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Wände statt Leinwand

Victor Vasarely malte nicht nur Op-Art-Gemälde – er gestaltete auch ganze Räume. Sein Speisesaal für die Deutsche Bundesbank zieht nun für die große Vasarely-Retrospektive ins Städel Museum um.

Iris Cramer — 23. August 2018

Gold und silbern glänzende Wandpaneele, darauf 582 kreisrunde Scheiben, die von gelb über grau bis schwarz changieren: In diesem Farbambiente speisen seit 45 Jahren hochrangige Gäste, hier finden Pressetermine und Interviews statt. Es ist der repräsentative Speisesaal in der Zentrale der Deutschen Bundesbank. Viele Besucher zeigen sich überrascht, wenn sie den leuchtenden Raum betreten. Zumal die Architektur von außen – eine streng gerasterte Fassade aus Sichtbeton und Glas – im Kontrast dazu recht nüchtern wirkt. Im 13. Obergeschoss sitzen die Gäste mitten in einem farbigen Op-Art-Kunstwerk, während sie aus dem Fenster über den Norden Frankfurts blicken können.

Der Ausblick aus dem 13. Stock der Deutschen Bundesbank, Foto: Städel Museum, Frankfurt am Main

Der Ausblick aus dem 13. Stock der Deutschen Bundesbank, Foto: Städel Museum, Frankfurt am Main

Victor Vasarely gestaltete diese „architektonische Integration“ 1972.  Selten lässt sich seine Absicht, Kunst zu einem Bestandteil des Lebens zu machen, eindrücklicher nachvollziehen als hier. Aber wie kam es zu diesem Zusammentreffen von Kunst und funktionalem Raum?

„Eine dem Neuen aufgeschlossene Atmosphäre“

Als das Frankfurter Büro Otto Apel/ABB Architekten Ende der 60er-Jahre den Neubau der Bundesbankzentrale konzipierte, war zeitgenössische Kunst ein wichtiger Bestandteil der Planung: „Es besteht die Vorstellung und der Wunsch, durch Kunstwerke unserer Zeit dem ganzen Haus eine dem Neuen aufgeschlossene Atmosphäre zu geben“, heißt es in einem Sitzungsprotokoll des Direktoriums aus dem Jahr 1969. Unterstützt wurde das Bundesbank-Direktorium durch einen Kunstbeirat, dem unter anderem Gerhard Bott, der Direktor des Hessischen Landesmuseums in Darmstadt, angehörte. Er brachte für die Gestaltung des Speisesaals Victor Vasarely ins Spiel und nahm mit dem Künstler Kontakt auf.

Direkt nach einem Besuch im französischen Annet-sur-Marne schrieb Gerhard Bott im März 1970: „Zu meiner großen Überraschung hatte Herr Vasarely, unterrichtet durch mehrere Telefongespräche und Briefe von mir und die übersandten Pläne sowie das Modell, seinen Entwurf schon vorliegen und konnte ihn mir ausführlich in mehreren Varianten erläutern. (…) Ich habe den Eindruck, dass Ihnen und den Herren der Bundesbank der Entwurf von Vasarely gut gefallen wird.“

Später erläuterte Gerhard Bott dann die Entwürfe in einer Sitzung des Kunstbeirats: „Die farbliche Gestaltung, die auf einen gegenläufigen Wechsel von Silber-, Grau-, Weiß-, Gelb- und Gold-Tönungen abgestimmt ist, wird dem Raum einen heiteren, aufgelockerten Eindruck verleihen.“ Bott berichtete auch, dass Vasarely nicht nur Wände und Decke konzipieren wolle, sondern sich auch an der übrigen Gestaltung des Raums inklusive der Möblierung beteiligen werde. Er wählte Stühle von Mies van der Rohe und runde Esstische von Eero Saarinen aus – die bis heute genutzt werden.

Blick in den Speisesaal der Deutschen Bundesbank, Foto: Wolfgang Günzel

Blick in den Speisesaal der Deutschen Bundesbank, Foto: Wolfgang Günzel

In einem Brief zu organisatorischen Fragen kündigte Vasarely an, dass sein Sohn Yvaral eng in das Projekt einbezogen werden solle, auch wenn er die Gestaltung verantworte: „Bei der Forschungsarbeit bin ich zu hundert Prozent aktiv. (…) Er wird als Verbindungsmann zwischen uns sein, denn bei meiner starken Beschäftigung kann ich unmöglich überall sein.“ Tatsächlich war Vasarely zu dieser Zeit nicht nur als Op-Art-Künstler weltweit bekannt und gefragt, er engagierte sich auch über den Bereich der Kunst hinaus. In Gordes hatte er 1970 ein eigenes Museum eröffnet, in dem Architekten, Stadtplaner und Künstler interdisziplinär erforschten, wie Kunst in Städtebau und Gesellschaft wirken kann.

Kunst im Alltag auf dem Prüfstand

Ende 1972 war das Projekt in der Bundesbank abgeschlossen. „Ich freue mich, dass ihr großer Speisesaal jetzt fertiggestellt ist“, schrieb Vasarely. Zur Einweihung brachte Yvaral die letzte Scheibe selbst an: Darauf stand die Signatur des Künstlers.

Man muss mittlerweile genauer hinschauen: die weggeputzte Signatur des Künstlers © Deutsche Bundesbank, Foto: Nild Thies

Man muss mittlerweile genauer hinschauen: die weggeputzte Signatur des Künstlers © Deutsche Bundesbank, Foto: Nils Thies

Auf den Fotos, die beim Bezug des Hauses entstanden, ist die helle Scheibe mit dem schwarzen Schriftzug Vasarelys deutlich zu erkennen. Doch inzwischen ist die Signatur – bis auf zarte Spuren - verschwunden. Hier ist nun vielleicht doch ein Missverständnis zu bedauern, das sich bei diesem Zusammentreffen von Kunst und Alltag ergeben kann: Womöglich wurde der Schriftzug von einer engagierten Reinigungskraft entfernt, die vermutete, dass ein etwas aufdringlicher Gast sich hier hatte verewigen wollen. Doch davon abgesehen hat sich in diesem Raum die Verschränkung zwischen Kunst und Alltag über vierzig Jahre bestens bewährt.

Die Sanierung des Bundesbank-Gebäudes bietet nun auch der Öffentlichkeit die wunderbare Gelegenheit, den Speisesaal zu betreten. Nur eine Bewirtung wird es in der Frankfurter Ausstellung nicht geben: Statt des Mobiliars werden Vasarely-Skulpturen in den Raum integriert.





Scheibe für Scheibe: Der Abbau des Saals in der Deutschen Bundesbank dauerte drei Tage. Im Städel Museum wird er für die Vasarely-Retrospektive wieder aufgebaut. © Deutsche Bundesbank, Foto: Nils Thies


Die Autorin Iris Cramer ist Kuratorin der Kunstsammlung der Deutschen Bundesbank.

Die Ausstellung „Victor Vasarely. Im Labyrinth der Moderne“ startet am 26. September 2018 im Städel Museum.

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