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Dr. Joachim Jacoby (1956 – 2020)

Am 16. September ist plötzlich und unerwartet Dr. Joachim Jacoby verstorben, der für die Graphische Sammlung über 15 Jahre hinweg geforscht und kuratiert hat. Das Städel Museum hat ihm viel zu verdanken.

Martin Sonnabend — 12. Oktober 2020

 

Joachim Jacoby hat in Hamburg, London und Rom Kunstgeschichte studiert und ist 1984 mit einer Arbeit über Raffaels Stanza dell’Incendio, einen der päpstlichen Staatsräume im Vatikan, promoviert worden. Danach arbeitete er für das Herzog Anton Ulrich-Museum in Braunschweig und als freier Kunsthistoriker. Seine Tätigkeit für die Graphische Sammlung im Städel Museum begann 2005 mit einem kritischen Werkkatalog der Zeichnungen Adam Elsheimers.

Adam Elsheimer, Die Verleugnung Petri, ca. 1600 - 1605

Adam Elsheimer, Die Verleugnung Petri, ca. 1600 – 1605, Public Domain, Städel Museum, Frankfurt am Main

Elsheimer, ein aus Frankfurt stammender und nach Rom gewanderter Maler, war einer der prägenden Künstler des sich um 1600 herausbildenden Frühbarock. Das Städel Museum war ihm schon immer eng verbunden, mit Werken in der Gemälde-, der Zeichnungs- und der Druckgrafiksammlung sowie durch Ausstellungen und Forschungsbeiträge. Elsheimers zeichnerisches Werk hat die Wissenschaft lange vor schwierige Fragen gestellt. Joachim Jacobys 2008 veröffentlichtes Buch Die Zeichnungen von Adam Elsheimer hat dieses Thema grundlegend und nachhaltig kunsthistorisch geordnet und ist heute ein Standardwerk in der Elsheimer-Forschung. Es steht beispielhaft für die außergewöhnliche Verbindung von höchster Genauigkeit im Detail, kunstgeschichtlich souveränem Überblick und unbestechlichem kennerschaftlichem Auge, die Joachim Jacoby als Wissenschaftler kennzeichnete.

Raffael, Studie zur "Disputa", ca. 1508 - 1509

Raffael, Studie zur Disputa, ca. 1508 – 1509, Städel Museum, Frankfurt am Main, Foto: Städel Museum – U. Edelmann

Sein zweites großes Folgeprojekt am Städel war die Ausstellung Raffael. Zeichnungen (2012/2013) – deutschlandweit die erste umfassende zu den Zeichnungen Raffaels. Sie nahm ihren Ausgangspunkt bei den kostbaren Raffael-Zeichnungen des Städel Museums. Joachim Jacoby konnte sie durch Leihgaben aus den bedeutendsten Sammlungen in Europa und Amerika ergänzen und damit anschaulich die Entwicklung des Zeichners Raffael präsentieren. Begleitend zu dieser vielbeachteten Ausstellung organisierte er im Januar 2013 ein international besetztes wissenschaftliches Kolloquium, dessen Ergebnisse 2015 publiziert wurden.

Tizian, Studie für den Heiligen Sebastian des Hochaltars in SS. Nazaro e Celso in Brescia, ca. 1519 - 1520

Tizian, Studie für den Heiligen Sebastian des Hochaltars in SS. Nazaro e Celso in Brescia, ca. 1519 – 1520, Städel Museum, Frankfurt am Main, Foto: Städel Museum – U. Edelmann

Zu diesem Zeitpunkt hatte Joachim Jacoby bereits den Auswahl-Bestandskatalog der italienischen Renaissancezeichnungen im Städel Museum vorgelegt. Die begleitende Ausstellung Raffael bis Tizian wurde 2014 und 2015 zunächst im Städel Museum und anschließend in der Fondation Custodia in Paris gezeigt. Der herausragende Katalog lieferte zahlreiche neue Erkenntnisse über einen der wertvollsten Sammlungsbestände der Graphischen Sammlung.

Die große Vertrautheit mit der Sammlung der Altmeisterzeichnungen im Städel Museum, die Joachim Jacoby über die Jahre seiner Arbeit im Städel Museum erlangt hatte, ermöglichte ein besonders aufwendiges und komplexes Projekt, das er 2015 begann und 2020 mit der Ausstellung Städels Erbe abschloss. Es handelte sich um die Rekonstruktion der umfangreichen Zeichnungssammlung des Museumsstifters Johann Friedrich Städel (1728-1816). Diesem Projekt kam auch eine Entdeckung zugute: Es war Joachim Jacoby gelungen, einen bis dahin geheimnisvollen, auf den Rückseiten von vielen Altmeisterzeichnungen im Städel Museum angebrachten Stempel einem bestimmten Pariser Kunsthändler zuzuordnen, über den Johann Friedrich Städel zahlreiche Werke erworben hatte. Joachim Jacoby publizierte diese Entdeckung 2018 in dem Buch Guillaume Jean Constantin 1755-1816. A Drawings Dealer in Paris (veröffentlicht von der Fondation Custodia, Paris).

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Joachim Jacoby bei einer Kuratorenführung in der Ausstellung „Städels Erbe“, für die er jahrelang den ursprünglichen Sammlungsbestand des Museumsgründers Johann Friedrich Städel erforscht hat; Foto: Städel Museum – Norbert Miguletz

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Joachim Jacoby bei einer Kuratorenführung in der Ausstellung „Städels Erbe“, Foto: Städel Museum – Norbert Miguletz

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Ausstellungsansicht „Städels Erbe“, Foto: Städel Museum – Norbert Miguletz

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Ausstellungsansicht „Städels Erbe“, Foto: Städel Museum – Norbert Miguletz

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Ausstellungsansicht „Städels Erbe“, Foto: Städel Museum – Norbert Miguletz

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Ausstellungsansicht „Städels Erbe“, Foto: Städel Museum – Norbert Miguletz

In einer akribischen Recherche gelang es ihm, etwa 3000 Zeichnungen zu identifizieren, die früher einmal Bestandteil der Zeichnungssammlung von Johann Friedrich Städel gewesen sind. Damit wurde nicht nur die Herkunft vieler Zeichnungen im Bestand geklärt, auch über den Stifter selbst, die Art und Weise und die Beweggründe seines Sammelns kamen viele neue Einsichten ans Licht. Alles das fasst der Katalog Städels Erbe zusammen. Die gleichnamige Ausstellung ging nur wenige Wochen vor Joachim Jacobys unerwartetem Tod zu Ende. Er starb, als er gerade im Begriff war, ein neues Forschungsprojekt für die Graphische Sammlung im Städel Museum zu beginnen.

Mit Joachim Jacoby haben wir nicht nur einen national wie international hoch geschätzten, brillanten Wissenschaftler und Kenner auf dem Gebiet der Altmeisterzeichnungen verloren; er wird uns auch fehlen als ein durch seine Fröhlichkeit, seine warmherzige Zugewandtheit und Hilfsbereitschaft allseits beliebter Kollege und Freund.

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Joachim Jacoby (1956 – 2020), Foto: privat


Martin Sonnabend ist Leiter der Graphischen Sammlung bis 1750.

Viele der Projekte, an denen Joachim Jacoby fürs Städel Museum arbeitete, wurden von der Stiftung Gabriele Busch-Hauck, Frankfurt am Main, gefördert.

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