktal“ oder den „Trintperg“ am Ufer der Etsch zeigen. Ob Dürer auf seiner ersten Italienreise bis nach Venedig kam, ist vielfach diskutiert worden. Eine Federzeichnung aus dem Bestand des Städel Museums jedenfalls legt dies nahe. Sie zeigt die beiden Figuren „Nürnbergerin und Venezianerin“ (um 1495) und vereint neben zwei unterschiedlichen Trachtenstudien auch zwei Zeichenstile. Während beim Gewand der Nürnberger Bürgerin die bewegte „deutsche“ Kreuzschraffur dominiert, ist das Kleid der Italienerin durch parallel geführte Linien modelliert. Dass Dürer zu diesem Zeitpunkt eine Venezianerin – wohl eine Kurtisane, die grotesk überhöhte Schuhe trägt – , darstellt, lässt auf eine Begegnung mit Einwohnern schließen und macht einen Aufenthalt in der Lagunenstadt plausibel. Demzufolge ist es auch mehr als denkbar, dass sich der Künstler vor Ort mit der venezianischen Malerei auseinandergesetzt hat – seine Arbeiten erstrahlen fortan in einer Farbintensität, für die etwa Giovanni Bellinis Werke, die ebenfalls in der Präsentation im Städel zu sehen sind, vorbildhaft gewesen sein mögen.

A-4571104.jpg

Ebenfalls vorbildhaft: Giovanni Bellini (zwischen 1430 und 1435–1516); Portait eines Venezianers, 1500; Holz, 27,6 x 18 cm; National Gallery of Art, Washington; © Washington, National Gallery of Art, Samuel H. Kress Collection

Wiederkehr als Meister

Im Jahr 1505 – Dürer leitet als anerkannter Meister inzwischen seine eigene Werkstatt – bricht der Nürnberger erneut gen Italien auf. Durch die wirkungsvolle Verbreitung seiner monogrammierten Druckgrafik weilt er diesmal nicht als Unbekannter im Süden. „Es sind sehr vornehme Menschen unter den Italienern, die zunehmend meine Gesellschaft suchen […]: vernünftige, gebildete Leute, gute Lautenspieler und Pfeifer, Kunstverständige […], und sie erweisen mir Ehre und Freundschaft“. Der Deutsche stößt also auf ein Publikum, das seine Werke kennt und schätzt, ja bald sammelt und künstlerisch rezipiert. Mehr noch: Dürers Ruhm war nunmehr so groß geworden, dass es sich für den Kupferstecher Marcantonio Raimondi lohnte, die Werke seines deutschen Kollegen samt Signatur zu kopieren. Giorgio Vasari berichtet zumindest von einer Verfügung, die Dürer am venezianischen Gericht gegen den Kopisten erwirkt haben soll, zumindest gegen die Verwendung seines Monogramms „AD“.

Anverwandlung und Neuschöpfung

Aber Dürer weiß in Italien weit mehr anzufangen, als Gerichtsverfahren anhängig zu machen. Getrieben feilt er auch auf dem Höhepunkt seines Erfolgs an seiner Kunstfertigkeit. Es sind Namen wie Andrea Mantegna, Giovanni Bellini oder Jacopo deʼ Barbari, deren künstlerische Einflüsse sich in seinem Werk wiederfinden, nicht aber einfach widerspiegeln. Die bloße Übernahme von Inhalten oder Techniken war Dürers Sache nicht. Er versteht es, sich Gesehenes anzuverwandeln und zur Vollendung zu führen. Insbesondere in seinen Holzschnitt-Zyklen schafft er Bilder voller Detailreichtum, Dynamik und überbordender Fantasie. Mit der Rezeption der italienischen Renaissance ziehen Neuerungen in Dürers Werk ein: Aktdarstellungen, ein veredeltes Kolorit und nicht zuletzt das Dreiviertelprofil. Aus der Beschäftigung mit der venezianischen Porträttradition heraus entstehen Werke wie das derzeit im Städel in der Dürer-Ausstellung zu sehende „Bildnis eines jungen Mannes“ (1506).

blogDuerer_Bildnis_eines_jungen_Mannes

Albrecht Dürer (1471–1528); Bildnis eines jungen Mannes, 1506; Holz, 46 × 35 cm; Genova, Musei di Strada Nuova - Palazzo Rosso; Foto: Luigino Visconti; © Musei di Strada Nuova, Genova

Letzte Reise: Die Niederlande

Mit solchen Arbeiten im Gepäck kehrt Dürer im Frühjahr 1507 nach Nürnberg zurück und legt den Grundstein für eine nordalpine Renaissance, die in der Folge wiederum eine ganze Künstlergeneration beeinflusst – nicht nur in Deutschland. Auch in den Niederlanden, wohin ihn zwischen 1520 und 1521 seine letzte große Reise führt, hinterlässt er unter flämischen Künstlerkollegen großen Eindruck. Als dort gefeierter Künstler reist er zusammen mit seiner Frau Agnes von Antwerpen über Brüssel nach Brügge und Gent und nimmt sich Zeit für das Studium altniederländischer Meister, deren Kunst er ausdrücklich lobt. Zurück in der Heimat wendet sich der Meister jetzt vermehrt seinen Schriften zu und hält das über viele Jahre bildlich Umgesetzte schließlich auch theoretisch fest, so zum Beispiel in seinen „Vier Büchern von menschlicher Proportion“, das von seiner Frau Agnes kurz nach seinem Tod herausgebraucht wurde.


Die Autorin Simona Hurst, generell sehr der Malerei zugeneigt, kann sich bei Dürer kaum entscheiden, ob ihr das grafische oder malerische Werk besser gefällt.

Die Ausstellung Dürer. Kunst – Künstler – Kontext ist noch bis zum 2. Februar im Städel Museum zu sehen.

Diskussion

Fragen oder Feedback? Schreiben Sie uns!

Mehr Stories

  • blog_duerer_sau_teaser
    Dürers illustrierte Flugblätter

    Siamesische Schweine statt junger Hasen

    Fremdländische Tiere, zoologische Kuriosa und Menschen mit Fehlbildungen – auch solche Themen gehören zum Bildrepertoire Albrecht Dürers. Mit seinen Flugblättern demonstriert der findige Künstler nicht nur seinen geschickten Unternehmergeist als Sensationsjournalist, er beweist auch in dem kurzweiligen Medium eine Imaginationskraft, die ihresgleichen sucht. Noch bis zum 2. Februar sind diese in der großen Dürer-Ausstellung im Städel zu entdecken.

  • blog_duerer_ad_teaser
    Der Unternehmer Albrecht Dürer

    Marke AD

    „AD“ – kein anderes Monogramm ist in der Kunstwelt so bekannt. Es ist ein Markenzeichen. Beste Qualität, Innovation, humanistischer Geist. Unser Blogartikel zeigt, wie Albrecht Dürer diese Marke aufbaute und, wenn nötig, auch gegen Kopisten verteidigte.

  • blog_3hieronymus_teaser
    Bild des Monats

    „Der heilige Hieronymus im Studierzimmer“ von Albrecht Dürer

    Dreimal der heilige Hieronymus, aber nur einmal Albrecht Dürer: Unser erstes Bild des Monats im Jahr 2014 verdeutlicht ein zentrales Thema der aktuellen Dürer-Ausstellung im Städel Museum – den Einfluss des Nürnberger Künstlers in Europa.

  • Duerer_Maria_das_Kind_stillend
    Bild des Monats

    „Maria das Kind stillend“ von Albrecht Dürer

    Im Weihnachtsmonat Dezember ist „Maria das Kind stillend“ (1503) von Albrecht Dürer aus dem Kunsthistorischen Museum in Wien unser Bild des Monats. Zu sehen ist es bis 2. Februar 2014 in der Dürer-Ausstellung im Städel.

  • Hellter_Altar_teaser
    Bild des Monats

    Der „Heller-Altar“ von Albrecht Dürer

    Krönung, Räderung, Hinrichtung – hier geht es nicht um einen Krimi oder Historienepos, sondern um ein bedeutendes Altar-Werk von Albrecht Dürer (1471–1528), den „Heller-Altar“. Wir haben uns dieses Highlight der Dürer-Ausstellung im Städel genauer angesehen und erklären Euch, was es mit den einzelnen Tafeln auf sich hat.

Newsletter

Wer ihn hat,
hat mehr vom Städel.

Aktuelle Ausstellungen, digitale Angebote und Veranstaltungen kompakt. Mit dem Städel E-Mail-Newsletter kommen die neuesten Informationen regelmäßig direkt zu Ihnen.

Beliebt

  • Giorgio Sommer, Amalfi Uferpromenade, ca 1860-1870, Städel Museum, Public Domain
    Mitmachen auf Instagram

    Wann hatten Sie #italienvoraugen?

    Egal ob die nächste Reise nach Bella Italia in Kürze ansteht, ihr euch an tolle Trips erinnert oder zuhause Italien-Feeling aufkommen lasst: Macht mit und zeigt uns Italien durch eure Augen!

  • Unbekannter Fotograf, Roederstein zwischen zwei Selbstporträts, 1936
    Das Roederstein-Jughenn-Archiv

    Aus dem Leben einer Künstlerin

    2019 erhielt das Städel Museum als großzügige Schenkung aus Privatbesitz ein umfangreiches Konvolut des Nachlasses von Ottilie W. Roederstein. Seitdem wird der Archivschatz nach und nach gehoben. Wir stellen ihn vor.

  • Sammlungsbereich Kunst der Moderne, Ausstellungsansicht, Foto Städel Museum Norbert Miguletz
    Fünf Fragen zur Umgestaltung

    Neue Nachbarschaften

    Wie wirken die Publikumslieblinge aus dem Sammlungsbereich Kunst der Moderne durch die neuen Wandfarben und was sind die persönlichen Highlights der Kuratoren? Alexander Eiling, Juliane Betz und Kristina Lemke geben Einblicke.

  • Umbau 2021 Alte Meister Katrin Binner 5
    Philipp Demandt im Interview

    Neue Farben für Alte Meister

    Da tut sich was! Wieso die Alten Meister gerade jetzt geschlossen sind und auf was wir uns freuen können, wenn der Sammlungsbereich im Herbst wieder öffnet, verrät Direktor Philipp Demandt im Interview.

  • Erich Salomon, Lugano, Dezember 1928, 1928, Silbergelatine-Abzug auf Barytpapier, © Erich Salomon
    Zeitschriften der letzten 100 Jahre

    Was uns das Gestern über das Heute sagt

    Was gute Pressefotografie ausmacht haben wir einen gefragt, der es wissen muss: Kommunikationswissenschaftler Patrick Rössler sammelt seit über 30 Jahren Zeitschriften als Zeugnisse der Alltagskultur.