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Vollendung mit Macken und Makeln

„Rodin selbst hat einmal gesagt, er müsste ein Jahr reden, um eines seiner Werke mit Worten zu wiederholen“ (Rilke). Zu seinem 100. Todestag blicken wir auf Rodins Eva – und fassen uns kurz, versprochen.

Elsa Wellmann-Gilcher — 16. November 2017

Nackt und ausgeliefert steht sie da, den linken Fuß leicht vom unebenen Boden gelöst, den rechten Arm eng um die Taille geschlungen. Zum Schutz hebt Eva ihren linken Arm vor die Brust und versucht zugleich, damit ihr Gesicht zu verbergen, der Körper ist geduckt. Ihre Haltung drückt vor allem zwei Dinge aus: Furcht und Scham.

Auguste Rodin, Eva, 1881 (Guss 1903–1917), Bronze, 175 x 51 x 63,5 cm, Städel Museum

Auguste Rodin, Eva, 1881 (Guss 1903–1917), Bronze, 175 x 51 x 63,5 cm, Städel Museum

Der Pariser Bildhauer Auguste Rodin zeigt hier den Moment nach dem Sündenfall, als sich Eva durch den Biss in die verbotene Frucht des Baumes der Erkenntnis ihrer eigenen Nacktheit und Verfehlung bewusst wird. Kurz darauf wird sie mit Adam aus dem Paradies vertrieben werden: Es ist der Ausgangspunkt der Leidensgeschichte des Menschen – lebensgroß und ausdrucksstark in Szene gesetzt. Diese Eva ist keine Femme fatale, keine erotische Verführerin mehr.

Ein Wink des Schicksals

Rodin arbeitete in der Regel mit einem Modell, das er eine gewünschte Pose einnehmen ließ und beim Fertigen seines Gipsmodells präzise beobachtete. In einem Gespräch mit seinem Künstlerkollegen Henri Dujardin-Beaumetz erzählt Rodin, dass er bei der Eva in jeder Sitzung den Bauch der Figur nachmodellieren musste: „[...] ich modifizierte meine Profile und passte sie ahnungslos der schrittweisen Veränderung der anschwellenden Formen an. Eines Tages erfuhr ich, dass sie schwanger war; ich begriff alles“. Rodin wertete dies als glücklichen Wink des Schicksals: Denn was ist Eva anderes, als die Urmutter aller Menschen?

Das Höllentor – eine Lebensaufgabe

Die Figur entstand im Kontext von Rodins erstem öffentlichen Auftrag, einem Bronzeportal für das geplante Kunstgewerbemuseum in Paris. Das Thema dafür war ihm freigestellt. Inspiriert von Dante Alghieris Göttlicher Komödie begann Rodin 1880 mit der Arbeit an dem sogenannten Höllentor, einem Projekt, das ihn bis zu seinem Tod – also 37 Jahre lang – nicht mehr loslassen sollte, jedoch nie vollendet wurde. Es ist der Ursprung von ungefähr 300 Einzelfiguren, darunter so berühmten Arbeiten wie Der Denker oder Der Kuss. Eva, als „erste Sünderin“, durfte in diesem Ensemble natürlich nicht fehlen. Als eigenständige Plastik wurde sie erstmals 1899 der Öffentlichkeit präsentiert.

Revolutionäre Bildhauerkunst

Die Reaktionen, die Eva hervorrief, waren sehr unterschiedlich: Ohne Sockel in den Raum gestellt, ganz nah auf Augenhöhe mit dem Betrachter – das hatte es bis dahin noch nie gegeben. Doch weit mehr als die Aufstellungsart war die Oberflächengestaltung revolutionär. Rodin verzichtete bei seiner Bronzefigur auf das abschließende Glätten und Polieren. Die raue, unebene Struktur, die sichtbaren Gussnähte und Armierungen erweckten beim zeitgenössischen Betrachter den Eindruck, die Plastik sei unfertig.

Auf diese Wirkung zielte Rodin bewusst ab. Er führte das sogenannte Non-Finito, das Unfertige, als maßgebliches Stilmittel in die moderne Plastik ein. Seine Marmorskulpturen und Bronzeplastiken wenden sich ab von der geschlossenen und ausgewogenen Formsprache der akademischen Tradition und hin zum offenen Werk – zur Moderne. Die skizzenhafte Ausführung legt den Gestaltungsprozess offen. Sie erlaubt es dem Betrachter zu partizipieren und fordert ihn dazu heraus, nicht ausformulierte Stellen mit Bedeutung zu füllen.

So gelang es Rodin, der Bildhauerkunst zu einer neuen, modernen Ästhetik zu verhelfen, nicht unähnlich der Malerei des Impressionismus oder Symbolismus. Seine Skulpturen bereiteten den Weg für Künstler wie Medardo Rosso, dessen Werk Das goldene Zeitalter (Aetas Aurea) das Prinzip des Non-Finito noch weiterführt.

Medardo Rosso, Das Goldene Zeitalter (Aetas aurea),  1886 (Guss ca. 1905)

Medardo Rosso, Das Goldene Zeitalter (Aetas Aurea), um 1902, Bronze, Höhe 52,5 cm, Städel Museum

Rodins Eva und das Städel

Die Figur der Eva verdankt das Städel der Schenkung von Georg Hartmann. Sie ist eine von zahlreichen Bronzegüssen, die von diesem Werk angefertigt wurden. Der Unternehmer Hartmann war seit 1920 Mitglied des Städelschen Museums-Vereins und ab 1935 Administrator des Städelschen Kunstinstituts. In Paris erwarb er zunächst diese Version der Eva für seine eigene Sammlung und vermachte sie 1953 dem Städel – wo sie noch heute, hundert Jahre nach dem Tod ihres Schöpfers, den Betrachter in ihren Bann zieht.

Ausstellungsansicht von Rodins Eva im Sammlungsbereich Kunst der Moderne, Städel Museum

Ausstellungsansicht von Rodins Eva im Sammlungsbereich Kunst der Moderne, Städel Museum


Elsa Wellmann-Gilcher ist studentische Mitarbeiterin in der Abteilung Presse- und Öffentlichkeitsarbeit.

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