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Der Herr der Jahresringe

Zurzeit werden die letzten Tafelbilder der Alten Meister im Städel dendrochronologisch untersucht. Für uns die Gelegenheit, einem Experten für Holzartenbestimmung und -datierung, Peter Klein, bei seiner Arbeit über die Schulter zu schauen.

Fabian Wolf — 9. September 2015
Peter Klein misst die Jahrringe eines deutschen Barockgemäldes des späten 18. Jahrhunderts: Johann Andreas Herrlein, Frau und junger Mann am Fenster, um 1770-80, 23,4 x 20,9 cm, Städel Museum, Frankfurt am Main. Foto: Städel Museum

Peter Klein misst die Jahrringe eines deutschen Barockgemäldes des späten 18. Jahrhunderts: Johann Andreas Herrlein, Frau und junger Mann am Fenster, um 1770-80, 23,4 x 20,9 cm, Städel Museum, Frankfurt am Main. Foto: Städel Museum

Aus welcher Stilepoche ein Gemälde stammt, erkennt man oft schon auf den ersten Blick. Möchte man die Entstehungszeit aber genauer wissen, hilft bei undatierten Tafelbildern neben Stilkritik auch die Wissenschaft vom Baumalter, die so genannte Dendrochronologie. Auf sie wird in der kunstgeschichtlichen Forschung schon seit den 1970er Jahren zurückgegriffen. Die Methode basiert auf der Tatsache, dass Bäume Jahresringe ausbilden, die je nach den klimatischen Bedingungen für das Wachstum in einem Jahr breiter oder dünner ausfallen. Misst man die Jahresringe der als Bildträger verwendeten Bretter, bekommt man eine Abfolge von Zahlen, die wiederum mit bereits bekannten Daten abgeglichen werden können. Über die Einmaligkeit der Jahrringcharakteristik vergangener Jahrhunderte und in Bezug auf verschiedene Wuchsgebiete lässt sich oft eine Datierung und gleichzeitig eine regionale Zuordnung des Holzes erreichen! Dabei lässt sich jedoch nur das frühestmögliche Fälldatum genau angegeben, nach dem das Gemälde entstanden ist ­– der Fachmann spricht von einem „terminus post quem“. In welchem Jahr das Bild letztlich gemalt worden ist, lässt sich aufgrund von Faktoren wie Splintholzverschnitt und Lagerzeiten nur abschätzen, allerdings vergehen zwischen Fällung und Nutzung erfahrungsgemäß nur wenige Jahre. Bereits seit Anfang der 1990er werden im Städel Museum sukzessive alle Tafelbilder der Alten Meister dendrochronologisch untersucht. Stets werden die Untersuchungskampagnen von Prof. Peter Klein aus Hamburg durchgeführt, der weltweit zu den größten Experten auf diesem Gebiet zählt. Wie der Dendrochronologe bei seiner Arbeit mit unseren Gemälden konkret vorgeht, haben wir für Euch in Wort und Bild dokumentiert.

Kaum zu erkennen: So klein sind die Proben, die für die Holzartenbestimmung unter dem Mikroskop entnommen werden. Foto: Städel Museum

Kaum zu erkennen: So klein sind die Proben, die für die Holzartenbestimmung unter dem Mikroskop entnommen werden. Foto: Städel Museum

Buche, Eiche, Pappel oder Linde? – Holzartenbestimmung

Jede Holzart wächst anders. Linden und Ahorn wachsen jedoch zu ungleichmäßig, als dass eine statistische Bestimmung möglich wäre. Bei Pappelholz reicht wiederum die Anzahl der Jahrringe nicht aus, um Vergleichskurven zu erstellen. Wieder andere Arten sind so selten als Bildträger verwendet worden, dass uns schlicht die Datenbasis fehlt. Der erste Schritt besteht also immer darin, die Holzart des Tafelbildes zu bestimmen. Die auf der Rückseite erkennbare Farbe und Struktur von Eichen- bzw. Buchenholz ist so charakteristisch, dass sich diese Holzarten beispielsweise schon mit bloßem Auge identifizieren lassen. In anderen Fällen werden winzige Proben entnommen, die dann im Labor mit dem Mikroskop auf Faserstruktur und sonstige Eigenschaften hin untersucht werden.

Vorher – nachher: Das Einreiben mit Kreide erhöht die Lesbarkeit der Jahresringe. Foto: Städel Museum

Vorher – nachher: Das Einreiben mit Kreide erhöht die Lesbarkeit der Jahresringe. Foto: Städel Museum

Schneiden, Bürsten, Einreiben – Vorbereitung der Tafel

Die Jahresringe werden in der Regel an der Ober- oder Unterkante der Bildtafel abgelesen, doch meist ist die Ringfolge durch altersbedingte Verschmutzung oder Nachdunkeln nicht mehr auszumachen. Zwar reicht es oft schon die Kante mit der Bürste zu reinigen oder speziell bei Buchenholz, sie mit Kreide einzureiben, um die Ringe sichtbar werden zu lassen, doch muss manchmal auch die oberste Schicht mit einer Rasierklinge abgetragen werden, damit man die Jahrringe eindeutig sehen kann.

Sorgfalt zählt: Die rückseitige Kante eines Tafelbildes wird abgetragen. Foto: Städel Museum

Sorgfalt zählt: Die rückseitige Kante eines Tafelbildes wird abgetragen. Foto: Städel Museum

„Klimawerte“ im Zehntelmillimeterbereich

Im nächsten Schritt werden die Maße der Einzelbretter notiert und mit der Lupe die Jahrringe abgezählt. Jeder zehnte wird markiert, um später bei der Vermessung und Dokumentation keinen Ring doppelt zu erfassen oder gar zu überspringen. Die Ringe werden mithilfe einer speziellen Handlupe auf den Zehntelmillimeter genau gemessen. Normalerweise lassen sich weniger als 50 Jahresringe nicht datieren, aber auch hier kommt es auf die Holzart und die Ausprägung der Jahresringstruktur an. Die diktierten Zahlenreihen werden in ein Formular eingetragen; bei breiteren Brettern, das heißt bei sehr alten Bäumen, kommen da schon mal über 300 Messwerte zusammen.

Eine präparierte Tafel mit hellem Anschnitt. Foto: Städel Museum

Von Holzbalken und Kurvendiagrammen – die Auswertung

Die Daten werden in ein Kurvendiagramm überführt und mit bekannten Verlaufskurven aus verschiedenen Zeiten und Regionen verglichen. Wie kommen die Holzforscher aber zu ihren Vergleichsdaten? Die systematische Wetteraufzeichnung gibt es ja schließlich erst seit gut 200 Jahren. Ganz einfach: Ist das Fälldatum eines Baumes bekannt, kann man zurückrechnen. Würde man heute beispielsweise eine jahrhundertealte Eiche fällen, könnte man den Wachstumsverlauf der letzten, sagen wir, 300 Jahre an einem bestimmten Ort ablesen. Vergleichswerte auch aus früheren Zeiten bieten etwa Holzbalken aus genau datierten Bauwerken und so konnte nach und nach eine große Datenbank aufgebaut werden, die den Wachstumsverlauf mehrerer Jahrhunderte in verschiedenen Gebieten abbildet. Der Abgleich mit diesen Daten geschieht dann nicht mehr hier im Museum, sondern im Labor. Die statistische Auswertung ist durchaus knifflig. Mit etwas Erfahrung lernt man aber auch die möglichen Fehlerquellen zu erkennen und auszuschalten, erläutert Peter Klein. Er muss es wissen. Der Mann hatte im Laufe seiner langjährigen Tätigkeit schon Tausende Tafelbilder vor der Lupe. Wir sind sehr gespannt auf seine Ergebnisse, die unter anderem in den geplanten Katalog unserer deutschen Barockgemälde Eingang finden werden!


Der Autor Fabian Wolf ist wissenschaftlicher Volontär in der Altmeister-Abteilung und interessiert sich außer für die Kanten und Rückseiten der Gemälde bisweilen auch für deren Vorderseiten.

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