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Close up

Gegenwartskunst ist unserer heutigen Lebensrealität am nächsten, trotzdem lässt sie viele ratlos zurück. Jetzt hat das Städel im wahrsten Sinne des Wortes Raum für Fragen und Wissen geschaffen: CLOSE UP nimmt die Sammlung unter die Lupe – im Original und digital.

Anne Dribbisch — 24. Juli 2020

Was macht eine Skulptur aus Schokolade im Museum? Gehören die Nachttische oder die ausgerollten Teppiche zur Ausstellung? Und warum wird ein fotografiertes Blatt Fotopapier ausgestellt? Gerade die jüngere Kunst scheint manchmal schwer greifbar. Wieso aber stellen uns ausgerechnet die Werke, die uns – zeitlich gesehen – am nächsten stehen, vor solche Herausforderungen? Aus dieser Ausgangsfrage ist ein Projekt entstanden, das nun einen festen Platz in den Gartenhallen hat: CLOSE UP heißt der neue Vermittlungsraum, der sich schon aus der Ferne ankündigt, wenn man durch die weitläufigen, weißen Gartenhallen läuft. Dort, wo der kanariengelbe Farbverlauf leuchtet, treffen nun originale Kunstwerke auf traditionelle Vermittlungsmedien – Wandtexte und Kataloge – und auf digitale Anwendungen. Was passiert hier genau?

CLOSE UP in den Gartenhallen, Städel Museum



Ausstellungsansichten CLOSE UP

Nicht nur die Farbe ist neu. Das Frankfurter Design-Büro very und buero.us haben den Raum gestaltet, inklusive neuer Sitzmöbel: Die Besucherinnen und Besucher sollen in CLOSE UP verweilen und sich ganz auf das aktuelle Fokus-Thema einlassen können. Darum geht es nämlich: Regelmäßig nimmt CLOSE UP Fragestellungen und Werke der Kunst nach 1945 unter die Lupe, immer entlang der Städel Sammlung. Den Anfang bildet das Thema „Malerei und Fotografie“. Ein Gemälde und zwei Fotografien von Sigmar Polke, Wolfgang Tillmans und Jörg Sasse stehen dabei im Mittelpunkt.

Sigmar Polke, Ohne Titel, 1975

Sigmar Polke, Ohne Titel, 1975, Fotoemulsion und Acryl auf Leinwand, Sammlung Deutsche Bank im Städel Museum, Städel Museum, Frankfurt am Main, © The Estate Sigmar Polke, Cologne / VG Bild-Kunst, Bonn 2020

Wolfgang Tillmans, paper drop (window), 2006

Wolfgang Tillmanns, paper drop (window), 2006, C-Print im Künstlerrahmen, Städel Museum, Frankfurt am Main, Eigentum des Städelschen Museums-Vereins e.V., © Wolfgang Tillmans

Jörg Sasse, 7127, 2003

Jörg Sasse, 7127, 2003, C-Print, DZ BANK Kunstsammlung im Städel Museum, Städel Museum, Frankfurt am Main, © VG Bild-Kunst, Bonn 2020

Drei Kunstwerke, mehr nicht, es ist eine intime Präsentation. Sie konzentriert sich ganz auf die Frage, die diese Werke vereint: Wo Fotografie aufhört und Malerei anfängt – oder eben umgekehrt. Die Besucherinnen und Besucher sind eingeladen, vor den Kunstwerken zu Fragestellungen zu recherchieren. Die verschiedenen Medien, die ihnen zur Seite stehen, berücksichtigen dabei die diversen Vorkenntnisse und Erwartungen. CLOSE UP ermöglicht sowohl einen direkten und zum Teil spielerischen Zugang als auch eine intensive Beschäftigung – eine Art Selbststudium der Kunst mit all ihren Themen und Diskursen.

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Ein zentrales Werkzeug in CLOSE UP ist die neue digitale Anwendung, die sowohl über Tablets als auch über das Städel WiFi auf dem eigenen Smartphone abrufbar ist. Die Nutzerinnen und Nutzer können aus drei verschiedenen Modulen wählen und erhalten – abgestimmt auf das eigene Interesse – Zugang zu Künstlerinterviews, Digitiorials® und Filmen. Interaktive Module führen spielerisch durchs Thema. Und wer sich zuhause weiter vertiefen will, bekommt das Ganze als Take-Away, also per Email zugeschickt.

Wieso haben viele Besucherinnen und Besucher nun aber eigentlich so viele Fragezeichen im Kopf bei der Beschäftigung mit zeitgenössischer Kunst?

Lange Zeit stand die Qualität der Ausführung im Mittelpunkt der Kunstbetrachtung: Neben der Idee hinter dem Werk wurden eine möglichst naturgetreue Wiedergabe der Umgebung sowie technisches Können und ausgewogene Kompositionen geschätzt. Spätestens seit Marcel Duchamp ab den 1910er- Jahren Gebrauchsgegenstände wie ein Pissoir oder Flaschentrockner zur Kunst erklärte, scheint aber die Grenze zwischen Kunst und Alltag zu verschwimmen. Die Definition dessen, was Kunst ist oder sein kann, hat sich in der Folge stark gewandelt. So erklärt sich, dass auch im Städel Museum Milchdosen, Teppichrollen, ein Haufen Sand oder eben eine Schokoskulptur ausgestellt sind. Die Begegnung mit dem Ungewohnten, nicht im klassischen Sinne „Künstlerischen“, steht also bei der Betrachtung oft im Weg. Und gerade da setzt die Kunstvermittlung an: individuelle Zugänge auf Augenhöhe ermöglichen, Neugierde wecken und Selbstlernprozesse anregen. CLOSE UP will den Besucherinnen und Besuchern Werkzeuge an die Hand geben, um sich eigenständig mit Kunst auseinandersetzen zu können. Dabei geht es um künstlerisch-ästhetische und materialtechnische Aspekte genauso wie um größere kulturgeschichtliche oder gesellschaftspolitische Zusammenhänge.

Noch spannender wird die Gegenwartskunst am Städel aber, wenn man gemeinsam hinschaut und diskutiert. Daher wird CLOSE UP durch regelmäßige Führungsformate vor Ort ergänzt. Und wer es sich einfach in dem neuen Raum bequem machen und die Kunst auf sich wirken lassen möchte – auch das ist möglich.


Anne Dribbisch ist seit Februar 2019 Volontärin in der Bildung & Vermittlung des Städel. Die Zusammenarbeit mit der Abteilung Gegenwartskunst, allen voran mit ihrer Kollegin Svenja Grosser, war für sie eine inhaltliche wie persönliche Bereicherung. Auf das nächste Thema von CLOSE UP freut sie sich schon sehr.

CLOSE UP ist ein Gemeinschaftsprojekt der Abteilungen Sammlung Gegenwartskunst und Bildung & Vermittlung und wurde von Anne Dribbisch und Svenja Grosser geleitet. Eine Übersicht über alle Digitalen Angebote des Städel gibt es hier, die aktuellen Vermittlungsangebote vor Ort hier.

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