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Lost and Found

Das Gemälde von Joseph Anton Koch galt seit 1945 als verschollen. Nun hat eine amerikanische Kunsthistorikerin, die das Bild geerbt hatte, das Städel kontaktiert – und es zurückgegeben. Eine Spurensuche in den Wirren des Krieges.

Iris Schmeisser und Laura Vollmers — 19. September 2019

Als vor fast 100 Jahren, im Mai 1921, der Neubau des Städel Museums eröffnet wurde, waren dort in einem der ersten Räume insgesamt drei Landschaften von Joseph Anton Koch zu sehen: Das Dankopfer Noahs, Der Raub des Hylas und Landschaft mit dem Propheten Bileam und seiner Eselin. Die beiden letzteren Werke hatte das Städel im Jahr 1832 direkt vom Künstler in Rom erworben. Im Atelier Kochs entdeckt hatte sie dort der Diplomat und Kunstsammler August Kestner (1777–1853) aus Hannover. Sein Bruder Theodor war damals Gründungsmitglied des für den Aufbau und die Verwaltung des Städel verantwortlichen Gremiums. Gemeinsam ebneten sie den Weg für die außergewöhnliche Doppelerwerbung der beiden Landschaften.

Im Winter 1832 nahm August Kestner, Jurist, Diplomat und Kunstsammler, aus Rom Kontakt zu seinem Bruder Theodor auf. Er überzeugte ihn davon, der Administration des jungen Städelschen Kunstinstitutes den Ankauf von zwei Werken des Malers Joseph Anton Koch zu unterbreiten.

Im Winter 1832 nahm August Kestner, Jurist, Diplomat und Kunstsammler, aus Rom Kontakt zu seinem Bruder Theodor auf. Er überzeugte ihn davon, der Administration des jungen Städelschen Kunstinstitutes den Ankauf von zwei Werken des Malers Joseph Anton Koch zu unterbreiten.

Theodor Kestner, der seit 1817 Mitglied der fünfköpfigen Administration war, erreichte mit Vorlage der euphorischen Briefe seines Bruders die Zustimmung der anderen Mitglieder zum Kauf zweier Bilder von Koch.

Theodor Kestner, der seit 1817 Mitglied der fünfköpfigen Administration war, erreichte mit Vorlage der euphorischen Briefe seines Bruders die Zustimmung der anderen Mitglieder zum Kauf zweier Bilder von Koch.

Diese Briefe gehören zu den ältesten und wertvollen Dokumenten zur Entstehung der Sammlung des jungen Städelschen Kunstinstitutes, welches erst 1815 durch das Testament Johann Friedrich Städels ins Leben gerufen wurde.

Diese Briefe aus dem Jahr 1832 gehören zu den ältesten und wertvollen Dokumenten des Städel Archivs. Das Städelsche Kunstinstitut wurde 1815 durch das Testament Johann Friedrich Städels ins Leben gerufen.

August schildert, dass der „alte Koch“ in finanzielle Bedrängnis geraten sei und man einem solchen malerischen Genie durch einen Ankauf beistehen müsse. „Er malt immer drauff los, weil sein Genie in dazu zwingt; aber da heut zu Tage Niemand etwas kauft, […] so bleibt seine Werkstatt gefüllt, u[nd], ohne alle Bestellungen, fängt er an in der That zu darben mit Frau und drey Kindern […]“

August schildert, dass der „alte Koch“ in finanzielle Bedrängnis geraten sei und man einem solchen malerischen Genie durch einen Ankauf beistehen müsse. „Er malt immer drauff los, weil sein Genie in dazu zwingt; aber da heut zu Tage Niemand etwas kauft, […] so bleibt seine Werkstatt gefüllt, u[nd], ohne alle Bestellungen, fängt er an in der That zu darben mit Frau und drey Kindern […]“

Koch, ursprünglich aus Österreich kommend, lebte zu diesem Zeitpunkt bereits seit geraumer Zeit in Rom und war Protagonist im Künstlerkreis der Nazarener. Dort lernte ihn auch August Kestner auf einer seiner Italienreisen kennen und unterstützte ihn.

Der ursprünglich aus Tirol stammende Joseph Anton Koch (1768–1839) lebte seit 1795 in Rom und war dort das Haupt der deutschen Künstlerkolonie. Dort lernte ihn auch August Kestner auf einer seiner Italienreisen kennen und unterstützte ihn.

August, der bei diesem Ankauf nicht nur als Vermittler, sondern auch als Berater agierte, schlug letztlich den Ankauf der Bilder Landschaft mit dem Propheten Bileam und seiner Eselin und Landschaft mit dem Raub des Hylas vor und überzeugte die Administration.

August, der bei diesem Ankauf nicht nur als Vermittler, sondern auch als Berater agierte, schlug letztlich den Ankauf der Bilder Landschaft mit dem Propheten Bileam und seiner Eselin und Landschaft mit dem Raub des Hylas vor und überzeugte die Administration.

Der neue Flügel des Museums beherbergte die moderne und zeitgenössische Gemäldesammlung des 19. und 20. Jahrhunderts. Auch die beiden Landschaften waren ursprünglich einmal zeitgenössische Erwerbungen gewesen, denn sie gelangten zu Lebzeiten Kochs in die junge Sammlung des Museums. Die in leuchtenden Farben gemalte Landschaft mit dem Propheten Bileam hing damals an einer schwarzbespannten Wand im östlichen Seitenkabinett des Neubaus und stellte zusammen mit den „Romantikern und Nazarenern“ den Auftakt der modernen Sammlung dar.

Joseph Anton Koch, Landschaft mit dem Propheten Bileam und seiner Eselin, ca. 1832, Öl auf Leinwand, Städel Museum, Frankfurt am Main

Die Städel Sammlung  im Krieg

Bis kurz vor Ausbruch des Krieges war das Gemälde prominent in der Schausammlung des neuen Flügels zu sehen. Im Zuge der Mobilmachung wurden zunächst die „unentbehrlichsten und wertvollsten“ Werke des Museums nach Oberstedten im Taunus ausgelagert, die restlichen Gemälde –  so auch die Landschaft mit dem Propheten Bileam – wanderten in die entsprechend für den Luftschutz vorbereiteten Kellerräume des Museums. Am 31. August 1939 notierte Alfred Wolters, der Direktor der Städtischen Galerie, dass die Depoträume im Städel  „durch sandgefüllte Kisten gesichert“ wurden.

Ab da war das Museum nur noch für laufende Ausstellungen geöffnet. Die Schausammlung selbst war seit ihrer kriegsbedingten Einlagerung für die Öffentlichkeit nicht mehr zugänglich. Im Juni 1940 ereignete sich der erste Luftangriff auf Frankfurt. Die Stadt verstärkte bald die Luftschutzmaßnahmen. Fast 250 Gemälde, darunter auch die Landschaft mit dem Propheten Bileam, wurden im Juni 1941 in Stahlkammern der ehemaligen Darmstädter Bank verbracht.

Doch in den Panzerkammern der Bank wurde das Gemälde nur vorübergehend gelagert, denn mit dem einsetzenden Frost im Winter 1941 war die Luftfeuchtigkeit in den Räumen so stark gesunken, dass man sogar eine Rückverbringung in die Räume des Städel in Erwägung zog, um die Werke vor weiteren Schäden zu schützen.

Das Gebäude des Städelschen Kunstinstituts ist sozusagen vollständig geräumt

Erst im September 1942 wurde die Landschaft mit dem Propheten Bileam in den Bunkerkomplex des Führerhauptquartiers Ziegenberg im Taunus transportiert, ein monumentaler Sicherheitsbau. Die Schlüssel zu den Bunkerräumen der Wehrmacht, in denen der Großteil der Bestände des Städel nun ausgelagert wurde, waren in einem versiegelten Umschlag der Gebäudeverwaltung übergeben worden, ein weiterer wurde in einem feuerfesten Schrank des Museums verwahrt. In einem Rückblick auf das Jahr 1942 resümierte der Direktor der Städtischen Galerie lapidar den Ausnahmezustand, der sich heute unserer Vorstellungskraft entzieht: „Das vergangene Jahr stand ganz und gar im Zeichen des Luftschutzes ... Das Gebäude des Städelschen Kunstinstituts ist nunmehr sozusagen vollständig geräumt. ... Die restlose Räumung des Städelschen Kunstinstituts wurde besonders dringend, da auf seinem Dach allen Einspruch zum Trotz Flakgeschütze aufgestellt werden.“ Im Oktober 1943 nahmen die Luftangriffe der Alliierten auf Frankfurt zu und zum Jahresende wurde das Museum dann schließlich auch für laufende Ausstellungen geschlossen. Am 29. Januar 1944 wurde das Städel-Gebäude durch einen auf die Flakstellungen zielenden Bombenangriff stark zerstört.

Historische Aufnahme des zerstörten Städel Museums, Institut für Stadtgeschichte, Frankfurt am Main

Historische Aufnahme des zerstörten Städel Museums, Institut für Stadtgeschichte, Frankfurt am Main

Die Spur verliert sich

Schließlich musste im Sommer 1944 der Auslagerungsort Ziegenberg in kürzester Zeit aufgelöst werden. Am 20. Juli 1944 erreichte das Museum die dramatische Nachricht, Ziegenberg müsse „sofort geräumt“ werden, „da es seiner ursprünglichen militärischen Verwendung wieder zugeführt“ werde. Das bereits durch Einberufung vieler Mitarbeiter in den Kriegsdienst stark dezimierte Personal des Museums musste den Auslagerungsort nun innerhalb von zwei Wochen restlos leeren. Nur eine Woche später ging die Landschaft mit dem Propheten Bileam mit einem der ersten Transporte von Ziegenberg im Taunus in das circa 100 Kilometer entfernte Amorbach im Odenwald, wo das Gemälde in einer ehemaligen Benediktinerabtei aus dem 18. Jahrhundert  untergebracht wurde – zusammen mit gut 400 anderen Gemälden. Das Gebäude wurde mit einem Schild des Oberkommandos der Wehrmacht versehen. Es enthielt den Hinweis, dass hier „wertvolles deutsches Kulturgut aufbewahrt“ sei. Die dort ausgelagerten Kunstwerke  konnten bis zum Ende des Krieges von Mitarbeitern des Städel nie mehr kontrolliert werden.

Historische Aufnahme des Konventsgebäudes in Amorbach, Städel-Archiv, Frankfurt am Main

Historische Aufnahme des Konventsgebäudes in Amorbach, Ansicht mit Ortskern von Westen, © Bildarchiv Foto Marburg / Foto: unbekannt; Aufn.-Datum: 1940/1949 - Rechte vorbehalten

Liste (Auszug) der in Amorbach ausgelagerten Kunstwerke,  Städel-Archiv, Frankfurt am Main

Liste (Auszug) der in Amorbach ausgelagerten Kunstwerke, Städel-Archiv, Frankfurt am Main

Als amerikanische Truppen im März 1945 den Main erreichten, waren bis dahin fast 75 Luftangriffe auf Frankfurt geflogen worden. Ende März 1945 protokollierte der Direktor der Städtischen Galerie im sogenannten Kriegstagebuch des Museums: „Die Brücken werden gesprengt ... 6 Deutsche Soldaten, die im Keller und Grundstücke des Liebieghauses Schutz suchten, werden von Anthes, der allein den Dienst versieht, entwaffnet ... Die ersten Panzer tauchen auf ... Um 15 Uhr wird das Liebieghaus zum ersten Mal von Amerikanern durchsucht.“ Und etwas später der Eintrag: „8.4.-14.4. Wir bemühen uns um Off Limits für die Museumsgebäude und die Auslagerungsstellen.“

Es herrschte immer noch Krieg, als der Kustos des Historischen Museums, Dr. Albert Rapp, im April 1945 nach Amorbach reiste, um dort nach den Beständen der Frankfurter Museen zu schauen. Inzwischen waren dort amerikanische Besatzungstruppen eingetroffen. Er berichtete folgendes: „Dort fand ich das Schloss vom Militär belegt. Unsere Depoträume waren geöffnet und weitgehend geplündert worden ... Gemälde waren beschädigt, mehrere von den leer dastehenden Keilrahmen abgeschnitten und verschwunden ...“ Etwa 60 Gemälde konnte Rapp an einen sicheren Ort und in die Obhut der amerikanischen Militärregierung bringen – die Spur der Landschaft mit dem Propheten Bileam verliert sich hier.

Die Umlagerung dieser Gemälde nach Schloss Büdingen passierte unter der Aufsicht eines gewissen Lieutenant Sinclair Robinson. Es gelang ihm auf diesem Transport, sich insgesamt sechs Gemälde, darunter fünf aus dem Besitz des Städel anzueignen. Unter den von Robinson entwendeten Amorbacher Werken befand sich unter anderem auch die Freistunde im Amsterdamer Waisenhaus von Max Liebermann. Der Fall Robinson ist unter der Bezeichnung The Büdingen Affair in die Geschichte eingegangen.

Max Liebermann, Freistunde im Amsterdamer Waisenhaus, 1881 – 1882, Öl auf Leinwand, erworben 1900, 1945 am Auslagerungsort abhandengekommen, wiedererworben 1964, Eigentum des Städelschen Museums-Vereins e.V.

Max Liebermann, Freistunde im Amsterdamer Waisenhaus, 1881 – 1882, Öl auf Leinwand, erworben 1900, 1945 am Auslagerungsort abhandengekommen, wiedererworben 1964, Eigentum des Städelschen Museums-Vereins e.V.

Ungeklärt ist jedoch, was mit den restlichen Gemälden passierte, die vermutlich bereits im März 1945 am Auslagerungsort Amorbach unter bis dato ungeklärten Umständen verschwanden. Etwa drei Monate nachdem Rapp den Auslagerungsort besichtigt hatte – mittlerweile war der Krieg zu Ende – gelang es zwei Mitarbeitern des Städel schließlich, mit dem Fahrrad nach Amorbach zu fahren, um dort eine Bestandsaufnahme zu machen und das Depot für die Räumung vorzubereiten. Sie verzeichneten in einem Bericht den Verlust von mehr als zwanzig Gemälden, darunter auch die Landschaft mit dem Propheten Bileam.

Die Bestände, die nach der Sicherung der 60 Werke noch in Amorbach waren, wurden zu einem späteren Zeitpunkt dann  an den Central Collecting Point im Landesmuseum in Wiesbaden transportiert, einer Sammelstelle, die die Monuments Men, der amerikanische Kunstschutz, dort eingerichtet hatten. Der damalige Direktor des Städel, Ernst Holzinger, war als Chief German Expert in die Aktivitäten der Monuments Men eingebunden und half bei der Inventarisierung, Prüfung und Rückführung der Kunstwerke. Dem zuständigen amerikanischen Officer dort berichtete er im Januar 1946: „Amorbach, Archives!... the building was broken into after the American occupation.“ Über die dort abhanden gekommenen Gemälde des Städel schrieb er: „The American army is investigating the loss of six of them that were taken by an American lieutenant ... No trace of the other paintings that are missing.“

Städel Direktor Ernst Holzinger, Central Collecting Point Wiesbaden, ca. 1947, National Archives, Washington, D.C.

Städel Direktor Ernst Holzinger, Central Collecting Point Wiesbaden, ca. 1947, National Archives, Washington, D.C.

Man begann daraufhin, nach den Kunstwerken zu fahnden: Bereits im August 1946 erstellte das Städel einen Katalog, in dem die verlorenen Gemälde abgebildet und dokumentiert wurden. Er wurde in einer Auflage von 800 gedruckt und an Museen und Polizeistationen sowie zahlreiche Kunsthistoriker und Kunsthändler verschickt.

Painting found

Mehr als 70 Jahre dauerte es, bis die Landschaft mit dem Propheten Bileam wieder aufgefunden wurde und ins Städel zurückkehren konnte: „Painting found?“ lautete die Betreffzeile der Email, die Anfang des Jahres 2018 beim Städel einging. Nach einer Recherche in der Datenbank lostart.de, in der das Museum seine vermissten Werke seit 2001 registriert hat, war eine amerikanische Privatbesitzerin und Kunsthistorikerin fündig geworden, die das Gemälde von ihrem Vater geerbt hatte. Sie hatte daraufhin das Museum kontaktiert. Dank ihrer großzügigen Geste, der Rückgabe des Gemäldes, ist es heute wieder neben seinem Pendant, Der Raub des Hylas, im ersten Raum des modernen Flügels zu bewundern.

In der Galerie der Kunst der Moderne hängen nun drei Gemälde von Joseph Anton Koch, ganz rechts die „Landschaft mit dem Propheten Bileam und seiner Eselin“


Iris Schmeisser ist Provenienzforscherin und leitet das Städel Archiv. Laura Vollmers ist wissenschaftliche Hilfskraft im Städel Archiv und studiert Kunstgeschichte mit Schwerpunkt Provenienzforschung. Sie hat die handschriftlichen Dokumente zum Ankauf des Gemäldes im Jahr 1832 recherchiert und entziffert.

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