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Sünderin, Heilige, starke Frau: Wer ist Maria Magdalena?

Kaum eine weibliche Figur hat die Kunst über Jahrhunderte so fasziniert und so unterschiedliche Deutungen erfahren wie Maria Magdalena. Im Interview sprechen die Kuratoren der neuen Ausstellung „Maria Magdalena. Sin. Pray. Love.“ darüber, wie sich ihr Bild immer wieder gewandelt hat – und was es über Vorstellungen von Weiblichkeit der jeweiligen Zeit verrät.

Elisabeth Pallentin — 16. September 2026

Maria Magdalena ist eine der bekanntesten Gestalten der biblischen Überlieferung. Was macht Maria Magdalena zu einer so faszinierenden Figur der Kunstgeschichte? 

Bastian Eclercy: Ihr Facettenreichtum. Maria Magdalena sind schon früh ganz unterschiedliche Rollen zugeschrieben worden, die in einem für Künstlerinnen und Künstler schon immer reizvollen Kontrast zueinander stehen: zunächst die Zeugin der Passion Christi und die erste Zeugin sowie Verkünderin der Auferstehung; dann die ganz weltliche „Sünderin“, die sich später bekehrt, Buße tut und zum „role model“ für alle reuigen Menschen wird; schließlich die selbstbewusste und selbstbestimmte Frau. All diese Aspekte gehen ein in eine Kunstfigur Maria Magdalena, die im Laufe der Jahrhunderte entsteht. Dieses Spannungsfeld von Sünderin, Büßerin und Heiliger hat die Kunst über mehr als ein Jahrtausend ungemein inspiriert; das führen wir in der Ausstellung an eindrucksvollen Werken vor.

Stefan Roller: Zu ergänzen wäre, dass sie als Frau in einer zweitausendjährigen von Männern geprägten Geschichte nicht unterzukriegen ist und immer als Gestalt von Bedeutung gilt – wenn auch unter unterschiedlichsten Vorzeichen. 

Ausstellungsansicht „Maria Magdalena. Sin. Pray. Love.“, Foto: Norbert Miguletz – Städel Museum 

El Greco, Büßende Magdalena, um 1580-85, Worcester Art Museum / Bridgeman Images

Nieves González, La sfida (Die Herausforderung), 2025, © Nieves González, Leihgabe aus Privatbesitz

Wie übersetzt ihr diese wechselvolle Geschichte der Darstellung von Maria Magdalena in die Dramaturgie der Ausstellung?

Bastian Eclercy: Wir beginnen mit dem vielschichtigen und teilweise von skurrilen Missverständnissen geprägten Bild der Magdalena in der Gegenwart. Dazu gehört auch ihre Rezeption in der Populär- und Trivialkultur. Es gibt unzählige Titel aus den letzten Jahrzehnten, die fast alle entweder dem esoterischen und pseudowissenschaftlichen Bereich entstammen oder fantasievolle Fiktion darstellen. Wir haben eine Auswahl davon in Gestalt eines Büchertischs ganz zu Beginn der Ausstellung versammelt. 
Im Mittelpunkt des ersten Raumes stehen bedeutende Positionen der Gegenwartskunst, die Magdalena meist aus einer feministischen Perspektive als starke Frau zeigen. Darauf folgen acht Sektionen, in denen wir Schritt für Schritt aufzeigen, welche Erzählungen und Rollen im Mittelalter und in der Neuzeit mit Magdalena verbunden worden sind. Und natürlich wie unterschiedlich Künstlerinnen und Künstler diese ins Bild gesetzt und interpretiert haben.
 

Max Beckmann, Christus und die Sünderin, 1917, Saint Louis Art Museum, Foto © Bequest of Curt Valentin

Ausstellungsansicht „Maria Magdalena. Sin. Pray. Love.“, Foto: Norbert Miguletz – Städel Museum 

Ausstellungsansicht „Maria Magdalena. Sin. Pray. Love.“, Foto: Norbert Miguletz – Städel Museum 

Stefan Roller: Unser Ziel ist es, das geläufige Bild der Heiligen zu hinterfragen und den Besucher mit auf den Weg von der Jetztzeit zurück bis zu den Anfängen und von dort in mehreren Sektionen wieder bis in die Neuzeit mitzunehmen. Der Parcours durch die Ausstellung soll Magdalenas Entwicklung oder besser: Verfremdung zum scheinbar frei deutbaren Fantasieprodukt der Gegenwart nachvollziehbar machen.

In der Überlieferung überlagern sich die biblische und die legendarische Maria Magdalena. Wie greifen diese beiden Magdalenenbilder in der Kunst ineinander? 

Stefan Roller: Hätte die Kunst nur die biblische Magdalena zum Thema gehabt, hätte ihre Geschichte möglicherweise schnell an Reiz verloren, zumal ihre zentrale Bedeutung als Verkünderin der Auferstehung Christi von der Kirche immer stärker in den Hintergrund gedrängt wurde. Diese Bedeutung wollte man einer Frau offensichtlich nicht zugestehen. Magdalena wurde mit Maria von Bethanien und vor allem der namenlosen Sünderin identifiziert. Dadurch wurde ihre knappe biblische Geschichte um zahlreiche Episoden und Motive erweitert.
Besonders die Verschmelzung mit der Sünderin und deren sexuell gedeutetem Fehlverhalten eröffnete künstlerische Räume. Magdalenas sündhafte Jahre vor ihrer Bekehrung und ihr Leben nach der Ostergeschichte wurden durch frei erfundene Legenden ergänzt, teilweise angeregt durch die Viten anderer heiliger Frauen, besonders Maria von Ägypten. Vor allem das Motiv der Sünderin prägte schließlich die künstlerische Darstellung ihrer gesamten Geschichte.

Ausstellungsansicht „Maria Magdalena. Sin. Pray. Love.“, Foto: Norbert Miguletz – Städel Museum 

Giovanni Girolamo Savoldo, Maria Magdalena vor dem Grab, um 1535-40, National Gallery, London, © The National Gallery, London

Lavinia Fontana, Noli me tangere, 1581, Florenz, Uffizien

Welche Rolle spielen die Werke von Künstlerinnen in der Ausstellung? Wie verändert sich der Blick auf Maria Magdalena, wenn sie von Künstlerinnen interpretiert wird, vor allem in der Gegenwartskunst? 

Bastian Eclercy: Künstlerinnen spielen in unserer Auswahl eine wichtige Rolle, besonders in der Gegenwartskunst. Auffällig ist, dass die meisten zeitgenössischen Positionen zu Maria Magdalena von Frauen stammen. Trotz unterschiedlicher Ansätze, etwa bei Marlene Dumas oder Kiki Smith, ist ihnen die Abkehr vom tradierten Bild der büßenden „Sünderin“ hin zu einer emanzipierten, selbstbewussten und selbstbestimmten Frau gemeinsam, wie etwa in Nieves González’ „La sfida“.
Die „Alten Meisterinnen“ sind aufgrund der damaligen gesellschaftlichen Umstände deutlich geringer vertreten. Werke von Lavinia Fontana, Elisabetta Sirani und Luisa Roldán gehören sicher zu den Höhepunkten der Ausstellung. Von einem einheitlichen „weiblichen Blick“ kann man dabei nicht sprechen. Im Vergleich zu männlichen Künstlern zeigen sich aber andere Akzente: So nimmt Sirani etwa die starke Erotisierung Magdalenas, wie sie bei Guido Cagnacci zu sehen ist, deutlich zurück.

Luisa Roldán, Tod der Maria Magdalena, um 1689-96, Valladolid, Museo Nacional de Escultura, © Museo Nacional de Escultura (Valladolid)

Georges de la Tour, Büßende Magdalena bei der Meditation, ca. 1635-40, National Gallery of Art, Washington

Ausstellungsansicht „Maria Magdalena. Sin. Pray. Love.“, Foto: Norbert Miguletz – Städel Museum 

Inwiefern macht die wechselvolle Bildgeschichte Maria Magdalenas sie zu einem besonders aufschlussreichen Spiegel der jeweiligen Zeit und ihrer Vorstellungen von Weiblichkeit, Glaube und Moral? 

Bastian Eclercy: Es gibt einige Epochen, in denen das Bild Magdalenas die jeweilige Zeit besonders widerspiegelt. Ein Beispiel ist die erste Hälfte des 17. Jahrhunderts, als in den katholischen Ländern die Darstellung Magdalenas als Sünderin und Büßerin förmlich explodiert. Durch die Aufwertung des Bußsakraments im Zuge des Tridentinischen Konzils entwickelte sie sich zum „role model“: zur reuigen Sünderin, die erfolgreich Buße tut und damit die Liebe Gottes gewinnt. Fast entsteht der Eindruck, sie habe ihren Status als Heilige durch ihre legendarische Buße erlangt und nicht durch ihre biblische Rolle als erste Zeugin der Auferstehung. 

Ausstellungsansicht „Maria Magdalena. Sin. Pray. Love.“, Foto: Norbert Miguletz – Städel Museum 

Ausstellungsansicht „Maria Magdalena. Sin. Pray. Love.“, Foto: Norbert Miguletz – Städel Museum 

Girolamo Di Benvenuto, Kreuztragung, Kreuzigung und Beweinung, um 1500, Städel Museum, Frankfurt am Main

Stefan Roller: Schon vor der Gegenreformation äußern sich religiöse Tendenzen in der Gestalt Magdalenas. Seit dem 13. Jahrhundert propagierten die Bettelorden der Dominikaner und Franziskaner die sich von den weltlichen Dingen abkehrende Heilige als Vorbild. Die Franziskaner forcierten die Verehrung des Wahren Kreuzes Christi und etablierten den Bildtypus der am Kreuzesfuß knienden Magdalena. Zugleich diente die Figur der Heiligen auch als latente Kritik an der Institution Kirche, die sich vom ursprünglichen Charakter des Christentums weit entfernt hatte. Die predigende, aller weltlichen Dingen entsagende, asketisch lebende Heilige verkörperte diese Ideale.
Im 19. Jahrhundert, spiegeln die Darstellungen Magdalenas die Ambivalenz zwischen religiös-konservativen und religionskritischen und sexuell freizügigen Einstellungen wider. Der keuschen Heiligen standen nackte Magdalenen und verführerische Femmes fatales gegenüber, bei denen die Heilige nur noch Vorwand für die erotische Darstellung war. Im 20. Jahrhundert wird das Bild der Magdalena immer individueller und unabhängiger von seiner tradierten religiösen Prägung, eine Tendenz, die sich in der Gegenwart fortsetzt.


Die Ausstellung „Maria Magdalena. Sin. Pray. Love.“ ist noch bis zum 17. Januar 2027 im Städel Museum zu sehen. 

Vielen Dank an Bastian Eclercy (Sammlungsleiter italienische, französische und spanische Malerei vor 1800 am Städel Museum) und Stefan Roller (Sammlungsleiter Mittelalter der Liebieghaus Skulpturensammlung).

Die Fragen stellte Elisabeth Pallentin, Stellvertretende Leitung Presse und Onlinekommunikation im Städel Museum. 

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