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Rückkehr zweier Meisterwerke ins Licht

Einst Herzstück eines monumentalen Altars, zählen die Flémaller Tafeln heute zu den Hauptwerken der frühen niederländischen Malerei. Ein aufwendiges Restaurierungsprojekt des Städel Museums ließ zwei der nahezu lebensgroßen Tafeln neu aufleuchten und macht ihre Entstehung auf eindrucksvolle Weise erfahrbar.

Was heute im Städel Museum wieder in seiner ganzen Ausdruckskraft zu sehen ist, war lange Zeit durch stark vergilbte Überzüge und spätere Übermalungen verborgen. Entstanden in der ersten Hälfte des 15. Jahrhunderts in der Werkstatt des sogenannten Meisters von Flémalle, zeigen die Tafeln die stillende Madonna mit ihrem Kind sowie die Heilige Veronika mit dem zarten Schleier, der das Antlitz Christi trägt. Zwischen 2019 und 2025 wurden die Werke im Städel Museum intensiv kunsttechnologisch untersucht, konserviert und restauriert. Mit ruhiger Hand, wissenschaftlicher Neugier und großem Respekt vor dem Original wurde die ursprüngliche Farbigkeit und eindrucksvolle Klarheit Schicht für Schicht freigelegt. 

Werkstattansicht, Restaurierung Flémaller Tafeln, Foto: Städel Museum

Retusche, Foto: Städel Museum

Vorzustand: Robert Campin und Werkstatt, Heilige Veronika (ca. 1428–1430) Städel Museum, Frankfurt am Main

Blick unter die Oberfläche 
Vor Beginn der Restaurierung untersuchte das Team der Gemälderestaurierung die den Aufbau der Tafeln: vom sichtbaren Firnis über die Malschicht und Grundierung bis hin zum Bildträger aus Eichenholz. Mithilfe der Infrarotreflektografie wurden verborgene Unterzeichnungen sichtbar, unter anderem feine Linien für Gesichter und Gewandfalten, Korrekturen an Körperhaltungen und sogar Hinweise auf die Verwendung einer sogenannten Lochpause zur Übertragung des Brokatmusters im Hintergrund.

Die Mikro-Röntgenfluoreszenzanalyse offenbarte die Palette der Maler, zu der unter anderem Bleiweiß, Beinschwarz, Bleizinngelb, rote, gelbe und braune Erdpigmente, Zinnoberrot, rote Farblacke, Kupfergrün, Azurit sowie Ultramarin und Blattgold zählen. Der mehrschichtige Farbaufbau zeigte sich unter dem Mikroskop: deckende Grundtöne, darauf Zwischenschichten und abschließende, halbtransparente Lasuren. Dieser komplexe Aufbau lässt das Licht durch die Farbschichten dringen und verleiht den Gemälden das charakteristische Leuchten der frühen niederländischen Malerei. Röntgenaufnahmen ergänzten die Untersuchungen und identifizierten alte Schäden und historische Überarbeitungen.
 

Mikro-Röntgenfluoreszenzanalyse, Foto: Städel Museum

Mikro-Röntgenfluoreszenzanalyse der im Gesicht der Heiligen Veronika verwendeten Pigmente, Foto: Städel Museum

Detail: Lochpause Brokathintergrund, Foto: Städel Museum

Konservierung und Restaurierung
Die Spuren der Zeit waren deutlich: Stellenweise löste sich die Malschicht vom Bildträger, vergilbter Firnis trübte die Farben, alte Retuschen hatten sich verfärbt, frühere Übermalungen verfremdeten ganze Bildpartien. Die gefährdeten Bereiche wurden zunächst mit einem Klebemittel stabilisiert, anschließend unter dem Mikroskop behutsam die Firnisschichten, Retuschen und Übermalungen entfernt. Fehlstellen wurden mit Kreidegrund ausgeglichen und mit reversibler Retusche so ergänzt, dass sie sich harmonisch ins Gesamtbild einfügen.
Besonders eindrucksvoll zeigte sich die Restaurierung am tiefblauen Mantel der Madonna. Frühere Eingriffe hatten die empfindlichen Lasuren stark geschädigt und großflächige Übermalungen den Verlust zwar kaschiert, den ursprünglichen Eindruck jedoch verfälscht. Erst deren Abnahme brachte das intensive Ultramarin wieder zum Vorschein – das wohl kostbarste Blau seiner Zeit – und machte den Faltenwurf wieder lesbar. 
 

UV-Aufnahme während der Firnisabnahme, links freigelegt, rechts die fluoreszierende historische Firnisschicht, Foto: Städel Museum

Detail Zustand während der Restaurierung, beschädigte Lasuren im Madonnenmantel, Foto: Städel Museum

Detail während Firnisabnahme, Foto: Städel Museum

Auch das Gemälde der Heiligen Veronika stellte das Restaurierungsteam vor Herausforderungen, besonders der Brokathintergrund. Hier waren rund 70 Prozent der originalen Malschicht verloren und bereits im 19. Jahrhundert ergänzt worden, jedoch ohne die Plastizität des Originals zu berücksichtigen. Da das komplette Muster des Hintergrunds noch erhalten war, konnte es rekonstruiert werden. Mit reversiblen Materialien und großem Fingerspitzengefühl entstanden Ergänzungen, die die ursprüngliche Präzision wieder erfahrbar machen und zugleich die Authentizität des Werks wahren.

Abnahme von Übermalungen mit Mikroskalpellen, Foto: Städel Museum

Rekonstruktion des Brokat, Foto: Städel Museum

Robert Campin und Werkstatt, Heilige Veronika (ca. 1428–1430) (Detail), Zustand nach Abschluss der konservatorischen und restauratorischen Behandlung, Städel Museum, Frankfurt am Main

Ein neues Erlebnis alter Meister

Heute hängen die beiden Tafeln wieder in der Dauerausstellung Alte Meister im Städel Museum, gemeinsam mit dem sogenannten Gnadenstuhl, der dritten erhaltenen Tafel des Altars. Die Farben wirken klarer, Details sind wieder sichtbar, die Materialität der gemalten Stoffe ist neu erlebbar. Das Restaurierungsprojekt zeigt eindrucksvoll, wie Kunst nicht nur bewahrt, sondern durch Forschung und behutsame Eingriffe auch neu verstanden werden kann und wie lebendig Meisterwerke aus längst vergangenen Zeiten auch heute noch sind. 

Robert Campin und Werkstatt, Heilige Veronika (ca. 1428–1430), Zustand vor und nach Abschluss der konservatorischen und restauratorischen Behandlung, Städel Museum, Frankfurt am Main

Robert Campin und Werkstatt, Stillende Muttergottes (ca. 1428–1430), Zustand vor und nach Abschluss der konservatorischen und restauratorischen Behandlung, Städel Museum, Frankfurt am Main


Die Arbeiten an der Heiligen Veronika wurden von Linda Schmidt, die an der Stillenden Gottesmutter von Stephan Knobloch durchgeführt. 

Stephan Knobloch ist Leiter der Kunsttechnologie und Restaurierung - Gemälde und moderne Skulpturen am Städel Museum. Linda Schmidt arbeitet als Diplom-Restauratorin am Städel Museum. 

Das Projekt wurde gefördert durch die Enthusiasten im Städelschen Museums-Verein e.V.

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