Monet war zwischen 1864 und 1886 sechs Mal in Étretat. Mit rund 80 Gemälden setzte er dem Ort und seiner faszinierenden Natur ein Denkmal. Was war seine Motivation?
Claude Monet war ein Kind der Normandie. Er wurde 1840 in Paris geboren, verbrachte aber den Großteil seiner Kindheit und Jugend in Le Havre. Die Küstenorte der Normandie waren ihm daher früh vertraut und es verwundert nicht, dass er Étretat 1864 für sich und seine Malerei entdeckte. Monet war damals ein aufstrebender Künstler, der an der normannischen Küste zu einer realistischeren Form der Landschaftsmalerei finden wollte.
Ticking all the Boxes
Monets früheste Darstellung von Étretat zeigt den Blick vom Strand auf die charakteristische Silhouette der Porte d’Aval. Im Vordergrund ragen die für Étretat typischen Windengestelle (sog. Cabestans) auf, mit denen die Boote an Land gezogen wurden. Weniger gut erkennbar sind die am Strand kauernden Wäscherinnen, die an einem Bachlauf zum Meer ihrer Tätigkeit nachgingen. Sie werden in zeitgenössischen Berichten als besondere Attraktionen des Ortes beschrieben und wurden sogar auf Postkarten verewigt. Monet erfüllte mit diesem Gemälde also die Erwartungen, die bereits seit den 1830er-Jahren an Darstellungen aus Étretat gestellt wurden: Felsentore, Cabestans, Wäscherinnen – Tick the Box. Das relativ konventionelle Gemälde lässt kaum erahnen, welch aufregenden Weg der Künstler in den folgenden Jahrzehnten einschlagen sollte.
Knapp zwanzig Jahre später, am 31. Januar 1883, bezog Monet ein Zimmer im damals berühmten Hôtel Blanquet, das sich direkt am Stand von Étretat befand und mit dem vielversprechenden Slogan „Au rendez-vous des artistes“ warb. Eine Künstlerherberge also, die neben guter Verpflegung und anregender Gesellschaft einen exklusiven Blick auf die Porte d’Aval bot. Monet kam mit einer Mission nach Étretat:
Ich habe fest vor, ein großes Bild mit den Étretrat-Felsen zu malen, auch wenn es eine kühne Idee ist, dies nach Courbet zu probieren, der das schon so wunderbar gemacht hat, aber ich werde versuchen, es anders zu machen […].
Monet und Courbet
Monet wollte sich also mit seinem 1877 verstorbenen, engen Freund Gustave Courbet messen, der mit Darstellungen der Felsen und des Meers in Étretat auf dem Pariser Salon des Jahres 1870 Furore gemacht hatte. Monet war sich bewusst, dass seine Malerei mit derjenigen Courbets verglichen werden würde. Zugleich reifte in ihm der Gedanke, die Konkurrenzsituation produktiv zu nutzen. Dass sein Gemälde stilistisch anders werden würde, war keine Überraschung. Monet hatte zwanzig Jahre lang viel in der Normandie gemalt. Das ständig wechselnde Wetter hatte seine Aufmerksamkeit auf die Darstellung flüchtiger Seheindrücke gelenkt, die er in einer offenen und lockeren Pinselführung auf die Leinwand brachte.
Dementsprechend erneuerte der Impressionist Monet 1883 seinen Blick auf die Porte d’Aval. Aus dem flächenhaft beruhigten Frühwerk ist nun ein aufregendes Seestück geworden, das die vom rauen Meer umtoste Klippe veranschaulicht. Im Vordergrund sind neben zwei Booten und Fischern auch ausrangierte und mit Reet gedeckte Fischerboote (sog. Caloges) zu sehen, die als Lagerräume dienten und ebenfalls zu den Wahrzeichen Étretats gehörten. Der leicht erhöhte Blickwinkel deutet darauf hin, dass Monet am Fenster seines Hotelzimmers gearbeitet hat – eine Praxis, die für die Impressionisten nicht unüblich war und dem schlechten Wetter geschuldet gewesen sein mag, das im Januar in Étretat herrschte. Malerisch zeigt das Gemälde Monets eine meisterhafte und variantenreiche Pinselführung. Die gesamte Darstellung ist in Bewegung geraten und wird durchzogen von rhythmischen Strichbündeln frei und pastos aufgetragener Farbe. Die von der Kunstakademie geforderte glatte Maloberfläche, auf der kein Pinselstrich erkennbar sein sollte, verkehrt Monet ins genaue Gegenteil.
Monet konnte sich in den folgenden drei Jahren kaum an den Klippen des Ortes sattsehen. Er durchwanderte die Landschaft in Begleitung einiger Kinder, die etliche Leinwände trugen. Veränderten sich Wetter oder Lichtstimmung, so griff er nach einer anderen Leinwand.
Monet und der Kunstmarkt
Monet malte seine Étretat-Landschaften jedoch nicht nur zu seinem eigenen Vergnügen. Als Künstler, der kein großes Vermögen geerbt hatte, war er darauf angewiesen, seinem Kunsthändler Paul Durand-Ruel gut verkäufliche Ware zu liefern. Da Étretat in den 1880er Jahren ein mondäner Badeort geworden war und zahlreiche Pariser dort Villen und Landsitze gebaut hatten, war der Bedarf nach Motiven des Ortes hoch. Die rund 80 Gemälde, die Monet Étretat widmete, entstanden zweifellos auch aus marktstrategischen Überlegungen und zielten auf jene solvente Käuferschicht, die sich für den Ort und seine landschaftlichen Besonderheiten begeisterte.
Étretat zu malen, war für Monet künstlerisch und finanziell eine Win-win-Situation. Er konnte seine Malerei an einem Ort weiterentwickeln, der ihn vor künstlerische Herausforderungen stellte, und zugleich die Nachfrage nach verkäuflichen Werken bedienen.
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