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Der Fallrückzieher Gottes

Die Welt staunt über das Kabinettstück des Fußballers Cristiano Ronaldo. Schön ist aber auch das eine oder andere Vorbild.

Christian Thomas — 6. April 2018

Außerirdisch, ja völlig losgelöst. Selbstverständlich ist das nicht, auch wenn es die beiden hier gezeigten Bilder anders darstellen. Denn der Mensch ist ja nicht so ohne Weiteres für das Übermenschliche gemacht. Allein in der Kunst will ihm das gelegentlich gelingen – manchmal auch in einer solchen Kunstsparte wie dem Fußball.

Der Kupferstich von 1588 zeigt Hendrick Goltzius‘ „Phaeton“ aus der Folge der „Vier Stürzenden“ (Städel Museum). Der Portugiese Cristiano Ronaldo (links) machte am 3. April 2018 ähnliche Bewegungen (Quelle: Frankfurter Rundschau).

Der Kupferstich von 1588 zeigt Hendrick Goltzius’ „Phaeton“ aus der Folge der „Vier Stürzenden“ (Städel Museum). Der Portugiese Cristiano Ronaldo (links) machte am 3. April 2018 ähnliche Bewegungen (Quelle: Frankfurter Rundschau).

Beide haben sehr starke Affinitäten, nur zu offensichtlich die gegenseitigen Anziehungskräfte. Haben doch beide, die Kunst und die Fußballkunst, mit dem Körper zu tun, mit der Beherrschung des Körpers. Der Maler, der die Darstellung des Körpers nicht beherrscht, ist keiner. Der Fußballer, der nicht seinen Körper beherrscht und damit den Ball, ist eine Graupe.

Fußballkunst und Kunst, was beide ebenfalls verbindet, ist der Drang zur Grenzüberschreitung. Im Grunde möchte der Mensch nicht immerzu ein Wesen sein, das nur Behäbigkeit ausdrückt, Erdanziehung! Manchmal möchte der Mensch mehr als nur ein Behältnis aus Gewicht sein, kein nasser Sack, kein Körper bloß aus Schwerkraft.

Der Mensch möchte schweben

Ab und zu möchte er nämlich schweben, wenigstens für einen Moment. Ein Mensch sein, zur richtigen Zeit am richtigen Ort, nämlich zwischen Himmel und Erde. Zu diesem magischen Moment gehört im besonderen Maße der Fallrückzieher. Neben den athletischen Fähigkeiten zählt zu ihm eine ausgefeilte Technik, ein akkurater Bewegungsablauf, nicht zuletzt exaktes Timing. Den Ball so zu treffen, wie ihn jetzt der Spieler von Real Madrid traf, Ronaldo, im Spiel gegen Juventus Turin, dabei schwebend, dann, während der Ball die Torlinie überflog, auf dem grünen Rasen landend, ohne sich den Hals zu brechen oder die Schulter: All das ist wahrhaftig nicht jedem Menschen gegeben.

Allerdings gibt es nur wenige Dinge unter der Sonne, also auch im Fußball, die nicht von der Kunst vorweggenommen worden sind, so auch in diesem Fall. Es war der Niederländer Hendrick Goltzius, der den Fallrückzieher antizipierte, 1588 in einer Serie von stürzenden Helden. Ein Niederländer also! Ja, ein Zeitgenosse Rembrandts, und wie dieser auch ein Filigrantechniker des Kupferstichs. Sicher, Goltzius’ Darstellung des Phaeton war im Grunde ein Sturz, Folge eines göttlichen Gerichts, verhängt über Leichtsinn und Übermut. Die Darstellung eines Taumels zwischen Himmel und Erde war nicht nur schön, trotz aller scheinbaren Überwindung der Schwerkraft.

Trotz Getue und Gehabe - das Tor ist aus einer eigenen Welt

Wie oft muss der Mensch im Alltag seiner menschlichen Misere zusehen, sobald er nur an sich herunterschaut. Kaum etwas Erbauliches, wenig, um aufzuschauen. Das muss aber nicht immer so sein, wenn man sieht, wie er sich immer wieder beflügeln lässt, von der Kunst oder vom Fußball – und wo der Fußball als Kunstwerk zelebriert wird wie jetzt wieder von dem Stürmer Ronaldo, weiß man, dass das Kunstwerk nach eigenen Maßstäben zu beurteilen ist. Denn so sehr einem das Gehabe und Getue Ronaldos auf den Geist gehen kann – der Fallrückzieher ist, wie jedes Kunstwerk, aus einer eigenen Welt.

Der Fallrückzieher Gottes, mit Name, Absender und Datum. Dennoch, der antike Held hat es längst vorgemacht, selbst einem so aktuellen Fußballheroen wie Ronaldo. Handelt es sich bei der Großtat des Ronaldo um so etwas wie eine Renaissance? Der Wiederentdeckung einer alten Sage? Sagen haben es so an sich, dass man leicht ins Schwärmen kommt, zu Recht, dass man dabei aber durchaus den Blick für die Geschichte verliert, für Menschengemachtes. Denn so grandios die Tat des Stürmers, soeben erst – Fallrückzieher haben das Publikum immer wieder mal verzaubert.

Wer erinnert sich nicht? Nur die Fußballtattergreise? Unvergessen die Großtaten eines Fritz Walter, zwischen Himmel und Erde. Unvergessen das Jahrhunderttor eines Klaus Fischer. Oder doch vergessen? Wer es einmal nur selbst versucht hat, weiß, welche Tücke damit verbunden ist. Allein schon die Koordination von Standbein und Spielbein, der Absprung, der Scherenschlag mit beiden Beinen über dem Kopf, die Rolle des Standbeins, weiterhin über dem Kopf, wichtig als Gegengewicht, damit das Spielbein überhaupt ausholen kann, zum Tritt gegen den Ball. Kein gelungener Fallrückzieher, der nicht mit einem eher kleinen Trippelschritt für den Fußballer anfängt.

Die Choreographie Ronaldos

Körperspannung, Körperkoordination, dass es aussieht wie choreographiert. Es gibt nicht viele Fußballtaten unter der Sonne, die aus dem Mannschaftssportler einen solchen Solisten machen – außer vielleicht schon im nächsten Moment den Torwart, der sich nach dem Ball streckt, nicht selten ebenfalls schwebend zwischen Himmel und Erde, triumphierend oder taumelnd, aber das ist eine andere Geschichte aus dem Reich von Künstlern, die ununterbrochen beschäftigt sind mit einer so hochkomplizierten wie hochkomplexen Betätigung des Menschen, dem Fußballspiel.

Körperbeherrschung, Bewegungsablauf, Ballbehandlung – kein genialer Fallrückzieher ohne diese gelungene Trias. Ja, der Fußball ist wahrhaftig nicht nur für die bodenständigen Fußballer gemacht. Wo ein gelungener Fallrückzieher ins Spiel kommt, ist der Fall so göttlich wie rund.


Christian Thomas leitet das Feuilleton der Frankfurter Rundschau.

Dieser Text wurde zuerst in der Frankfurter Rundschau veröffentlicht.

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