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Zeitenwende

Mitten in der Weltwirtschaftskrise malte Lotte Laserstein 1930 ihr Hauptwerk „Abend über Potsdam“. Wie entstand das Gemälde? Und was sagt es über die Künstlerin und ihre Zeit aus?

Alexander Eiling — 19. Dezember 2018

Wer Lotte Lasersteins Gemälde Abend über Potsdam einmal gesehen hat, der wird es so schnell nicht wieder vergessen. Dabei passiert auf diesem großformatigen Werk eigentlich nicht viel: Auf einer Dachterrasse mit Blick über die Häuser der Stadt Potsdam haben sich ein paar Freunde zu einem bescheidenen Mahl versammelt. Auf dem blütenweißen Tischtuch sehen wir Birnen, Äpfel und zwei Laibe Brot. Auf dem Boden stehen Weinflaschen. Ein Hund döst zu Füßen seines Herrchens. Irritierend ist, dass die Dargestellten keinen Kontakt miteinander aufnehmen. Es findet kein Gespräch statt, keine Interaktion. Jeder scheint melancholisch versunken seinen Gedanken nachzuhängen. Man könnte die Szene daher eher als ein „Getrenntes Beieinander“ beschreiben.

Lotte Laserstein, Abend über Potsdam, 1930, Öl auf Holz, 111 x 205,7 cm, Nationalgalerie – Staatliche Museen zu Berlin, Foto: Staatliche Museen zu Berlin, Nationalgalerie / Roman März © VG Bild-Kunst, Bonn 2018

Lotte Laserstein, Abend über Potsdam, 1930, Öl auf Holz, 111 x 205,7 cm, Nationalgalerie – Staatliche Museen zu Berlin, Foto: Staatliche Museen zu Berlin, Nationalgalerie / Roman März © VG Bild-Kunst, Bonn 2018

Dieser Eindruck mag damit zusammenhängen, dass die dargestellte Zusammenkunft so nie stattgefunden hat. Zwar hatte Laserstein Freunde und Bekannte für ihre Komposition posieren lassen, diese aber im späteren Verlauf teilweise wieder übermalt oder ausgetauscht. Die Künstlerin war höchst kritisch mit Ihren Modellen und stets unzufrieden, wenn sie eine Pose nicht lange halten konnten. So kam es, dass Lasersteins Lieblingsmodell Traute Rose (im Gemälde links außen) zusätzlich für die Beine der Milchausgießerin zur Rechten einspringen musste. Am Ende wurde auch der unruhig gewordene Hund durch einen alten Pelz ersetzt. So beiläufig die Szene beobachtet wirken soll, so hochgradig geplant und konstruiert ist sie also.

Laserstein, Leonardo und Vermeer

Lasersteins Gemälde enthält darüber hinaus eine Reihe von kunsthistorischen Anspielungen. Es erinnert nicht zufällig an christliche Abendmahlsdarstellungen, etwa von Leonardo da Vinci. Doch setzt sie anstelle des dort mittig platzierten Christus nun eine junge Frau mit auffällig gelbem Oberteil ins Bild. Auch erinnert die Milchausgießerin an ein berühmtes Motiv von Jan Vermeer aus dem 17. Jahrhundert.

Johannes Vermeer, Dienstmagd mit Milchkrug, 1658-1660, Amsterdam, Rijksmuseum (Foto: Google Art Project)

Johannes Vermeer, Dienstmagd mit Milchkrug, 1658-1660, Amsterdam, Rijksmuseum (Foto: Google Art Project)

Die Künstlerin präsentiert sich damit als eine studierte Malerin, die spielend Versatzstücke aus der europäischen Kunstgeschichte in ihre Werke einbaut und in neue Sinnzusammenhänge stellt. Dies entspricht dem Selbstverständnis Lasersteins, die sich zeitlebens eher einer klassischen Malereitradition verpflichtet fühlte, als sich an den neuesten Trends in der Kunst zu orientieren.

Lotte Laserstein vor dem Gemälde „Abend über Potsdam“, fotografiert von Wanda von Debschitz-Kunowski, undatiert
Berlinische Galerie – Landesmuseum für Moderne Kunst, Fotografie und Architektur, Foto: Anja Elisabeth Witte / Berlinische Galerie

Lotte Laserstein vor dem Gemälde „Abend über Potsdam“, fotografiert von Wanda von Debschitz-Kunowski, undatiert
Berlinische Galerie – Landesmuseum für Moderne Kunst, Fotografie und Architektur, Foto: Anja Elisabeth Witte / Berlinische Galerie

So wählt sie als Hintergrund für ihr Werk auch nicht das prosperierende Berlin, die schillernde und zugleich abgründige Metropole der Weimarer Zeit, sondern das eher konservative Potsdam. Der Entstehungsort der Darstellung war wahrscheinlich die Terrasse eines Hauses in der Gregor-Mendel-Straße. Von dort konnte sie das Panorama der ehemaligen preußischen Residenzstadt einfangen mit den markanten Türmen der Peter-und-Paul-, Nicolai- und Garnisonkirche. Die Stadtansicht gibt es so heute nicht mehr. Der Zweite Weltkrieg hat Wunden hinterlassen, die in der Nachkriegszeit mit moderner Architektur geschlossen wurden. Einige Ruinen, wie die der Garnisonkirche, wurden sogar erst in den 1960er-Jahren gesprengt.

Der Himmel zieht sich zu

Lasersteins Werk präsentiert sich somit auch als ein Fenster in die Geschichte. Es entstand ein Jahr nach der Weltwirtschaftskrise, die viele Menschen in ihrer Existenz bedrohte. Inflation, Massenarbeitslosigkeit, der aufkommende Nationalsozialismus. Der Himmel über der Weimarer Republik zog sich zu. Die Menschen waren zunehmend desillusioniert. Aus unserer heutigen Perspektive scheint Abend über Potsdam geradezu als Symbol einer Zeitenwende.

Laserstein hatte das Gemälde fast bis zu ihrem Lebensende in ihrem Atelier verwahrt. Sie hielt es für ein Schlüsselwerk ihrer Kunst. Erst sechs Jahre vor ihrem Tod gab sie es auf eine Galerieausstellung nach London, wo es an einen britischen Privatsammler verkauft wurde. 2010 erschien es auf einer Auktion  und wurde dort von der Berliner Nationalgalerie erworben. Damit kam es zurück an jenen Ort, an dem Lasersteins Karriere begann.

Ausstellungsansicht „Lotte Laserstein. Von Angesicht zu Angesicht“, Foto: Städel Museum

Ausstellungsansicht „Lotte Laserstein. Von Angesicht zu Angesicht“, Foto: Städel Museum


Alexander Eiling ist Sammlungsleiter für die Kunst der Moderne am Städel und Kurator der aktuellen Laserstein-Ausstellung.

Die Ausstellung „Lotte Laserstein. Von Angesicht zu Angesicht“ läuft noch bis 17. März 2019 im Städel Museum.

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