Kürzlich hat das Städel Museum ein weiteres Meisterwerk von Guido Reni erwerben können. Städel-Kurator und Reni-Kenner Bastian Eclercy erklärt, warum man es beim Besuch der Sammlung nicht verpassen darf.
Man sieht sich immer zweimal im Leben – manchmal gilt das auch für Bilder. Als ich meine große Städel-Ausstellung „Guido Reni. Der Göttliche“ (2022/23) vorbereitete, hatte ich auch das „Bildnis des Kardinals Giacomo Sannesi“ aus Privatbesitz als Leihgabe angefragt, doch die damaligen Eigentümer wollten es grundsätzlich nicht ausleihen. Damals hätte ich mir nicht träumen lassen, dass dieses grandiose Porträt wenige Jahre später zum Verkauf stehen würde – und dass es gelingen könnte, es dauerhaft für Frankfurt zu erwerben. Jener glückliche Moment trat ein am 2. Juni 2026, als wir bei Christie’s in New York den Zuschlag für Renis Bildnis erhielten. Die großzügige Unterstützung durch den Städelschen Museums-Verein e.V. und die Ernst von Siemens Kunststiftung sowie Eigenmittel des Museums machten diesen hochbedeutenden Ankauf möglich. Jüngst hat das Gemälde dann endlich in den Sammlungsräumen Einzug gehalten – samt dem miterworbenen prachtvollen Rahmen: ein italienisches Original aus dem 17. Jahrhundert, das durchaus noch der ursprüngliche Rahmen sein könnte.
Guido Reni, Bildnis des Kardinals Roberto Ubaldini, 1625, Los Angeles, Los Angeles County Museum of Art, Gift of The Ahmanson Foundation, Foto © Museum Associates / LACMA
Reni als Bildnismaler
Guido Reni war ein herausragender Porträtist, obgleich sich nur ganz wenige Bildnisse von seiner Hand erhalten haben. Dazu zählen diejenigen des Papstes Gregor XV. (1622; Corsham Court, Sammlung Baron Methuen), des Kardinals Roberto Ubaldini (1625; Los Angeles, Los Angeles County Museum of Art) und des Kardinals Bernardino Spada (um 1630; Rom, Galleria Spada). Wer die Frankfurter Reni-Ausstellung besucht hat, wird sich wahrscheinlich an das eindrucksvolle Ubaldini-Bildnis erinnern. Bei allen drei Porträts gelingt Reni eine bemerkenswerte Synthese: So gibt er der Amtswürde der Kleriker anschauliche Gestalt und erfasst zugleich mit staunenswerter Präzision den Ausdruck des Gesichtes und die Stofflichkeit der Gewänder.
Guido Reni, Bildnis des Kardinals Giacomo Sannesi, 1609, Öl auf Leinwand, 65,5 x 50,5 cm, Frankfurt, Städel Museum, Inv. 2612 (Erworben 2026. Gemeinsames Eigentum mit dem Städelschen Museums-Verein e.V. und der Ernst von Siemens Kunststiftung)
Künstlerische Gestalt
Dies gilt auch für das früheste gesicherte Porträt Renis, das „Bildnis des Kardinals Giacomo Sannesi“ (1609). Es ist kleiner im Format als die genannten monumentalen Werke, dafür weniger formell, intimer im Ausschnitt und noch eindringlicher im Ausdruck. Vor einem neutralen, aber malerisch strukturierten Hintergrund in dunklem Braun silhouettiert sich die Halbfigur des Kardinals in kraftvoller Plastizität. Allein die Dreivierteldrehung des Oberkörpers erzeugt den Bildraum. Sannesi trägt die übliche Kardinalstracht: ein Untergewand mit weißem Kragen, das am unteren Bildrand aufscheinende Rochett (Chorrock) in Weiß und darüber die purpurfarbene Mozzetta (ein geknöpfter Schultermantel mit Kapuze). Die künstlerische Raffinesse wird schon am Gewand deutlich, das mit feinen Hell-Dunkel-Abstufungen in kräftigen Falten modelliert ist. Bei genauerer Betrachtung wird man der fein beobachteten Details gewahr, die das Bildnis beleben: So ist die Struktur des Brokatstoffes durch eine Art Maserung mit etwas dunkleren Linien auf der Mozzetta angedeutet. Eine rote Naht fasst den Stoff an den Kanten ein. Auch jeder der Knöpfe ist mit etwas unterschiedlichen Lichtreflexen abwechslungsreich erfasst.
Von unvergesslicher Eindringlichkeit ist der Charakterkopf des zum Zeitpunkt der Entstehung etwa fünfzigjährigen Kardinals. Das etwas faltige Inkarnat hat Reni in der für ihn typischen Manier mit strichelnden Pinselzügen wiedergegeben, die seinen Handzeichnungen ähneln. Diese Technik eignete sich besonders gut auch für die Erfassung von Haar und Bart. Nicht ohne Grund galt Reni als Meister der Darstellung von Augen, und so gehören die Modellierung der Lider und Augenhöhlen und der unausweichliche Blick des Kardinals zu den Höhepunkten des ebenso lakonischen wie ausdrucksstarken Bildnisses.
Identifizierung und Provenienz
Das Gemälde ist 2006/07 von meinem in Rom tätigen Kollegen Lothar Sickel erforscht und publiziert worden. Durch seine Beschäftigung mit der Geschichte der Sammlung der Familie Sannesi gelang ihm die Identifikation des Dargestellten mit Giacomo Sannesi (um 1557/60–1621), der 1604 von Papst Clemens VIII. zum Kardinal erhoben worden war. Er stützte sich dabei auf zwei frühe Kopien unseres Bildnisses: eine gemalte in Sannesis Heimatort Belforte del Chienti, die das Wappen des Kardinals Sannesi trägt; sowie eine zeichnerische Kopie in der Biblioteca Apostolica Vaticana, die mit dessen Namen bezeichnet ist.
Celestino Sfondrato, Zeichnung nach Renis Bildnis des Kardinals Giacomo Sannesi, um 1690, Rom, Biblioteca Apostolica Vaticana
Giacomo Sannesi besaß eine bedeutende Kunstsammlung in seinem Palast bei Sankt Peter, darunter ein Bildnis seiner selbst, das in einem Inventar von 1755 als Werk Guido Renis beschrieben wird. Entscheidend ist aber vor allem der Umstand, dass Reni selbst in seinem eigenhändigen Rechnungsbuch aus den römischen Jahren für 1609 eine Zahlung für das Porträt des Kardinals Sannesi vermerkt. Auch dieses kostbare Büchlein konnten wir seinerzeit in der Städel-Ausstellung präsentieren. Zudem wird das Gemälde von Renis Biographen Carlo Cesare Malvasia (1678) erwähnt. Somit haben wir es bei dem Bildnis mit einem sehr gut dokumentierten Werk Renis zu tun. Von den Sannesi gelangte es in die Sammlung Cavalieri und von dort im späten 18. Jahrhundert in den Besitz der schweizerischen Familie de Sellon, wo es kontinuierlich weitervererbt wurde.
Der neue Kardinal in der Städel-Sammlung
Das Städel Museum besitzt eine weltweit bekannte Sammlung von Bildnissen der italienischen Renaissance (Botticelli, Tizian, Bartolomeo Veneto, Bronzino u.a.), jedoch bislang kein einziges italienisches Barockporträt. Ein solches Werk in herausragender Qualität für Frankfurt zu erwerben, war seit langem ein großer Wunsch.
Ebenso bedeutsam und reizvoll erschien uns die Gelegenheit, unsere beiden Gemälde von Guido Reni („Himmelfahrt Mariens“, um 1598/99; „Christus an der Geißelsäule“, um 1604) um ein drittes Hauptwerk zu einer veritablen Werkgruppe zu ergänzen – nicht zuletzt vor dem Hintergrund, dass sich das Städel durch die Ausstellung von 2022/23 und die damit verbundene Forschungsarbeit als ein international beachtetes Kompetenzzentrum für diesen Maler etablieren konnte. In seiner modern anmutenden Reduktion aufs Wesentliche und der höchst eindringlichen Schilderung des Gesichts wird das „Bildnis des Kardinals Sannesi“ ein neuer Anziehungspunkt in den Sammlungsräumen der Alten Meister sein. Dieser in seinem Porträt so lebendige Herr aus dem 17. Jahrhundert freut sich auf euren Besuch.
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