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Wie aus 1.000 Fragen ein Onlinekurs zu 250 Jahren Kunstgeschichte entsteht

Zwei Monate in der Welt und schon allseits beliebt: der Städel Onlinekurs zur Kunst der Moderne. Dahinter stecken mehr als zwei Jahre Arbeit, Dreharbeiten und zahlreiche Workshops. Ein Rückblick.

Antonia Lagemann — 17. Mai 2016
Während der Dreharbeiten im Städel: mehr als zwei Jahre wurde der Onlinekurs zur Kunst der Moderne entwickelt. Foto: Städel Museum

Während der Dreharbeiten im Städel: mehr als zwei Jahre wurde der Onlinekurs zur Kunst der Moderne entwickelt. Foto: Städel Museum

Mittwoch, 5. März 2015, morgens um 5.30 Uhr am Frankfurter Hauptbahnhof. Mit müden Augen und einem Coffee-to-go-Pappbecher in der Hand steigen meine drei Kollegen und ich in den Zug nach Lüneburg. Dort sind wir am „Centre for Digital Cultures“ der Leuphana Universität Lüneburg mit dem Filmproduzenten Jörg Schulze, dem Regisseur Michael Dörfler und dem Dramaturgen Herbert Schwarze verabredet. Mit dabei sind außerdem Dennis Straub und Sebastian Lübeck von der Agentur für Kranke Medien aus Berlin, die wir hier zum ersten Mal treffen. Hinter uns liegt bereits ein Jahr inhaltlicher Vorarbeit, in dem das Konzept für den Kurs erstellt wurde. Der zu behandelnde Zeitraum von 1750 bis heute steht fest, die einzelnen Themen der Module auch. Kein MOOC (Massive Open Online Course) soll es werden, den man zeitlich befristet in einer Gruppe absolviert, sondern ein Kurs, den jeder, je nach persönlichem Vorwissen, Interessen und Zeit, flexibel durchlaufen kann. „No one is left behind“ lautet die Devise. Anstatt Frontalunterricht mit erhobenem Zeigefinger schweben uns eher interaktive Aufgaben, multimediale Verknüpfungen und selbständiges Lernen vor.

Inhaltliche Vorarbeit: Über ein Jahr wurde zunächst am Konzept des Kurses gefeilt. Foto: Städel Museum

Inhaltliche Vorarbeit: Über ein Jahr wurde zunächst am Konzept des Kurses gefeilt. Foto: Städel Museum

Rauchende Köpfe und glühende Ohren: Der Kurs nimmt erste Formen an

Nach dem ersten Zusammentreffen mit dem gesamten Team geht’s nun an die Feinjustierung. Wie viele Module soll der Kurs haben und aus welchen Bausteinen besteht er? Wozu kann der Zeitstrahl dienen und wie sieht er aus? Und wer begleitet die User durch den Kurs? Wilde Ideen von einem aufwändigen 3D-Zeitstrahl bis hin zu einem Avatar als „Museumsführer“ (die schnell wieder verworfen werden), bunte PowerPoint Präsentationen und Haribo Tüten füllen unsere tagelangen Workshops zum Onlinekurs – die nicht selten in Currywurstbuden und Apfelweinkneipen verlängert werden. Stundenlange Telefonate bringen die Ohren zum Glühen und die Köpfe zum Rauchen, die Flut an Emails steigt langsam, aber sicher an. Im Sommer 2015 ist der erste Meilenstein erreicht: ein detailliertes Konzeptpapier, gespickt mit unzähligen technischen Begriffen, wie Interfaces und Core Application.

Anstatt Frontalunterricht: Interaktive Aufgaben, multimediale Verknüpfungen und selbständiges Lernen stehen im Kurs im Vordergrund. Foto: Städel Museum

Anstatt Frontalunterricht: Interaktive Aufgaben, multimediale Verknüpfungen und selbständiges Lernen stehen im Kurs im Vordergrund. Foto: Städel Museum

Jetzt wird’s ernst

Jetzt, da wir uns auf Anzahl, Struktur und Inhalt der Module geeinigt haben und auch den Zeitstrahl klarer vor Augen sehen, wird es ernst. Aus vagen Ideen für die Aufgaben sind konkrete Vorschläge geworden. Man kann die vielschichtige Komposition eines Bildes rekonstruieren, aber auch Biografien von Künstlern erforschen und sich dabei in den Tiefen des Zeitstrahls verlieren. Ergänzt werden die spielerischen Aufgaben durch 30 kurze thematische Animationsfilme, für die nun die Drehbücher geschrieben werden. Doch damit nicht genug: Mit über 34 Texten kann man dann noch tiefer in die Materie einsteigen. Abgeschlossen wird jedes Modul mit einem Digitorial. Aber wer führt nun durch diesen Dschungel an multimedialen, miteinander verknüpften Inhalten?

Er passt perfekt: Der Schauspieler Sebastian Blomberg konnte als Presenter für den Kurs gewonnen werden. Foto: Städel Museum

Er passt perfekt: Der Schauspieler Sebastian Blomberg konnte als Presenter für den Kurs gewonnen werden. Foto: Städel Museum

Auf der Suche nach einem kompetenten „Museumsführer“

Wir sind uns schnell einig, eine Person muss den User durch den Kurs begleiten. Doch die Latte liegt hoch: Kompetent sollte sie sein, aber auch unterhaltsam. Ein Schauspieler mit Interesse an Kunst, das wäre am besten. Zum Glück müssen wir uns nicht allzu lange die Köpfe zermartern. Dank des persönlichen Einsatzes und der weitverzweigten Kontakte unseres Filmproduzenten können wir Sebastian Blomberg für diese Rolle gewinnen. Der mit dem Adolf-Grimme-Preis ausgezeichnete Schauspieler überzeugt uns nicht nur durch sein schauspielerisches Talent, sondern auch durch seine enge Beziehung zum Städel. In Bad Homburg aufgewachsen, ist ihm das Museum schon seit Kindertagen vertraut.

Regisseur, Produzent, Kameramann, Ton, Licht, Maske, Runner, Fahrer und Filmcatering: knapp 20 Leute beschlagnahmen beim Dreh in Windeseile das Städel. Foto: Städel Museum

Regisseur, Produzent, Kameramann, Ton, Licht, Maske, Runner, Fahrer und Filmcatering: knapp 20 Leute beschlagnahmen beim Dreh in Windeseile das Städel. Foto: Städel Museum

Das Museum im Ausnahmezustand

Ende Oktober 2015 ist es dann soweit. Ein fünftägiger Dreh im Städel Museum steht bevor. Regisseur, Produzent, Kameramann, Ton, Licht, Maske, Runner, Fahrer und Filmcatering – knapp 20 Leute, mitsamt ihrer umfangreichen Ausstattung, beschlagnahmen in Windeseile das Städel. Zwei LKWs mit Equipment werden entladen, der Metzler-Saal kurzerhand in ein Studio mit Green Screen und sämtliche Ausstellungsräume, sogar das Depot, zur Filmkulisse umgewandelt. Restauratoren, Hängeteam, Sicherheitskräfte, Techniker und weitere Mitarbeiter des Städel, nicht zuletzt Direktor Max Hollein, werden in Anspruch genommen. Von früh morgens bis spät abends sind alle bei den Dreharbeiten unermüdlich im Einsatz, um Kunstwerke fachmännisch zu positionieren, die Oberlichter in den Gartenhallen zu verdunkeln oder kurzfristig als Statist auszuhelfen. Hinter den Kulissen geht währenddessen die Arbeit an den Aufgaben, Texten und Digitorials weiter.

Neugierig? Unter http://onlinekurs.staedelmuseum.de/ könnt ihr den Kurs gleich ausprobieren. Foto: Städel Museum

Neugierig? Unter http://onlinekurs.staedelmuseum.de/ könnt ihr den Kurs gleich ausprobieren. Foto: Städel Museum

Endspurt

Die Vorfreude und Spannung steigt: Nun bleiben noch fünf Monate, um den Onlinekurs in eine zusammenhängende Form zu gießen. Alles scheint plötzlich im Zeitraffer abzulaufen. Kurz vor Weihnachten beginnt die Postproduktion der einführenden Filme mit Sebastian Blomberg und die Erstellung der Animationsfilme. Parallel dazu erhalten wir die ersten Designlayouts für den Kurs und schreiben unzählige Texte, von einfachen Anleitungen bis hin zu ausführlichen Bildanalysen. Zeitstrahl, Aufgaben und Digitorials werden zusammengebaut und am Schluss mit den Filmen zu einem großen Ganzen verschraubt. Leicht außer Puste erhalten wir im Februar 2016 dann die erste Testversion des Kurses. Freunde, Kollegen, Eltern, Geschwister und sogar Großeltern erklären sich als Testpersonen bereit. Knapp drei Wochen lang klicken wir uns vom Zeitstrahl zur Aufgabe zum Film und wieder zurück, bis allen ganz schwindlig wird. Und am 16. März 2016 ist es dann endlich soweit. Erschöpft, aber glücklich und erleichtert, entlassen wir den ersten Onlinekurs des Städel Museums in die große weite Welt.


Die Autorin Antonia Lagemann ist in der Abteilung International Relations / Externe Partner des Städel tätig und war als Projektmanagerin an der Umsetzung des Kurses sehr intensiv beteiligt. Als sie im März 2015 in den Zug nach Lüneburg gestiegen ist, ahnte sie noch nicht, was für eine aufregende Zeit sie erwartet. Umso mehr freut sie sich nun über den großen Erfolg des Onlinekurses.

Wenn Ihr nun neugierig auf den Kurs geworden seid, könnt Ihr das kostenlose Angebot gleich hier ausprobieren. 

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