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Bruegels Druckgrafiken: witzig, überraschend, klug.

Pieter Bruegel zählt zu den berühmtesten Künstlern der Renaissance. Die neue Ausstellung im Städel widmet sich seinen Druckgrafiken, mit denen er zu Lebzeiten bekannt wurde. Im Interview erläutert Kuratorin Astrid Reuter, welche Bedeutung diese Werke für Bruegels Erfolg hatten und weshalb sie bis heute mit ihrer Fantasie, ihrem Witz und ihrer erzählerischen Kraft begeistern.

Elisabeth Pallentin — 16. Juni 2026

Pieter Bruegel ist heute vor allem als Maler bekannt. Was macht seine Druckgrafiken so besonders, und warum lohnt es sich, diesen Teil seines Werks genauer zu betrachten?

Zu Lebzeiten Bruegels waren die heute berühmten Gemälde wie „Der Blindensturz“, „Der Turmbau zu Babel“ oder „Die Niederländischen Sprichwörter“ nur wenigen Sammlern bekannt. Seine Kunst verbreitete sich vielmehr durch Druckgrafiken, die in hohen Auflagen vertrieben wurden und entscheidend zur Popularität des Künstlers beitrugen. Viele Motive, die Bruegel später in seinen Gemälden aufgriff und weiterentwickelte, sind in den Grafiken bereits angelegt. Sie schärfen und vertiefen unsere Vorstellung von der Breite und Vielgestaltigkeit seiner Bildwelt.

Pieter Brueghel d. J., nach Pieter Bruegel d. Ä., Tanz auf der Bauernhochzeit, ca. 1625, Städel Museum, Frankfurt am Main

Pieter Bruegel d. Ä., Gestochen von Pieter van der Heyden, Geduld (Patientia), 1557, Städel Museum, Frankfurt am Main

Ausstellungsansicht „Bruegel. Printed“, Foto: Städel Museum – Norbert Miguletz

Die Ausstellung zeigt, wie wichtig die Zusammenarbeit zwischen Bruegel und dem Verleger Hieronymus Cock war. Welche Rolle spielte diese Partnerschaft für den Erfolg und die Verbreitung seiner Bildwelten?

Antwerpen war im 16. Jahrhundert eine florierende Wirtschafts- und Handelsstadt und ein Zentrum für Grafik und Buchwesen. Der Verlag, den Hieronymus Cock gemeinsam mit seiner Frau Volcxken Dierix führte, gehörte zu den erfolgreichsten und modernsten Grafikunternehmen der damaligen Zeit. Dort wurde nach italienischem Vorbild ein neues Geschäftsmodell etabliert: Der Verlag vermittelte zwischen Entwerfern und Stechern, finanzierte Druckplatten und organisierte den europaweiten Vertrieb. Durch seine Arbeit für Cocks Verlag war Bruegel in ein breites Netzwerk von Künstlern und Gelehrten eingebunden. Die in hohen Auflagen gedruckten Grafiken wurden – wie im Verlagsnamen „Aux Quatre Vents“ (Zu den vier Winden) angelegt – in alle Himmelsrichtungen verbreitet und erreichten ein internationales Publikum.
 

Bruegel gilt als einer der Wegbereiter der eigenständigen Landschaftsdarstellung. Was unterscheidet seine Landschaften von früheren Darstellungen der Natur?

Bruegels von einem erhöhten Standpunkt aus wiedergegebenen Ansichten machen die Größe und Vielfalt der Natur auch im kleinen Format erfahrbar. Sie laden den Betrachter ein, die Landschaften entlang der Wege und Flüsse mit dem Auge zu erkunden, sie visuell zu durchwandern. Bruegel individualisiert die Schilderung der Natur. Er zeigt konkrete Regionen und jahreszeitliche Veränderungen, ohne den Anspruch zu erheben, die Landschaft im eigentlichen Sinne „zu porträtieren“.  Viele seiner Darstellungen sind inspiriert von den Eindrücken, die der Künstler während seiner Alpenüberquerung sammelte. Begleitet wurde er dabei von seinem Freund, dem bedeutenden Kartografen Abraham Ortelius.
 

Pieter Bruegel d. Ä., Radiert und gestochen von Jan und Lucas van Doetecum, Der heilige Hieronymus in der Wildnis, ca. 1555, Städel Museum, Frankfurt am Main

Ausstellungsansicht „Bruegel. Printed“, Foto: Städel Museum – Norbert Miguletz

Ausstellungsansicht „Bruegel. Printed“, Foto: Städel Museum – Norbert Miguletz

Bruegels Druckgrafiken entstanden vor rund 500 Jahren und wirken dennoch erstaunlich aktuell. Welche Themen oder Fragen sprechen auch ein heutiges Publikum unmittelbar an?

Pieter Bruegels Werke sind voller fantasievoller Erfindungen und erzählerischer Details, sie sind humorvoll, klug und auch rätselhaft. Es ist diese Mischung, die auch heutige Betrachter fasziniert und herausfordert. Seine Werke ermuntern zum Stauen über die Größe, Schönheit und Vielgestaltigkeit der Welt, sie erzählen von innerer Einkehr und Großzügigkeit, geißeln aber auch Selbstüberschätzung und Egoismus. Er behandelt übergreifende Themen, auch wenn sich die Umstände seit der Mitte des 16. Jahrhundert in vielerlei Hinsicht geändert haben. Darüber hinaus ist es Bruegels Art zu erzählen, die uns noch heute anspricht: witzig und überraschend, ohne erhobenen Zeigefinger zum Nachdenken anregend. 

Ausstellungsansicht „Bruegel. Printed“, Foto: Städel Museum – Norbert Miguletz

Pieter Bruegel d. Ä., Gestochen von Philipp Galle, Mäßigkeit (Temperantia), ca. 1560, Städel Museum, Frankfurt am Main

Welche Werke in der Ausstellung haben Sie persönlich besonders überrascht oder zum Nachdenken gebracht?

Mich begeistert die Vielfalt der Bildmotive, die treffende Charakterisierung der Figuren, aber auch die Ambivalenz vieler Blätter, die einen geradezu zwingen, immer wieder hinzuschauen. In Bruegels Darstellung des „Sommers“ beispielsweise hat ein Bauer seinen Krug gierig an den Mund gesetzt und dabei in einer impulsiven Bewegung ein Bein bis über den Bildrand hinweg ausgestreckt – ein unglaublich anschauliches und kühnes Bild für die unerträgliche Hitze.

Pieter van der Heyden nach Pieter Bruegel d.Ä., Der Sommer, 1570, Staatliche Graphische Sammlung München

Pieter Bruegel d. Ä., Gestochen von Pieter van der Heyden, Die großen Fische fressen die kleinen, 1570, Staatliche Graphische Sammlung München, Ausstellungsansicht „Bruegel. Printed“, Foto: Städel Museum – Norbert Miguletz

Ausstellungsansicht „Bruegel. Printed“, Foto: Städel Museum – Norbert Miguletz

Ganz anders erzählt Bruegel in seinem Blatt „Die großen Fische fressen die kleinen“, das eine seinerzeit bekannte Redewendung verbildlicht. Aus dem Körper eines großen gestrandeten Fisches quellen lauter kleinere Fische hervor, die wiederum kleinere Fische in ihren Mäulern halten. Man fragt sich unweigerlich, ob die Wahl des großen Fisches nur der Lage am Meer und der Bedeutung des Fischfangs für Flandern geschuldet ist oder ob er für Bruegel eine symbolische Bedeutung hat. Wir wissen, dass Bruegels Grafiken zu seinen Lebzeiten gerne diskutiert wurden. Das sind sie bis heute. Einladungen zum Nachdenken und zum Gespräch.


Die Ausstellung „Bruegel. Printed“ ist noch bis zum 20. September 2026 im Städel Museum zu sehen.

Vielen Dank an Dr. Astrid Reuter (Leiterin Graphische Sammlung bis 1800, Städel Museum)

Die Fragen stellte Elisabeth Pallentin, Stellvertretende Leitung Presse und Onlinekommunikation im Städel Museum. 

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