Subtil statt knallbunt: Sammlungsbereiche erfinden sich immer wieder neu und sind ständig in Bewegung – was bringt die beliebten Meisterwerke der Sammlung neu zum Strahlen?
Auch Galerieräume bedürfen von Zeit zu Zeit eines Tapetenwechsels. Zehn Jahre nach der letzten grundlegenden Umgestaltung der Alten Meister im Städel Museum war es 2021 wieder soweit: Die Säle im Obergeschoss des Mainflügels erstrahlen nun in neuem Glanz und laden Besucherinnen und Besucher dazu ein, die Sammlung mit frischem Blick zu erkunden. Im Fokus des über ein Jahr lang geplanten Projekts stand die Präsentationsästhetik, die wir in jeder Hinsicht auf den neuesten Stand gebracht haben. Faszinierende Möglichkeiten eröffneten dabei die Weiterentwicklungen im Bereich der Beleuchtungstechnik, die scheinbar vertraute Gemälde zum Strahlen bringen wie nie zuvor und dennoch den Stromverbrauch reduzieren.
So wurde nicht nur die Kunstlichtzufuhr der Oberlichter in den großen Sälen auf LED umgestellt; auch die bislang mit punktuellen Spots ausgeleuchteten Seitenkabinette konnten mit eigens eingezogenen Lichtdecken auf LED-Basis diesem Standard angepasst werden. Damit wirkt die Lichtsituation deutlich einheitlicher und bringt die Farbigkeit der Bilder optimal zur Geltung, die nun eher leuchtend als beleuchtet erscheinen.
Dieser in jedem Raum individuell regulierbare Effekt ist höchst subtil und unaufdringlich, doch gleichzeitig macht er sich bei vielen Gemälden so überzeugend bemerkbar, dass es uns selbst erstaunt hat. Die große „Gewitterlandschaft mit Pyramus und Thisbe“ von Poussin gibt dafür ein eindrucksvolles Beispiel ab: Nie zuvor kam dort die Tiefe des Raumes so sehr zum Tragen, dass man das Gefühl hat, man könne förmlich in die Landschaft hineinspazieren.
Farbe ist eine Funktion des Lichts, und so haben wir uns erst nach der Entscheidung für ein Beleuchtungssystem an die Auswahl der Wandfarben gemacht. In den vergangenen zehn Jahren hatten bei den Alten Meistern intensive, kraftvolle Buntfarben dominiert, die vielleicht bisweilen auch mit den Bildern um Aufmerksamkeit konkurrierten. Unsere Wahl fiel auf ein dezidiertes Gegenkonzept, das die Besucherinnen und Besucher dazu herausfordern soll, die Gemälde neu zu sehen und über die Wirkung der Präsentationsästhetik auf die eigene Wahrnehmung zu reflektieren. Ein elegantes Understatement von fein aufeinander abgestimmten Grau-, Blau- und Grüntönen prägt nun die Räume und bietet einen Fond, der sich selbst zurücknimmt und die Bilder als Protagonisten der Präsentation unterstützt.
Auch Wand- und Labeltexte haben wir bei der Gelegenheit aktualisiert, ergänzt und dem neuen Design angepasst. Zudem bot sich die Möglichkeit, Neuerwerbungen aufzunehmen, die neue Kabinettausstellung „Doppelgänger“ einzurichten und die Hängung in verschiedenen Räumen zu modifizieren, insbesondere bei den holländischen und flämischen Gemälden, die nun nicht mehr nach Schulen getrennt, sondern thematisch gruppiert sind.
Seit kurzem sind schließlich diverse Meisterwerke, die in den letzten Monaten als Leihgaben in aller Welt unterwegs waren, in die Galerie zurückgekehrt: Botticelli, Bronzino, Ribera, Rembrandt, Vermeer – wir hatten sie schmerzlich vermisst und waren zugleich stolz, dass sie das Städel Museum in bedeutenden Ausstellungen repräsentiert und diese bereichert haben. Jetzt haben die Publikumslieblinge ihre angestammten Plätze wieder eingenommen, und die neue Gestaltung bereitet ihnen einen würdigen Empfang.
Jede Menge Gründe also, die einzigartige Sammlung Alter Meister im Städel Museum wieder einmal zu besuchen – im neuen Glanz.
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