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Das „göttliche“ Erfolgsgeheimnis

Guido Reni erschuf eine Bildwelt, die raffiniert und dennoch leicht zu erfassen ist. Kurator Bastian Eclercy verrät im Interview mehr zur Entstehung der Ausstellung, seine persönlichen Lieblingswerke und köstliche Anekdoten.

Susanne Hafner — 30. November 2022

Guido Reni – seine Bilder wirken vertraut, sein Name nicht unbedingt. Wie kam dir die Idee, dich mit dem Künstler zu befassen?

Bastian Eclercy: Ausgangspunkt war ein hochkarätiger Ankauf, mein erster überhaupt für das Städel Museum: 2014 hat der Städelsche Museums-Verein auf meinen Vorschlag Renis Himmelfahrt Mariens (um 1598/99), ein frühes Hauptwerk, als Geburtstagsgeschenk zum 200-jährigen Jubiläum des Hauses erworben. Im Zuge der Recherchen habe ich mich eingehend mit dem Maler beschäftigt, besonders mit seiner ersten Werkphase in Bologna.

Damals wurde mir klar, welch faszinierende Künstlerpersönlichkeit dahintersteckt und wie sehr er überraschenderweise vernachlässigt worden ist. Auch die erste Idee einer großen monographischen Ausstellung, die es seit Jahrzehnten nicht mehr gegeben hat, entstand bereits in dieser Zeit. Seither habe ich über Reni geforscht, sein Œuvre, die Quellen, die Literatur studiert. Darauf basiert diese umfassende Schau, die wir nun endlich eröffnen konnten. A dream coming true.

Ausstellungsansicht „Guido Reni. Der Göttliche“ im Städel Museum, Frankfurt am Main, Foto: Norbert Miguletz

Sein Beiname war schon zu Lebzeiten „der Göttliche“. Was hat es damit auf sich?

Zunächst einmal ist nur wenigen Künstlern diese Ehre überhaupt zuteilgeworden. Damit stellen ihn die Zeitgenossen auf eine Stufe mit den Meistern der Antike und den beiden ebenfalls als göttlich apostrophierten Künstlern der Renaissance, Michelangelo und Raffael. „Il divino“ bezieht sich zum einen auf seinen Ruhm als Künstlerstar, der sich im Wissen um sein Können gelegentlich auch divenhaft gebärdete.

Zum anderen rekurriert das Beiwort auf seine Themenwelt: Guido ist der Maler des Göttlichen, gleich ob es sich um den christlichen Himmel oder die antike Götterwelt handelt. Er suchte und fand eine anschauliche Bildsprache, die die Unsichtbarkeit des Himmlischen in die Schönheit der Malerei übersetzt.

Ausstellungsansicht „Guido Reni. Der Göttliche“ im Städel Museum, Frankfurt am Main, Foto: Norbert Miguletz

Was war sein Erfolgsgeheimnis?

Meine These, die sich aus der Analyse einer Fülle von Einzelwerken für den Katalog ergeben hat, lautet: das Prinzip der genialen Einfachheit. Guidos Gemälde sind zwar von ungemeiner Raffinesse, aber eben nicht im eigentlichen Sinne kompliziert. Im Gegenteil, behaupte ich: Für die zeitgenössischen Betrachter waren sie sowohl ästhetisch vergleichsweise leicht zu erfassen, als auch inhaltlich leicht zu verstehen – das heilsgeschichtliche Einmaleins des sonntäglichen Kirchgängers reichte völlig aus. Es ist eine konsequente Kunst der Fokussierung aufs Wesentliche, die auf alles Sekundäre verzichtet.

Ausstellungsansicht „Guido Reni. Der Göttliche“ im Städel Museum, Frankfurt am Main, Foto: Norbert Miguletz

Durch eine zeitgenössische Biografie und weitere Quellen wie sein Rechnungsbuch ist auch das Leben des Künstlers gut dokumentiert. Was hat dich an Guido Reni am meisten überrascht?

Dass er bisweilen auch ein Spaßvogel sein konnte, was man ihm vielleicht nicht zutrauen würde. Sein Biograf Malvasia erzählt etwa diese schöne Anekdote: Als Guido an einem Kuppelfresko in Ravenna arbeitete, beklagte sich einer seiner Assistenten namens Marescotti, dass es niemals Pinienkerne zu essen gebe, obwohl dies doch eine Spezialität der Stadt sei. Da bestellte der Maler am nächsten Tag ein ganzes Menü aus Pinienkernen „[…] und als Krönung eine große Schüssel mit Pinienkonfekt, wobei jeder auf einem halben, mit Pinienkernen gefüllten Sack saß, alle lachend und zur größten Zufriedenheit von Marescotti, der immer wieder sein Staunen zum Ausdruck brachte und die Gesellschaft in ständiger guter Laune hielt.“ Eine der köstlichen Geschichten, die Malvasia auf Lager hat.

Ausstellungsansicht „Guido Reni. Der Göttliche“ im Städel Museum, Frankfurt am Main, Foto: Norbert Miguletz

Ausstellungsansicht „Guido Reni. Der Göttliche“ im Städel Museum, Frankfurt am Main, Foto: Norbert Miguletz

Guido Reni hat mit dem „himmelnden Blick“ ein Bildmotiv populär gemacht, das sich im Laufe der Jahrhunderte durch zahllose Reproduktionen quasi verselbstständigt hat. War das abzusehen? Gab es bereits zeitgenössische Adaptionen und hat sich der Maler selbst dazu geäußert?

Der „himmelnde Blick“ ist in der Tat sein Markenzeichen, er steht als anschauliche Metapher für die Kontaktaufnahme mit dem Himmel durch die Augen. Reni selbst hat sich seiner Fähigkeit gerühmt, zum Himmel gewandte Köpfe mit aufblickenden Augen auf hundert verschiedene Arten darstellen zu können. Wie man an den unzähligen Nachahmungen bis ins 19. Jahrhundert hinein sehen kann, ist es in der Tat gar nicht einfach, ein Auge in Verkürzung von unten darzustellen. Guido war darin ein Meister. Später wird das Motiv bei weniger talentierten Malern zum „running gag“, der dem Betrachter bisweilen auch auf die Nerven gehen kann.

Die Ausstellung bringt so viele Werke von Guido Reni wie noch nie zuvor zusammen. Die Leihgaben kommen aus wichtigen internationalen Museen und Privatsammlungen. Über welche Gegenüberstellung freust du dich besonders?

Oh, da gibt es viele, nicht zuletzt aufgrund der hohen Dichte an absoluten Meisterwerken. Ich habe versucht, die ganze Ausstellung gewissermaßen „durchzukomponieren“, also die Werke in vielfältiger Weise zueinander in Beziehung zu setzen. Wer genau hinschaut, wird diese Bezüge nach und nach entdecken. Wenn ich einen Favoriten nennen sollte: Gleich im ersten Raum der Ausstellung habe ich erstmals alle transportablen Fassungen der „Himmelfahrt Mariens“ zusammengebracht – ausgehend von unserem eigenen Bild, das chronologisch am Anfang steht, bis ins Spätwerk. Hier kann man anschaulich nachvollziehen, wie Reni ein Lebensthema immer wieder aufgreift, es dabei aber beständig variiert und neu überdenkt. Ein ungemein faszinierendes Ensemble.

Ausstellungsansicht „Guido Reni. Der Göttliche“ im Städel Museum, Frankfurt am Main, Foto: Norbert Miguletz

Neben der beeindruckenden Malerei im Großformat spielt auch das grafische Werk von Guido Reni eine wichtige Rolle in der Ausstellung. Welche davon sollte man sich ganz genau anschauen?

Bei früheren Reni-Ausstellungen wurden die Gattungen noch fein säuberlich getrennt präsentiert. Hier zeigen wir nun – auch dank moderner, differenzierter Lichttechnik – Gemälde und Arbeiten auf Papier in direkter Gegenüberstellung, also gleichwertig  auf Augenhöhe. Malerei und Zeichnung sind für Reni ohnehin untrennbar verbunden, das macht seine „Allegorie der Eintracht von Zeichnung und Malerei“ aus dem Louvre auf wunderbare Weise deutlich. Bereits die Zeitgenossen haben seine Kopfstudien oder „Ausdrucksköpfe“ (arie di teste) besonders geschätzt – ausdrucksvolle Studien von Gesichtern, die der Bildvorbereitung dienten, aber auch schon früh gesammelt wurden. Denen widmen wir einen ganzen Raum.

Ausstellungsansicht „Guido Reni. Der Göttliche“ im Städel Museum, Frankfurt am Main, Foto: Norbert Miguletz

Was macht für dich die Malerei von Guido Reni so einzigartig?

Es ist eine Malerei von erstaunlicher Qualität, sowohl in den packenden Kompositionen, als auch im malerischen Detail. Dabei fokussiert sich Reni ganz aufs Wesentliche und vermag mit nur einer oder zwei monumentalen Figuren eine ganze Geschichte zu erzählen. Mit seinem leuchtenden Kolorit geht er ebenso eigene Wege, die ihn von fast allen Zeitgenossen unterscheiden. Seine einprägsamen und unverkennbaren Bilderfindungen vergisst man nicht mehr. In Frankfurt kann man sie in den nächsten Monaten erleben wie nirgendwo sonst.


Bastian Eclercy, Sammlungsleiter für die italienische, französische und spanische Malerei vor 1800 und Kurator der Ausstellung, ist – wen wundert’s – bekennender Guidomaniac.

Die Fragen stellte Susanne Hafner, Referentin für Presse und Onlinekommunikation.

Hier gibt es alle Informationen zur Ausstellung und dem vielseitigen Rahmenprogramm. Alle Ausstellungsansichten wurden von Norbert Miguletz fotografiert.

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