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Miron Schmückle

Seine surrealen Mischwesen aus Pflanzen- und Tierwelt entspringen einer intensiven Naturbeobachtung und Fantasie. Im Interview spricht der Künstler Miron Schmückle über seine Liebe zu Pflanzen und warum der Mensch nicht das Maß aller Dinge sein muss.

Romy Kahler — 29. November 2023

Wann und womit begann deine Faszination für Pflanzen?

Seit ich denken kann, bin ich von Pflanzen fasziniert, ganz gleich wo ich sie wahrnehme: im Garten, in natürlichen Biotopen oder in der Kunst. Aber das betrifft nicht nur Pflanzen, sondern die Natur im weitesten Sinne des Begriffs. Ich würde es als eine angeborene Leidenschaft bezeichnen.

Foto: Miron Schmückle

Blumen und Pflanzen werden in der Kunst oft als Dekoration oder als codierte Botschaft wahrgenommen und eingesetzt. Warum machst du sie zu Protagonisten?

Vermutlich sind Pflanzen als Dekoration so selbstverständlich, weil wir eine ganz tief verwurzelte Sehnsucht haben, in einer schönen und vor allem ungestörten Welt zu leben. Das ist nichts Oberflächliches. Wenn eine Pflanze gedeiht und blüht, stimmen meistens die äußeren Bedingungen. Das ist auch auf unsere Existenz übertragbar. Wir sprechen nicht ohne Grund von Blütezeiten in der Geschichte, vom blühenden Leben. Mit Blumen assoziieren wir die Jugend und die Dinge der Liebe. Wir gehen in Gärten und Parks spazieren, kaufen und verschenken Blumen und legen sie auf Gräber. Deshalb will ich den dekorativen Aspekt in der Darstellung von Pflanzen gar nicht minder bewerten. In der bildenden Kunst sind Pflanzen allerdings oft einem Hauptthema oder einem Hauptmotiv untergeordnet – vielleicht mit Ausnahme der Blumenstillleben oder der fernöstlichen Kunst. Sie werden häufig als Symbole oder als Träger einer Botschaft eingesetzt. Ich versuche, dieses Ordnungsverhältnis etwas in Frage zu stellen, indem ich Pflanzen in meinen Bildern die Hauptrolle zuschreibe. Da es erdachte Pflanzen sind, haftet ihnen keine allgemein gültige Symbolik an. Sie sind davon befreit. Und, mir gefällt die Idee, dass nicht immer der Mensch das Maß aller Dinge sein muss.

Werkdetails
Foto: Miron Schmückle

Deine Kunst wird als ein Zusammenspiel von Hyperrealismus und Eskapismus beschrieben. Welchen Quellen entspringen deine botanischen Visionen? Und wie findest du die Balance zwischen Realismus und Fantasie in deiner Arbeit?

Die Hauptquelle für meine botanischen Motive ist die Natur selbst, auch wenn ich nie vor einem Naturobjekt sitze, um es abzuzeichnen. Schon als Kind habe ich mehr über Bilder als über Texte gelernt. Daher hat sich auch das Beobachten der Natur im Laufe der Jahre etwas verfeinert. Was ich in der Natur wahrnehme, bleibt in meinem Gedächtnis gespeichert. Das betrifft nicht nur reine Formen, sondern auch Zustände, Naturphänomene, ganze Systeme. Ich nenne das Sequenzen – und diese bilden das eigentliche Rohmaterial meiner Bilder. Die Balance zwischen Realität und Fantasie erklärt sich primär in der Tatsache, dass meine Formen und Kompositionen als Konstrukt einer gewissen Logik folgen und dass die dargestellten „Pflanzen“ zwar so nicht existieren aber (beinahe) möglich wären.

Naturobjekte im Alltag des Künstlers
Fotos: Miron Schmückle

Deine Aquarelle erreichen eine beeindruckende Tiefe. Wie setzt du malerische Technik und Mittel in deinen Arbeiten ein?

Ich musste mich im Laufe der Zeit Stück für Stück hineinarbeiten. Was ich von Anfang an technisch beabsichtigte, hat auch mit der Plausibilität meiner Motive zu tun. Ich will, dass diese gemalten Pflanzen so reell aussehen wie nur möglich. Um das zu erreichen, muss erst die Form sitzen. Das bedeutet, dass allen Bildern sehr detaillierte Zeichnungen und Kompositionsentwürfe vorausgehen. Erst wenn die gesamte Figur als dreidimensionales Gebilde funktioniert, kommen Farben ins Spiel. Und dafür habe ich eine Maltechnik entwickelt, die ich den Prinzipien der Ölmalerei in Schichten entlehnt und auf das Malen mit Wasserfarben auf Malkarton übertragen habe. Dadurch entsteht eine entsprechende Dichte und Tiefe in den Farbtönen, die wiederum das Körperhafte der dargestellten Motive unterstützt und steigert.

Im Studio des Künstlers
Foto: Miron Schmückle

Hast du eine Lieblingspflanze?

Jeden Tag eine Andere. Gestern waren es zweifarbige Chrysanthemen, heute sind es die vom ersten Schnee bedeckten Reste der letzten Rosenblüte.


Miron Schmückle (*1966, Sibiu/Hermannstadt) lebt und arbeitet in Berlin. Mit der eigens für die Ausstellung „Flesh for Fantasy“ (1.12.2023 – 14.4.2024) angefertigten Serie „Cosmic Attractors“ (2023) lässt euch der Künstler an der räumlichen und zeitlichen Komplexität seiner floralen Fantasiegebilde teilhaben.

Die Fragen stellte Romy Kahler, Mitarbeiterin der Onlinekommunikation.

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