Seit Herbst 2014 finden im Frankfurter Städel Museum regelmäßig Führungen mit an Demenz erkrankten Menschen und ihren Angehörigen statt. Das Angebot ARTEMIS ist eingebettet in eine wissenschaftliche Forschungsstudie der Goethe-Universität Frankfurt am Main.
Im Städel Museum diskutierten wir bereits seit einiger Zeit über ein geeignetes Führungsformat für Menschen mit Demenz. Als Mitarbeiter der Goethe-Universität Frankfurt am Main vom Arbeitsbereich Altersmedizin auf die Abteilung Bildung & Vermittlung zukamen, wurde schnell deutlich, dass hier eine ganz einzigartige Zusammenarbeit entstehen kann. Ziel war, eine wissenschaftlich fundierte Studie zur interaktiven Kunstvermittlung und den therapeutischen Potenzialen von Kunsttherapie bei demenziellen Erkrankungen umzusetzen – die Idee, für das Projekt ARTEMIS (ART Encounters: a Museum Intervention Study) war geboren! Damit konnten wir eine ideale Arbeitsgrundlage für zukünftige Angebote für diese Zielgruppe im Museum schaffen.
Den Auftakt des Projekts ARTEMIS bildete eine intensive, mehrwöchige Schulungsreihe für die in dem Projekt involvierten Kunstpädagogen des Städel Museums. Die Mitarbeiter der Universität informierten über das Krankheitsbild und den Verlauf einer Demenzerkrankung. Vor allem die Kommunikation mit den Erkrankten und ihren Begleitpersonen stand dabei im Fokus: Wie spreche ich mit einem Menschen, der an Demenz erkrankt ist? Soll ich ihn mit Aufgaben fordern oder lieber nur unterstützend zur Seite stehen? Was kann man den Teilnehmern zumuten und wodurch überfordert man sie? All diese Punkte wurden intensiv diskutiert. Gut vorbereitet konnte das Projekt nun im Herbst 2014 starten.
Sechs Führungsthemen mit anschließender themenbezogener Atelierarbeit wurden vom Städel und der Goethe-Uni gemeinsam entwickelt. Wichtig war, dass die Teilnehmer unterschiedliche Kunstepochen und Themen mit eigenen persönlichen Alltagssituationen verbinden können. Aber welche der Themen sind wirklich geeignet? Und welche würden zu viel Vorwissen und Konzentration abverlangen? Es entwickelten sich unterschiedliche Themen wie beispielsweise „Das menschliche Gesicht“, „Frankfurt am Main“ oder „Die Farbe Blau in der Kunst“. Es stellte sich heraus, dass es während der Führungen besonders wichtig ist, gemeinsam eine ruhige und persönliche Atmosphäre zu schaffen. Der Kunstvermittler steht dabei in einem intensiven Austausch mit den Teilnehmern: Welche Gefühle werden hervorgerufen? Wer könnte auf dem Bild dargestellt sein? Weckt das Kunstwerk bestimmte Erinnerungen? Dabei steht jedoch nicht im Vordergrund, kunsthistorisches Wissen zu vermitteln, sondern mit den Teilnehmern über die Kunst in ein anregendes Gespräch zu kommen. Die Teilnehmeranzahl einer Gruppe ist auf circa 10 Personen festgelegt. Die Gruppe trifft sich mit den Kunstvermittlern und den Mitarbeitern der Goethe-Uni an sechs aufeinanderfolgenden Terminen einmal die Woche im Museum. Bisher haben 28 an Demenz erkrankte Personen und ihre Angehörigen die Forschungsstudie durchlaufen.
Nach den Gesprächen über die Werke, erwartet die Teilnehmer in den Städel Ateliers ein künstlerischer Workshop. Von der Arbeit mit Druckplatten oder dem Anfertigen von Collagen bis hin zu Malen mit Acrylfarben bieten wir ein großes Spektrum an Möglichkeiten zur kreativen Entfaltung. Doch Pilotprojekte erfordern auch immer nachträgliche Anpassungen. Schnell erkannten wir, dass einige Workshops und Materialien zu aufwendig und in der Abfolge zu detailreich konzipiert waren. Stattdessen konzentrierten wir uns darauf, die tatsächlichen Bedürfnisse der Demenzkranken noch stärker in den Angeboten zu berücksichtigen. Schnell stellten sich Workshop-Favoriten bei den Teilnehmern heraus: Das Malen zu klassischer Musik oder das Arbeiten mit Ton sind besonders beliebt. Immer wieder wurde deutlich, dass haptische Erlebnisse und assoziatives Arbeiten weitaus wichtiger sind als aufwendige Materialschlachten.
Ein Punkt steht klar im Zentrum des Projektes: Der an Demenz Erkrankte und seine Begleitperson sollen sich im Museum wohl fühlen. Nicht die Defizite werden hervorgehoben, sondern vorhandene Potenziale gefördert. Auch die Angehörigen, ob Ehepartner, Kind oder Pflegekraft, sollen erleben können, dass nicht immer nur die Krankheit im Mittelpunkt steht. So formulierte eine der Studienteilnehmerinnen: „Das ist für uns Angehörige auch mal etwas anderes. Da dreht sich mal nicht alles um die Krankheit. Das hier wirkt sich wirklich positiv auf die Demenz aus.“
Ziel von ARTEMIS ist nicht nur, dass die Teilnehmer auf andere Gedanken kommen, sondern dass die visuellen Impulse, das Sprechen über Kunst und das eigene Gestalten im Anschluss das Erinnerungsvermögen stimulieren. Gerade in der kreativen Arbeit können viele Patienten wieder Ausdrucksformen finden, auch wenn das Sprachvermögen bereits eingeschränkt ist. So entstehen Erfolgserlebnisse, die letztlich zu einer größeren Zufriedenheit führen. Und fast nebenbei kann damit auch die Beziehung zwischen Demenzkranken und ihren Begleitpersonen gestärkt und verbessert werden.
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