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Die drei Leben des Johann David Passavant

Maler, Kunstgelehrter, Museumsdirektor – das war Johann David Passavant. Nun gewährt eine Kabinettpräsentation Einblick in sein Leben und Werk.

Daniel Zamani und Sarah Omar — 12. April 2017

Selbstbewusst und bestimmt ist der Blick des jungen Malers, der sich dem Betrachter im Dreiviertelprofil zugewandt hat: ein Frankfurter vor der Sonne Italiens. In altdeutsche Tracht gekleidet, vor einer Ideallandschaft – mit römisch-heidnischer Ruine auf der einen und einer mittelalterlichen Kirche auf der anderen Seite – wirkt seine Erscheinung wie aus der Zeit gefallen, auch aus der damaligen, 1818. Das Selbstporträt Johann David Passavants ist Programm. Ein Jahr zuvor war er, wie viele seiner Zeitgenossen, nach Italien gekommen, dem Sehnsuchtsort der deutschen Romantik. In Rom hatte er sich schnell den Nazarenern angeschlossen, einer jungen Künstlergruppe, die eine Erneuerung der Kunst durch das Christentum anstrebte. Im Fokus ihres Interesses stand die italienische Kunsttradition, vor allem die Renaissance. So erinnert auch Passavants Werk in Ausdruck und Komposition an ein Selbstbildnis des Renaissancemalers Raffael von Urbino.

Raffael von Urbino: Selbstbildnis, ca. 1506, Galleria degli Uffizi, Florenz (links) und Johann David Passavant: Selbstbildnis mit Barett vor römischer Landschaft, 1818, Städel Museum, Frankfurt am Main

Raffael von Urbino: Selbstbildnis, ca. 1506, Galleria degli Uffizi, Florenz (links) und Johann David Passavant: Selbstbildnis mit Barett vor römischer Landschaft, 1818, Städel Museum, Frankfurt am Main

Wie intensiv sich der junge Künstler während seines siebenjährigen Italienaufenthaltes mit seinem großen Vorbild beschäftigte, zeigt auch ein weiteres Gemälde. In Die Heilige Familie mit Elisabeth und dem Johannesknaben platziert Passavant die Figurengruppe erneut vor einer südlichen Ideallandschaft. Die sorgfältig austarierte Figurenpyramide, das leuchtende Kolorit, die idealisierende Körpergestaltung – die Inspirationsquelle für das Gemälde ist unverkennbar.

Raffael von Urbino: Die Heilige Familie aus dem Hause Canigiani, ca. 1507/08, Alte Pinakothek, München (llinks) und Johann David Passavant: Die Heilige Familie mit Elisabeth und dem Johannesknaben, 1819, Städel Museum, Frankfurt am Main

Raffael von Urbino: Die Heilige Familie aus dem Hause Canigiani, ca. 1507/08, Alte Pinakothek, München (llinks) und Johann David Passavant: Die Heilige Familie mit Elisabeth und dem Johannesknaben, 1819, Städel Museum, Frankfurt am Main

Beide Gemälde gehören heute zur Sammlung des Städel Museums, das einige von Passavants wichtigsten, während seines Italienaufenthaltes entstandenen Arbeiten besitzt. Aktuell widmet sich eine Kabinettpräsentation in der Abteilung Kunst der Moderne unter dem Titel Vom Künstler zum Kunstgelehrten seinem Werk. Denn Maler blieb Passavant nicht lange. Dafür sollte er in der Geschichte des Museums noch in anderer Funktion eine besondere Rolle spielen. Von 1840 bis zu seinem Tod 1861 war er als Direktor des Städel tätig und legte als solcher einen wichtigen Grundstein für die weitere Entwicklung des Museums, wie wir es heute kennen: als eine Art Arche Noah der Kunstgeschichte, mit einer konzentrierten, aber meisterhaften Sammlung, und nicht zuletzt als Ort der Kunstvermittlung für ein breites Publikum. Aber wie wurde aus Passavant, dem – so könnte man meinen – vergangenheitsverliebten Romantiker, ein Vorreiter des modernen Museums?

Der Kunstgelehrte

Noch mal zurück nach Italien. Bei seiner Beschäftigung mit der italienischen Kunstgeschichte entdeckte Passavant auch eine zweite Liebe: die Wissenschaft. Bald stand er in regem Austausch mit deutschen Gelehrten und reifte selbst zu einem anerkannten Kunstexperten heran, wobei die Renaissance sein Schwerpunkt blieb. Als Teil seiner Recherchen brach Passavant 1831 auf eine ausgedehnte Forschungsreise durch England auf. Der Großteil von Raffaels Œuvre befand sich damals in englischem Besitz, darunter Gemälde und Zeichnungen, von denen noch keinerlei Reproduktionen existierten. Von einigen dieser Werke fertigte Passavant Kopien an, etwa diese minutiös ausgeführte Zeichnung nach Raffaels Vision eines Ritters, die bald darauf als Vorlage für eine Druckgrafik des Dresdner Künstlers Ludwig Gruner weitere Verbreitung fand.

Raffael von Urbino: Die Vision eines Ritters, ca. 1504, National Gallery, London (links) und Johann David Passavant: Die Vision eines Ritters, 1831, Städel Museum, Frankfurt am Main

Raffael von Urbino: Die Vision eines Ritters, ca. 1504, National Gallery, London (links) und Johann David Passavant: Die Vision eines Ritters, 1831, Städel Museum, Frankfurt am Main

Seinen Besuch zahlreicher privater und öffentlicher Sammlungen fasste Passavant später in einem ausführlichen Reisebericht zusammen. Die Publikation avancierte zu einem Bestseller – und Passavant zum international gefeierten Kunstschriftsteller. Wenige Jahre darauf veröffentlichter er sein bis heute bedeutendstes Werk, eine wissenschaftlich fundierte Monografie zum Leben und Werk Raffaels, die ihn zu einem wichtigen Vorreiter der modernen Kunstgeschichtsschreibung machte. Der nächste Karriereschritt folgte ein Jahr später.

Der Direktor

1840 wurde Passavant als Direktor an das Städel berufen. Der Maler, der Kunsthistoriker widmete sich seinem nächsten Großprojekt, setzte sich mit Tatkraft und Sachverstand für die Erweiterung der Sammlung ein und engagierte sich intensiv im Bereich der Kunstvermittlung. Früh erkannte er, dass Kunst und Kunstgeschichte nur einem kleinen privilegierten Kreis vorbehalten bleiben würden, solange man die Reise zum Original antreten musste. Nur Reproduktionen der Werke würden Kunst einem breiten Publikum zugänglich machen. Unter seiner Leitung begann das Städel daher mit dem systematischen Erwerb von Fotografien, darunter Kunstreproduktionen für die Lehrsammlung der Städel Schule. So entstand eine der ersten musealen Fotografiesammlungen.

Kaufe Meisterwerke!

Mit seiner weiteren Sammlungstätigkeit folgte Passavant der Prämisse, die Museumsgründer Johann Friedrich Städel mit seinem Vermächtnis ausgegeben hatte, Schlechteres möge immer Platz für Besseres machen, kurz: kaufe Meisterwerke! „[Der] Plan […] kann einzig im Festhalten des Grundsatzes bestehen, günstige Gelegenheiten abzuwarten und zu benutzen, um aus allen Zeiten und Schulen der Malerei nur ausgezeichnete Werke zu erwerben,“ erklärte Passavant seine Strategie. Zu den ganz ausgezeichneten Werken gehören etwa Jan van Eycks Lucca-Madonna sowie zahlreiche bedeutende Zeichnungen von Raffael, die heute aus dem Städel nicht fortzudenken sind.

Läuft man durch die Säle der Altmeister-Sammlung des Museums, arbeitet man sich durch die Bestände an Grafik und Fotografie, ist der ehemalige Direktor überall, wenn auch nur indirekt, präsent. Mit der Kabinettpräsentation rückt er noch mal selbst in den Mittelpunkt: Passavant, der Mann mit dem doppelten Blick, der Praktiker und Theoretiker. Der Künstler, Kunsthistoriker und Visionär, der gleichzeitig in die Vergangenheit und nach vorne blicken konnte.


Daniel Zamani ist wissenschaftlicher Mitarbeiter in der Abteilung Kunst der Moderne und hat die Präsentation „Vom Künstler zum Kunstgelehrten. Johann David Passavant“ kuratiert.

Sarah Omar arbeitet in der Onlinekommunikation des Städel. Sie empfiehlt jedem, der das Städel aus der Perspektive des 19. Jahrhunderts kennenlernen möchte, die Zeitreise. Das Webspecial inklusive VR-App gibt faszinierende Einblicke in die historischen Hängungen des Museums – und ist aktuell für den Webby-Award nominiert.

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