Navigation menu

Maler der zerstörten Ordnung

Skandalmaler! Georg Baselitz hatte mit Mitte Zwanzig bereits einen Ruf. Seine „unsittlichen“ Gemälde platzten in das deutsche Wirtschaftswunderidyll. Was trieb den jungen Künstler damals an?

Eva Mongi-Vollmer — 22. Juli 2016

Georg Baselitz war 27 Jahre alt, als er 1965 in Florenz mit der Arbeit an den später sogenannten „Helden“ begann. Dass er damals künstlerisch in Italien arbeiten konnte, war keine Selbstverständlichkeit. Ein Stipendium ermöglichte ihm den Aufenthalt – aber dass ausgerechnet er ein solches erhalten hatte, war überraschend. Warum? Weil Georg Baselitz 1965 eigentlich nur negative Bekanntheit besaß.

Der „Skandalmaler“

Gleich mit seiner ersten Einzelausstellung, 1963 in Berlin, hatte er für einen Skandal gesorgt. Da war etwa sein Gemälde „Die große Nacht im Eimer“: Noch heute irritiert es, einen kleinen Mann mit einem großen Penis in schmutzig-braunen Farben grob auf die Leinwand gemalt zu sehen. Umso mehr wurden seine Werke damals als „unsittlich“ empfunden – und teils von der Staatsanwaltschaft beschlagnahmt. Die angefeindeten Bilder hängen heute in Museen (letzteres im Museum Ludwig Köln).

Ein Skandalmaler war geboren: Zeitungsausschnitt aus der Nacht-Depesche vom 4. Oktober 1963

Ein Skandalmaler war geboren: Zeitungsausschnitt aus der Nacht-Depesche vom 4. Oktober 1963

Natürlich wollte Baselitz damals provozieren. Er wollte ausdrücklich nicht die aus seiner Sicht vorgefertigten künstlerischen Wege einschlagen, die darüber hinaus meist mit politischen Ideologien verknüpft wurden. In Westdeutschland, wo er seit 1957 lebte, waren dies insbesondere das abstrakte Informell, ZERO, Fluxus oder die aus den USA bekannte Pop-Art. Die figurative Malerei hingegen hatte einen schlechten Stand und wurde häufig mit dem Sozialistischen Realismus der Sowjetunion und der DDR assoziiert.

Zerstörte Ordnung

Baselitz suchte seinen Weg jenseits dieser Bahnen. Rückblickend sagte er:

Ich bin in eine zerstörte Ordnung hineingeboren worden, in eine zerstörte Landschaft, ein zerstörtes Volk, in eine zerstörte Gesellschaft. Und ich wollte keine neue Ordnung einführen. Ich hatte mehr als genug sogenannte Ordnungen gesehen.

Die zerstörte Ordnung, in die er 1938 der Nähe von Dresden hineingeboren wurde, ist die des Nationalsozialismus und des Zweiten Weltkrieges sowie die der Nachkriegszeit. Als Kind hatte er nicht nur aufbrechende Soldaten, sondern auch zurückkehrende, zu Schaden gekommene Uniformierte und Flüchtlinge gesehen. Diese Eindrücke prägten ihn stark und wirkten auch in der „Helden“-Serie nach.

Seine Ausbildung zum Künstler begann Baselitz 1956 in Ost-Berlin, an der Hochschule für bildende und angewandte Kunst in Berlin-Weißensee. Lange blieb er nicht: Nach zwei Semestern wurde er wegen „gesellschaftspolitischer Unreife“ verwiesen. Zum Wechsel aus der DDR in die BRD gezwungen, siedelte er nach Westberlin über, wo er sein Studium an der Hochschule für Bildende Künste 1962 abschloss.

Georg Baselitz in seinem Berliner Atelier 1966

Georg Baselitz in seinem Berliner Atelier 1966

Das Künstlerstipendium der Künstlervilla Romana in Florenz brachte 1965 schließlich eine Wende. Die Loslösung aus Deutschland, speziell aus Berlin, tat wohl. In Florenz begann Baselitz die sogenannten „Helden“ oder „Neuen Typen“ zu entwickeln – an jenem Ort, der einst das Zentrum des italienischen Manierismus war: Die nicht-kanonischen Figuren, verzerrten Proportionen, die teils schrillen Farbkombinationen, all das reizte ihn fand und in seine Figurenbilder Eingang.

Baselitz schöpfte für seine Helden aus unterschiedlichsten visuellen und literarischen Eindrücken, vor allem aber auch aus seinen persönlichen Erinnerungen – in einer Zeit, in der die Mehrheit der Deutschen optimistisch nach vorne blickte und dem Wirtschaftswunder huldigte. Ein Rückblick war hingegen unbequem.

Manifestieren, was es noch zu manifestieren gilt

Baselitz ließ seine neu entwickelten Figuren durch merkwürdige Bildräume wandern oder taumeln, ihre großen Hände und Füße stehen in deutlichem Kontrast zu den kleinen Köpfen, ihre körperliche Wuchtigkeit in schroffem Gegensatz zu ihren Verletzungen und zur Abgerissenheit ihrer Erscheinung. Die teils geradezu prachtvolle Farbpalette, der ästhetisch so ansprechende Umgang mit Farbe und Pinsel wiederum kollidiert mit den bestürzenden Motiven.

Georg Baselitz: „Die großen Freunde“ (1965) aus der „Helden“-Serie, Museum Ludwig, Köln © Georg Baselitz 2016, Foto: Frank Oleski, Köln

Georg Baselitz: „Die großen Freunde“ (1965) aus der „Helden“-Serie, Museum Ludwig, Köln © Georg Baselitz 2016, Foto: Frank Oleski, Köln

Die Figuren waren und sind keine Helden. Sie sind Kreaturen auf der Wanderschaft in einer unheilvollen Welt, auf der Suche nach etwas, auch nach sich. Es sind darunter auch Maler, „bewaffnet“ mit den notwendigen Utensilien, um zu manifestieren, was es noch zu manifestieren gilt. Die rebellische und zugleich selbstbewusste malerische Geste, die Baselitz 1965 angesichts seiner Zeit entwickelte, schwingt in unsere Gegenwart hinein, brummt noch 50 Jahre später im Bauch des Betrachters.

Abb. oben: Wolfgang Frommel und Manuel R. Goldschmidt besuchen Georg Baselitz (r.) 1966 in seinem Berliner Atelier


Eva Mongi-Vollmer ist Co-Kuratorin der Ausstellung Georg Baselitz. Die Helden und keineswegs „heldenmüde“.

Diskussion

Fragen oder Feedback? Schreiben Sie uns!

Mehr Stories

  • Georg Baselitz. Die Helden

    Der Film zur Ausstellung ist online

    „Helden“ wecken viele Assoziationen: stark, unverwundbar, mächtig. Die Sonderausstellung „Georg Baselitz. Die Helden“ zeigt eine Werkserie, deren Protagonisten alles andere als typische Helden sind.

  • Forschungsprojekt

    Von der Sozialen Plastik zum Sozialen Netzwerk

    Ein bisher einzigartiges kunsthistorisches Projekt erforscht derzeit die deutsche Kunstszene im Zeitraum von 1960 bis 1989 – aus der Perspektive von Zeitzeugen.

  • Neuer Onlinekurs zur Moderne

    Kunst­geschichte für alle

    Ab sofort könnt ihr mit „Kunstgeschichte online – der Städel Kurs zur Moderne“ vielseitige Einblicke in die moderne Kunst von 1750 bis heute erlangen – völlig kostenfrei und immer dann, wenn es Euch passt.

Newsletter

Wer ihn hat,
hat mehr vom Städel.

Aktuelle Ausstellungen, digitale Angebote und Veranstaltungen kompakt. Mit dem Städel E-Mail-Newsletter kommen die neuesten Informationen regelmäßig direkt zu Ihnen.

Beliebt

  • Honoré Daumier

    Zur Ernsthaftigkeit der Komik

    Bissig, brisant, komisch – Vor allem mit seinen Karikaturen machte sich Honoré Daumier im politischen Paris des 19. Jahrhunderts einen Namen. Aber wie funktionieren Karikaturen? Und weshalb kam Daumier für sie ins Gefängnis?

  • Der Film zur Ausstellung

    Honoré Daumier. Die Sammlung Hellwig

    Gefürchtet und geliebt – der Künstler Honoré Daumier (1808–1879) gehört zu den größten Zeichnern Frankreichs. Im Film erläutern der Frankfurter Mäzen und Sammler Hans-Jürgen Hellwig und die Kuratorin Astrid Reuter, wie Daumiers Einsatz für republikanische Ideen, für Presse- und Meinungsfreiheit und sein kritischer, aber zutiefst menschlicher Blick auf die Verhältnisse im Paris des 19. Jahrhunderts in seinen Karikaturen eindrucksvoll sichtbar werden.

  • Die Ausstellungen im Städel

    Highlights 2024

    Unser Ausblick auf 2024: Freut euch auf faszinierende Werke von Honoré Daumier und Käthe Kollwitz, lernt die Städel / Frauen kennen, entschlüsselt die Bildwelten von Muntean/Rosenblum, erlebt die Faszination italienischer Barockzeichnungen und reist zurück in Rembrandts Amsterdam des 17. Jahrhunderts.

  • Städel Mixtape

    #34 Jan van Eyck – Lucca-Madonna, ca. 1437

    Ein ruhiger Moment mit Kerzenschein, ihr seid so vertieft, dass ihr alles um euch herum vergesst: Vor rund 600 Jahren ging es den Menschen ähnlich, wenn sie vor Jan van Eycks „Lucca-Madonna“ gebetet haben. In diesem STÄDEL MIXTAPE geht es um das Andachts-Bild eines raffinierten Geschichtenerzählers. 

  • Städel / Frauen

    Louise Schmidt: Bildhauerin!

    Der erste Teil der Porträt-Reihe „Städel / Frauen“ nimmt Louise Schmidt und die aufwendige Restaurierung des Werks „Sitzender Knabe“ in den Fokus: Wer war die Bildhauerin und was macht ihre Arbeit so besonders?

  • ARTEMIS Digital

    Digitales Kunsterlebnis trifft wegweisende Demenz-Forschung

    Wie sieht eine digitale Anwendung aus, die Menschen mit Demenz und ihren Angehörigen zeit- und ortsungebunden einen anregenden Zugang zur Kunst ermöglicht? Ein Interview über das Forschungsprojekt ARTEMIS, über Lebensqualität trotz Krankheit und die Kraft der Kunst.

  • Gastkommentar

    Kunst & Schwarze Löcher mit Astrophysikerin Silke Britzen

    Was sieht eine Astrophysikerin in den Werken der Städel Sammlung? In diesem Gastkommentar eröffnet Silke Britzen (Wissenschaftlerin am Max-Planck-Institut für Radioastronomie in Bonn) ihre individuelle Sichtweise auf die Kunstwerke im Städel Museum.