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Der Museumsbesucher als Teil der Geschichte

Elmgreen & Dragsets Skulpturen und Interventionen ziehen sich durch das gesamte Städel Museum und treten in einen Dialog mit der Sammlung. Im Interview sprechen sie und die Kuratorin Svenja Grosser darüber, wie Besucher Teil der Ausstellung werden und neue Verbindungen zwischen Vergangenheit und Gegenwart entstehen.

Elisabeth Pallentin — 20. Mai 2026

Die Ausstellung ist als Intervention innerhalb der über 700 Jahre umfassenden Sammlung des Städel Museums konzipiert. Was können Besucher erleben, wenn sie sich durch das Museum bewegen?

Svenja Grosser: Die Ausstellung versteht sich nicht als klassische Präsentation einzelner Werke, sondern als ein Eingriff in die bestehende Sammlung des Städel Museum. Die Besucher begegnen den Arbeiten von Elmgreen & Dragset deshalb nicht in einem in sich geschlossenen Ausstellungsraum, sondern immer wieder überraschend im gesamten Haus – von den historischen Sammlungen bis hin zum Garten und zur Liebieghaus Skulpturensammlung.

Elmgreen & Dragset, Social Media (Terrier), 2022, © VG Bild-Kunst, Bonn 2026, Ausstellungsansicht „Elmgreen & Dragset. Stillleben mit Gemüse“, Foto: Städel Museum – Norbert Miguletz

Elmgreen & Dragset, The Examiner, 2023, © VG Bild-Kunst, Bonn 2026, Ausstellungsansicht „Elmgreen & Dragset. Stillleben mit Gemüse“, Foto: Städel Museum – Norbert Miguletz

Elmgreen & Dragset, Si par une nuit d’hiver un voyageur, 2017, © VG Bild-Kunst, Bonn 2026, Ausstellungsansicht „Elmgreen & Dragset. Stillleben mit Gemüse“, Foto: Städel Museum – Norbert Miguletz

Dadurch entstehen neue Blickwinkel auf vertraute Werke und Räume. Die Ausstellung lädt dazu ein, Verbindungen zwischen Vergangenheit und Gegenwart zu entdecken und darüber nachzudenken, wie Kunst Bedeutung erzeugt. Gleichzeitig werden die Besucher selbst Teil dieser Inszenierung und erleben das Museum auf eine ungewohnte, oft auch humorvolle Weise.

In euren Arbeiten lenkt ihr die Aufmerksamkeit auf alltägliche Momente, die leicht übersehen werden, und bezieht das Publikum aktiv in narrative Prozesse ein. Welche Rolle spielt das Geschichtenerzählen in eurer künstlerischen Arbeit?

Elmgreen & Dragset: Unser Umgang mit Narrativen in Ausstellungen besteht eher darin, Räume zu schaffen, in denen das Publikum eingeladen ist, eigene Geschichten zu entwickeln. Man könnte sagen: Wir entwerfen zunächst das Filmset – und die Besucher sind anschließend dazu eingeladen, das Drehbuch in ihren Köpfen selbst zu schreiben. Die Objekte, die wir in den Installationen platzieren, funktionieren dabei wie Hinweise auf Figuren und mögliche Handlungsstränge. So erzählen wir gewissermaßen „Beinahe-Geschichten“, indem wir Situationen und Atmosphären schaffen, die offen für unterschiedliche Interpretationen bleiben.
 

Elmgreen & Dragset, The Cloud, 2026, © VG Bild-Kunst, Bonn 2026, Ausstellungsansicht „Elmgreen & Dragset. Stillleben mit Gemüse“, Foto: Städel Museum – Norbert Miguletz

Ausstellungsansicht „Elmgreen & Dragset. Stillleben mit Gemüse“, Foto: Städel Museum – Norbert Miguletz

Elmgreen & Dragset, Garden of Eden, 2022, © VG Bild-Kunst, Bonn 2026, Ausstellungsansicht „Elmgreen & Dragset. Stillleben mit Gemüse“, Foto: Städel Museum – Norbert Miguletz

Im Zentrum eurer Ausstellung stehen die Installationen „The Cloud“ und „Garden of Eden“. Wie hängen diese Arbeiten thematisch zusammen?

Elmgreen & Dragset: Wenn man in „Garden of Eden“, das eine große Bürolandschaft zeigt, fleißig am Schreibtisch arbeitet, kann man sich vielleicht ein Abendessen im „The Cloud“ leisten – einem gehobenen Restaurant, das sich direkt über dem Büro befindet. Allerdings ist die Bürolandschaft mit ihren zahlreichen Kabinenarbeitsplätzen inzwischen verlassen, und auch das Restaurant ist leer – bis auf eine einsame Figur, die offenbar über FaceTime auf ihrem Handy telefoniert.

Inwiefern lässt sich die Ausstellung auch als Kommentar sowohl zu Verhaltensmustern im Museum als auch zu musealen Präsentationspraktiken verstehen?

Svenja Grosser: Die Ausstellung setzt sich auf subtile Weise mit den Ritualen auseinander, die unseren Museumsbesuch häufig prägen, etwa dem stillen Betrachten vor einem Gemälde oder der Erwartung, wie Kunst „richtig“ präsentiert und wahrgenommen werden sollte. Durch die bewusste Verschiebung oder Zuspitzung dieser vertrauten Verhaltensmuster entstehen Momente der Irritation, aber auch des Humors, die den Blick auf das Museum selbst lenken.

Elmgreen & Dragset, The Drawing, Fig. 2, 2023, © VG Bild-Kunst, Bonn 2026, Ausstellungsansicht „Elmgreen & Dragset. Stillleben mit Gemüse“, Foto: Städel Museum – Norbert Miguletz

Elmgreen & Dragset, The Visitor, 2025, © VG Bild-Kunst, Bonn 2026, Ausstellungsansicht „Elmgreen & Dragset. Stillleben mit Gemüse“, Foto: Städel Museum – Norbert Miguletz

Elmgreen & Dragset, The Artist, 2026, © VG Bild-Kunst, Bonn 2026, Ausstellungsansicht „Elmgreen & Dragset. Stillleben mit Gemüse“, Foto: Städel Museum – Norbert Miguletz

Elmgreen & Dragset: So begegnet man etwa der weiß lackierten figurativen Bronzeskulptur „The Visitor“, die in nachdenklicher Haltung vor einem Stillleben steht, oder der realistischen Silikonfigur eines kleinen Jungen, der versucht, das berühmte Goethe-Porträt zu zeichnen. Gelegentlich sitzt zudem eine Live-Performerin vor Louis Eysens kleinem Gemälde einer Muschel und hält einen Monolog über ihre persönliche Beziehung zu diesem Werk. Oben am Treppenaufgang befindet sich eine weitere Bronzeskulptur: ein Mann, der seine Kamera auf das großformatige Chagall-Gemälde richtet.

Svenja Grosser: Gleichzeitig hinterfragt die Ausstellung klassische Formen der musealen Präsentation. Die Arbeiten werden nicht losgelöst von der restlichen Sammlung gezeigt und fügen sich auch nicht nahtlos in die bestehenden Räume ein. Stattdessen greifen sie gezielt in die Sammlung und ihre Ordnung ein. Dadurch wird deutlich, dass Museen keine neutralen Orte sind, sondern Bedeutungen aktiv erzeugen, etwa durch Hängungen, Architektur, Blickachsen und kuratorische Erzählungen. Die Ausstellung lädt das Publikum dazu ein, diese Mechanismen bewusster wahrzunehmen und die eigene Rolle innerhalb des Museums neu zu reflektieren.

Elmgreen & Dragset, Foto: Städel Museum – Norbert Miguletz

Svenja Grosser, Foto: Städel Museum – Felix Schmitt

Elmgreen & Dragset: Die Ausstellung breitet sich wie ein freundlicher Virus durch verschiedene Bereiche des Museums aus – durch klassische Ausstellungsräume ebenso wie durch Zwischenzonen, die normalerweise nicht für die Präsentation von Kunst genutzt werden. Die Skulpturen stehen dabei oft in bewusstem Kontrast zu den Werken, mit denen sie gemeinsam gezeigt werden; sie stammen sichtbar aus einer anderen Zeit. Doch gerade diesen Dialog zwischen Vergangenheit und Gegenwart empfinden wir als besonders spannend. Er eröffnet neue Möglichkeiten, sowohl die Geschichte als auch unsere eigene Gegenwart anders zu betrachten.

Wie seid ihr an diesen Dialog herangegangen? Gab es dabei besonders spannende oder überraschende Momente?

Elmgreen & Dragset: Im Vorfeld der Ausstellung haben wir das Städel viele Male besucht – und bei jedem Besuch neue Entdeckungen gemacht. Besonders freuen wir uns natürlich immer, Werke von Wilhelm Hammershøi in Museen außerhalb Dänemarks zu finden. Seine beinahe farblosen Interieurs, meist Darstellungen seines eigenen Zuhauses, begleiten und inspirieren uns seit Beginn unserer künstlerischen Arbeit. Die Räume, die er zeigt, wirken fast leer; manchmal ist eine einzelne Person zu sehen, oft seine Frau, dem Betrachtenden den Rücken zugewandt. Zugleich sind diese Bilder psychologisch stark aufgeladen. Eine ähnliche Atmosphäre findet sich auch in mehreren unserer eigenen Arbeiten innerhalb der Ausstellung wieder. Darüber hinaus inspirierte uns Hammershøis Werk zu einem Selbstporträt, das lediglich aus zwei verblassten rechteckigen Spuren an der Wand besteht – als wären die Gemälde selbst verschwunden.

Elmgreen & Dragset, The Cloud, 2026, © VG Bild-Kunst, Bonn 2026, Ausstellungsansicht „Elmgreen & Dragset. Stillleben mit Gemüse“, Foto: Städel Museum – Norbert Miguletz

Elmgreen & Dragset, Portrait of the Artists, 1999/2026, © VG Bild-Kunst, Bonn 2026, Ausstellungsansicht „Elmgreen & Dragset. Stillleben mit Gemüse“, Foto: Städel Museum – Norbert Miguletz

Elmgreen & Dragset, Forgotten Baby 2006, © VG Bild-Kunst, Bonn 2026, Ausstellungsansicht „Elmgreen & Dragset. Stillleben mit Gemüse“, Foto: Städel Museum – Norbert Miguletz

Elmgreen & Dragset, The Visitor, 2025, © VG Bild-Kunst, Bonn 2026, Ausstellungsansicht „Elmgreen & Dragset. Stillleben mit Gemüse“, Foto: Städel Museum – Norbert Miguletz

Eine weitere Szene, die uns in Erinnerung geblieben ist, war die Begegnung mit einem jungen Paar und ihrem kleinen Baby vor dem Gemälde von Franz von Stuck, das Maria zeigt, wie sie um den toten Christus trauert. Diese alltägliche, reale Situation brachte uns auf die Idee zu „Forgotten Baby“: einer Babyschale mit einer täuschend echten Babyfigur, die vor dem Gemälde zurückgelassen wurde.

Auch die Sammlung selbst lieferte schließlich die Inspiration für den Ausstellungstitel. Im Museum sind zahlreiche Stillleben zu sehen, und mit zwei davon treten wir direkt in Dialog, darunter Cornelis de Heems „Stillleben mit Gemüse und Früchten vor einer Gartenbalustrade“. Der Gedanke daran, wie selbstverständlich wir heute Bilder von Essen in sozialen Medien konsumieren und inszenieren – gewissermaßen zeitgenössische Formen des Stilllebens –, ließ uns dieses Gemälde mit neuem Blick betrachten. Daraus entstand der Titel „Stillleben mit Gemüse“ – ein womöglich bewusst wenig glamouröser Titel für eine Ausstellung zeitgenössischer Kunst, der hoffentlich gerade dadurch Neugier weckt.


Die Ausstellung „Elmgreen & Dragset. Stillleben mit Gemüse“ ist bis zum 17. Januar 2027 im Städel Museum zu sehen.

Vielen Dank an Elmgreen & Dragset und Svenja Grosser (Leiterin Sammlung Gegenwartskunst, Städel Museum).

Die Fragen stellte Elisabeth Pallentin, Stellvertretende Leitung Public Relations & Onlinekommunikation im Städel Museum.

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