Navigation menu

Immer wieder Ich

Rätselhaft, fantastisch, verstörend: Die Gemälde und Zeichnungen von Maximilian Klewer passen in keine Schublade. Nun hat das Städel neun Werke des Künstlers erworben – der sich selbst immer wieder zum Thema machte.

Regina Freyberger — 13. Dezember 2018
  1. Die Bremer Kunsthalle kauft ein Gemälde von Vincent van Gogh und entzweit damit die deutsche Künstlerschaft und ihr Publikum; Franz Marc und Wassily Kandinsky gründen den „Blauen Reiter“, und Asta Nielsen erobert das internationale Kino. In diesem Jahr kommt auch Maximilian Klewer (1891-1963) nach Berlin. Hier entstehen zwischen beiden Weltkriegen seine stärksten Arbeiten. Einer Stilrichtung lassen sich diese Gemälde und Zeichnungen nicht zuordnen. Sie spielen mit der Tradition, sind eigenwillig und mehrdeutig. So auch die rätselhafte Südsee, ein Werk aus der Städel Sammlung. Seit Neuestem gehören ein weiteres Gemälde und acht Zeichnungen Klewers zu unserem Bestand – darunter allein sieben Selbstbildnisse. Doch über den Maler, der sich uns immer wieder zeigt, wissen wir nur wenig.
Maximilian Klewer, Südsee, 1936, Öl auf Leinwand, erworben 2013 als Schenkung einer privaten Unterstützerin, © Evelyn Lehmann, Städel Museum, Frankfurt am Main

Maximilian Klewer, Südsee, 1936, Öl auf Leinwand, erworben 2013 als Schenkung einer privaten Unterstützerin, © Evelyn Lehmann, Städel Museum, Frankfurt am Main

Von Barmen nach Berlin

Maximilian Klewer wurde am 7. Dezember 1891 in Barmen bei Wuppertal geboren, einer Stadt, die durch die Industrialisierung im späten 19. Jahrhundert sprungartig angewachsen war. Dort studierte er zunächst an der Kunstgewerbeschule, bevor er 1911 an die Berliner Hochschule für Bildende Künste wechselte. Dieser akademischen Ausbildungsstätte stand seinerzeit der knapp 70-jährige Anton von Werner vor, einer der erfolgreichsten Historienmaler des wilhelminischen Kaiserreiches – doch um 1911 das ‚Fossil‘ einer längst überholten Kunstauffassung. Klewer ließ sich davon nicht beirren, lernte insbesondere bei Konrad Böse und wurde zu einem stupenden Zeichner.

Maximilian Klewer, Selbstporträt, 1913, Pastell/Kreidezeichnung, erworben 2018, Eigentum des Städelschen Museums-Vereins e.V.

Maximilian Klewer, Selbstporträt, 1913, Pastell/Kreidezeichnung, erworben 2018, Eigentum des Städelschen Museums-Vereins e.V. © Evelyn Lehmann, Städel Museum, Frankfurt am Main

1914 zog er in den Ersten Weltkrieg und diente als Sanitäter in den Vogesen und der Ukraine. Nach Kriegsende kehrte er nach Berlin zurück, wurde Meisterschüler von Arthur Kampf und übernahm 1919 selbst die Zeichenklasse seines ehemaligen Professors Böse. An der Hochschule für Bildende Künste lehrte er seitdem für nahezu 25 Jahre . Als 1943 die Berliner Wohnung zerbombt  wurde, floh Klewer mit der Familie nach Hessen. Hier starb er am 27. Juli 1963 in völliger Vergessenheit.

Kapriolen der Fantasie

Wie die sieben Jahre jüngere Lotte Laserstein – aktuell im Städel zu sehen – entwickelte Klewer seine Kunst aus der akademischen Tradition. Inhaltlich und formal schöpfte er dabei immer wieder aus den unterschiedlichsten Quellen: Hier und da ahnt man jene Einzeller, Planktonorganismen und Seeanemonen, die der Zoologe Ernst Haeckel um die Jahrhundertwende in dem Tafelwerk Kunstformen der Natur veröffentlichte.  Es zeigen sich Anklänge an die klassische italienische Kunst, aber auch an die symbolistische Bildsprache Franz von Stucks oder Gustav Klimts. Ideen für Wandmalereien sind  ins kleine Bildformat gebracht, und wenn der Künstler im Selbstbildnis. Stargard von 1917 mit desillusioniertem, starrem Blick aus der Bildfläche schaut, so wird zuletzt auch die Bildsprache des Stummfilms spürbar. Immer wieder aber ist bei aller strengen, meisterlich präzisen Ausführung Platz für Kapriolen der Fantasie, für ironisch-kritisches Augenzwinkern.

Maximilian Klewer, Selbstbildnis Stargard, 1917, Zeichnung, erworben 2018, © Evelyn Lehmann, Eigentum des Städelschen Museums-Vereins e.V.

Maximilian Klewer, Selbstbildnis Stargard, 1917, Zeichnung, erworben 2018, Eigentum des Städelschen Museums-Vereins e.V., © Evelyn Lehmann, Städel Museum, Frankfurt am Main

Dies gilt auch für das Selbstbildnis, das Klewer zeit seines Lebens ein Mittel der kritischen Hinterfragung war – und des künstlerischen Experiments. Hier verarbeitete er die Erfahrungen des Ersten Weltkriegs, zeigt sich selbst in einer Vielzahl von Gesten und Emotionen, letztlich als Psychogramm einer ganzen Generation. Mit expressiv, manchmal gar pantomimisch übersteigertem Ausdruck macht sich Klewer so zum Akteur seiner nicht selten surreal-symbolistischen Bildwelten.  Eindeutig entschlüsseln lassen sich diese kaum, sie bleiben – mit Umberto Eco – ‚offen‘: offen für Assoziationen und Interpretationen der Betrachter, aber auch offen für Entdeckungen.

Maximilian Klewer, Der Fanatiker (Selbstbildnis), 1919, Öl auf Leinwand, erworben 2018, Eigentum des Städelschen Museums-Vereins e.V., © Evelyn Lehmann, Städel Museum, Frankfurt am Main

Dass dieses Entdecken nun im Städel möglich ist, ist den Ankäufen durch den Städelschen Museums-Verein zu verdanken. Die neuen Werke des Künstlers sind ab jetzt in einem eigenen Kabinett in konzentrierter Form zu sehen.

Blick in die Kabinettpräsentation mit den Neuzugängen von Maximilan Klewer

Blick in die Kabinettpräsentation mit den Neuzugängen von Maximilan Klewer


Regina Freyberger ist Sammlungsleiterin der Graphischen Sammlung ab 1750. Gemeinsam mit Alexander Eiling hat sie die Kabinettausstellung kuratiert.

Die Neuwerbungen werden bis 17. März 2019  in der Kabinettausstellung „Maximilian Klewer“ in der Sammlung Kunst der Moderne gezeigt. Auch danach kann man sich die Zeichnungen zu den Öffnungszeiten der Graphischen Sammlung vorlegen lassen.

Diskussion

Fragen oder Feedback? Schreiben Sie uns!

Mehr Stories

  • Lotte Laserstein, Selbstporträt im Atelier Friedrichsruher Straße, um 1927, Öl auf Leinwand, Leihgabe aus Privatbesitz, Berlinische Galerie – Landesmuseum für Moderne Kunst, Fotografie und Architektur, Foto: Kai-Annett Becker / Berlinische Galerie, © VG Bild-Kunst, Bonn 2018
    Laserstein und die verschollene Generation

    Aus den Augen verloren

    Sie war eine aufstrebende Malerin in der Weimarer Kunstszene – aber warum hat es Lotte Laserstein nicht in unser kollektives Gedächtnis und den „Bildungskanon“ geschafft?

  • Lotte Laserstein vor dem Gemälde „Abend über Potsdam“, fotografiert von Wanda von Debschitz-Kunowski, undatiert
Berlinische Galerie – Landesmuseum für Moderne Kunst, Fotografie und Architektur, Foto: Anja Elisabeth Witte / Berlinische Galerie
    Kuratoreninterview

    Wer war Lotte Laserstein?

    Vor wenigen Jahren kannte kaum jemand ihren Namen – nun widmet das Städel Lotte Laserstein eine eigene Ausstellung. Ein Gespräch mit den Kuratoren über das Vergessen und Neuentdecken dieser sehr zeitgemäßen Künstlerin.

  • Skizzenbücher

    Dem Künstler so nah

    Nirgends kommt man Künstlern näher als in ihren Skizzenbüchern. Es sind Tagebücher des Sehens und der Fantasie, voller Erinnerungen und Einfälle. Das Städel restauriert und digitalisiert nun seinen Bestand.

  • Richard Oelze, Archaisches Fragment, 1935, Öl auf Leinwand, 98 x 130 cm, gemeinsames Eigentum des Städelschen Museums-Verein e.V. und des Städel Museums, Frankfurt am Main; erworben mit Unterstützung der Kulturstiftung der Länder sowie einem Zuschuss der Kurt und Marga Möllgaard-Stiftung, © Estate of Richard Oelze
    Neu im Städel

    Richard Oelzes „Archaisches Fragment“

    Seit Kurzem verstärkt Richard Oelzes „Archaisches Fragment“ die Sammlung des Städel Museums. Es ist eines der Hauptwerke des deutschen Surrealismus – und erstrahlt nun in neuem Glanz.

Newsletter

Wer ihn hat,
hat mehr vom Städel.

Aktuelle Ausstellungen, digitale Angebote und Veranstaltungen kompakt. Mit dem Städel E-Mail-Newsletter kommen die neuesten Informationen regelmäßig direkt zu Ihnen.

Beliebt