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Ehepaar nach mehr als 300 Jahren wieder vereint

Mit Porträts wie dem „Bildnis der Maertgen van Bilderbeecq“ legte Rembrandt den Grundstein für seine Karriere in Amsterdam. In der Ausstellung „Nennt mich Rembrandt!“ hängt Frau van Bilderbeecq nach langer Zeit wieder neben ihrem Ehemann. Wie haben sie wieder zueinander gefunden?

Friederike Schütt — 11. Januar 2022

Es ist erstaunlich, dass Rembrandt vor seinem Umzug nach Amsterdam 1631/32 wohl keinen einzigen Porträtauftrag ausgeführt hatte. Der junge Künstler aus Leiden hatte in Selbstbildnissen und Kopfstudien, sogenannten „Tronies“, zwar schon mit dem eigenen Gesicht experimentiert, doch sein Hauptmetier waren bis dahin Historienbilder.

Porträtaufträge als Karrieresprungbrett

Es war der Kunsthändler Hendrick Uylenburgh, der Rembrandts Talent und eine Marktlücke in der Porträtmalerei erkannte. Die wenigen in Amsterdam auf Porträts spezialisierten Maler konnten die steigende Nachfrage des aufstrebenden Bürgertums schon bald nicht mehr allein decken. Uylenburgh bot Rembrandt eine Unterkunft samt Atelier in bester Lage und versorgte ihn mit lukrativen Aufträgen aus seinem Kundenstamm. Rembrandts enormer Output von 44 Auftragsporträts in drei Jahren (1632–1635) bezeugt den Erfolg dieses Geschäftskonzepts.

Der Auftrag aus Leiden

Inmitten dieser Anfangszeit erhielt Rembrandt 1633 einen Porträtauftrag aus seiner Geburtsstadt Leiden. Er sollte Maertgen van Bilderbeecq und ihren Ehemann Willem Burchgraeff verewigen. Es ist gut möglich, dass Uylenburgh diesen Auftrag vermittelte. Denn die Auftraggeberin war mit Pieter de Neyn verschwägert, der damals als Agent und Geschäftspartner für Uylenburgh in Leiden arbeitete. Vielleicht hatte Rembrandt den Auftrag aber auch durch sein eigenes Netzwerk erlangt: Als Müller gehörte Rembrandts Vater der gleichen Gilde an wie der Bäcker und Getreidehändler Willem Burchgraeff.

Rembrandt, Bildnis der Maertgen van Bilderbeecq, 1633, Städel Museum, Frankfurt am Main

Rembrandt, Bildnis der Maertgen van Bilderbeecq, 1633, Städel Museum, Frankfurt am Main

Rembrandt, Bildnis der Maertgen van Bilderbeecq (Rückseite), 1633, Städel Museum, Frankfurt am Main

Rembrandt, Bildnis der Maertgen van Bilderbeecq (Rückseite), 1633, Städel Museum, Frankfurt am Main

Maertgen van Bilderbeecq und ihr Ehemann

Mit geröteten Wangen, Doppelkinn, feiner Spitzenhaube und in den 1630er-Jahren nicht mehr ganz modischem „Mühlsteinkragen“ präsentiert Rembrandt Maertgen van Bilderbeecq als gut situierte Bürgersfrau. Ihre Identifikation geht auf die Inschrift auf der Rückseite des Bildes zurück. In einer Handschrift des 18. Jahrhunderts wurde hier vermerkt, dass es sich um „Margareta Hendrikse van Bilderdijk Huisvrouw van Willem Burggraaf“ handelt. Den 1604 in Flandern geborenen Willem Burchgraeff hatte Maertgen 1625 in Leiden geheiratet.

Rembrandt und Werkstatt, Bildnis des Willem Burchgraeff, 1633, Staatliche Kunstsammlungen Dresden - Gemäldegalerie

Rembrandt und Werkstatt, Bildnis des Willem Burchgraeff, 1633, Staatliche Kunstsammlungen Dresden – Gemäldegalerie

Als das Frauenporträt 1844 auf einer Auktion in Rotterdam für das Städelsche Kunstinstitut erworben wurde, wurde gleichzeitig ein männliches Gegenstück angekauft, das als „Copie nach dem Original in Dresden“ ins Inventarbuch eingetragen wurde. Die Kopie des Männerbildnisses wurde noch vor 1846 als Lehrmittel an die Städelschule gegeben, der weitere Verbleib ist seitdem unbekannt. Vermutlich war die Kopie ursprünglich angefertigt worden, um das originale Bildnis des Ehemanns in der Familiengalerie zu ersetzen. Denn das Männerbildnis, auf das der Inventareintrag verweist, war bereits 1722 von Maertgens Porträt getrennt worden und in die Sammlung des Sächsischen Kurfürsten in Dresden eingegangen.

Der richtige Ehemann?

Nach dem Ankauf des Frauenporträts für das Städel bestand für die nächsten 125 Jahre kein Zweifel daran, dass das Bildnis der Maertgen van Bilderbeecq mit dem Dresdner Männerbildnis zusammengehört. Seit 1969 ist allerdings ein Bildnis von Rembrandts älterem Zeitgenossen Daniel Mijtens bekannt, das auf der Rückseite die Bezeichnung „Willem Burggraaf“ trägt – und zwar in der gleichen Handschrift, die auch rückseitig auf Maertgens Porträt zu lesen ist. Beide Bildnisse müssen also einmal in derselben Familiensammlung aufbewahrt und beschriftet worden sein. Ist Mijtens’ Burchgraeff somit der wahre Ehemann von Maertgen? Und kann dieses Männerbildnis das Pendant des Frankfurter Frauenporträts sein? So wird es seit 1986, als das Rembrandt Research Project seine Forschungen zu den Bildnissen in Frankfurt und Dresden publizierte, überwiegend angenommen. Die Identifikation des Dresdner Bildnisses als Willem Burchgraeff und als Pendant zur Bilderbeecq wurde dabei verworfen, unter anderem aufgrund mangelnder Ähnlichkeiten zu Mijtens’ Porträt.

Daniel Mijtens, Bildnis des Willem Burchgraeff, 1635, Privatbesitz

Daniel Mijtens, Bildnis des Willem Burchgraeff, 1635, Privatbesitz

Daniel Mijtens, Bildnis des Willem Burchgraeff (Rückseite), 1635, Privatbesitz

Daniel Mijtens, Bildnis des Willem Burchgraeff (Rückseite), 1635, Privatbesitz

Die Zuordnung von Mijtens’ Porträt zum Bildnis der Maertgen van Bilderbeecq erfolgte ohne Kenntnis des Städelschen Inventareintrags und ohne, dass das damals verschollene Mijtens-Porträt eingehender betrachtet werden konnte. Erst als es 2017 auf einer Auktion auftauchte, geriet es etwas mehr in den Fokus der Forschung – noch rechtzeitig, um aktuellere Recherchen in die Rembrandt-Ausstellung im Städel Museum einfließen lassen zu können. Zu wenig Beachtung hatte die Altersangabe von 50 Jahren und die Datierung auf 1635 auf der Vorderseite des Porträts gefunden. Da die Geburt von Maertgens Ehemann im Jahr 1604 archivalisch belegt ist und dieser 1635 folglich erst 31 Jahre alt war, muss der von Mijtens’ porträtierte Willem Burchgraeff ein älterer sein, möglicherweise aus der gleichen Familie. Zudem kursierten lange Zeit falsche Maßangaben für Mijtens’ Porträt: Es ist etwas größer als das der Frau, während das Dresdner Bildnis ihren Maßen entspricht.

Ausstellungsansicht „Nennt mich Rembrandt!“ im Städel Museum

Ausstellungsansicht „Nennt mich Rembrandt!“ im Städel Museum

Ausstellungsansicht „Nennt mich Rembrandt!“ im Städel Museum

Ausstellungsansicht „Nennt mich Rembrandt!“ im Städel Museum

Es bleiben Fragezeichen

Obwohl die beschriebenen Gründe also erneut für das Dresdner Bildnis als Gegenstück des Frauenporträts sprechen und wir es deshalb als Leihgabe in unserer Ausstellung neben Maertgen van Bilderbeecq zeigen, werfen die Zusammengehörigkeit und die unterschiedliche Malweise der beiden Bildnisse bis heute zahlreiche Fragen auf. Kontrovers diskutiert wird auch Rembrandts Anteil an den beiden Werken. Die Forschung ist noch nicht abgeschlossen. Zweifellos bleiben beide Bildnisse aber ein typisches Zeugnis für die Porträtproduktion in Rembrandts frühen Amsterdamer Jahren – einer Zeit, in der der Künstler unter großem Zeitdruck zahlreiche Aufträge zu bewältigen hatte und für deren Fertigstellung auch auf effiziente Arbeitsteilung und gute Assistenten in Uylenburghs Werkstatt angewiesen war.


Friederike Schütt hat als wissenschaftliche Mitarbeiterin die Rembrandt-Ausstellung mit vorbereitet. 

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